Wassernotstand Big Business legt Kalifornien trocken

In Kalifornien droht das vierte Trockenjahr in Folge, Gouverneur Schwarzenegger rief 2009 den Notstand aus. Dabei müsste Wasser gar nicht knapp sein - hinter dem Engpass stecken die Interessen eines Multimillionärs. Experten schimpfen: Die Grundversorgung verkommt zum Big Business.

Jenni Roth

Aus Los Angeles berichtet Jenni Roth


Etwa hundert Meilen nördlich von Los Angeles erstreckt sich ein massives Reservoir: die Kern Water Bank, eine gigantische, unterirdische Wasserbank. Unter einer Decke aus Tumbleweed, Sand und Gestrüpp deponieren Wassermanager in nassen Jahren ihr Guthaben, also überschüssige Wasserrechte. In trockenen Zeiten heben sie es wieder ab: Dann rauscht, wie in diesen Tagen, mitten in der Wüstenlandschaft kristallklares Wasser aus dicken Pumpen in Kanäle, die es Hunderte Meilen nach Süden transportieren.

"Water flows uphill toward the money", lautet ein kalifornisches Sprichwort. Geld bestimmt die Strömung.

Im Süden liegt Los Angeles. Im Stadtteil Beverly Hills residiert Stewart Resnick in seinem "Little Versailles". Der millionenschwere Unternehmer wurde 2009 für sein philantropisches Engagement ausgezeichnet, Gesundheit, Kultur und Bildung stehen auf seiner Agenda, aber auch sein Granatapfelsaft wurde lobend erwähnt. Granatäpfel sind nur ein kleiner Teil von Resnicks Farm-Imperium im San Joaquin Valley, der "Agropolis" Amerikas. 118.000 Acres - fast die Größe des Bodensees - umfasst das Plantagenreich von Paramount Farms allein in Kalifornien.

Resnick ist über ein weiteres Unternehmen, Westside Mutual Water Co., 48-prozentiger Eigentümer der Wasserbank - und ein großer Gönner der Politik im Land: Seit er vor 25 Jahren sein erstes Ackerland kaufte, haben er und seine Frau nach einer Auflistung des lokalen, von Journalisten betriebenen Rechercheportals "California Watch" der Politik fast vier Millionen Dollar gespendet.

Er spende nicht strategisch, sagt Resnick. Das Thema Wasser spiele dabei keine große Rolle.

Farmer fürchten um ihr Wasser

Wasser ist in Kalifornien ein Politikum. Es ist immer zur falschen Zeit am falschen Ort: Wenn im Frühjahr die Schneeschmelze aus der Sierra Nevada in die Täler fließt, liegen die Felder brach. Wenn die Farmer im Sommer Wasser brauchen, ist es trocken. Zudem verfügt der Norden nach Berechnungen der kalifornischen Wasserbehörde über rund drei Viertel des Nutzwassers, aber 80 Prozent verbraucht der Süden. Aus einem gigantischen Becken, dem Sacramento San Joaquin River Delta bei San Francisco, pumpt der Staat das Wasser in den durstigen Süden.

Besonders viel Wasser braucht Resnick für seine Mandelbäume. Kalifornien exportiert Mandeln im Wert von fast zwei Milliarden Dollar und ist damit weltgrößter Produzent. "We feed the world", sagen Farmer hier oft. Resnicks Trumpf: Der Löwenanteil des Wassers - 80 Prozent - geht in Kalifornien in die Landwirtschaft.

"Wasser ist das neue Cash Crop", sagt Adam Scow, Wasser-Experte bei der Nichtregierungsorganisation Food&Water Watch.

Einer muss sich keine Sorgen machen

Doch nun fürchten selbst die Farmer um ihr Wasser. Nach drei trockenen Jahren in Folge fließt aus dem Norden immer weniger Wasser auf ihre Felder. Der Staat hat die Pumpen heruntergefahren, um das gefährdete Ökosystem im Delta zu schützen. Gouverneur Arnold Schwarzenegger rief bereits im Februar 2009 den Wassernotstand aus und stellte im November einen Plan für eine verbesserte Wasserinfrastruktur vor.

Einer allerdings muss sich keine allzu großen Sorgen machen. Wenn Resnick Wasser braucht, holt er es sich einfach bei seiner Wasserbank. Und wenn er auch dort kein Guthaben mehr abheben kann, weil schlicht kein Wasser da ist, verweist er auf seine Arbeiter, deren Jobs gefährdet seien. In Teilen des San Joaquin Valley ist die Arbeitslosenquote vor ein paar Monaten auf 40 Prozent geklettert. "Denen da oben ist der Stintfisch wichtiger als die Menschen", ätzte stellvertretend für die Farmer der Moderator Sean Hannity beim konservativen Sender Fox News.

"Lächerlich", erwidert Umweltschützer Scow. "Die Arbeiter sind meist illegale, rechtlose Immigranten, die manchmal für zwei Dollar auf dem Feld schuften und von Strategen wie Resnick instrumentalisiert werden." Im Frühjahr etwa seien sie dafür bezahlt worden, an einem Protestzug für mehr Wasser teilzunehmen.

Resnicks Firma Paramount Farms weist den Vorwurf entschieden zurück. "Wir wissen von keinerlei Zahlungen durch Paramount an Mitarbeiter, damit sie an politischen Demonstrationen teilnehmen", sagt Unternehmenssprecher Rob Six. Paramount stehe für faire Bezahlung und grundlegende Arbeitnehmerrechte. Man setze alles daran, "den Immigrationsstatus und die Arbeitserlaubnis der Beschäftigten auf Rechtmäßigkeit zu prüfen".

"Schlampige Wissenschaft"

Gouverneur Schwarzenegger nennt Resnick und dessen Frau zwei seiner "liebsten Freunde", Nancy Sinatra und Jimmy Carter zählten schon zu Resnicks Gästen, ebenso US-Senatorin Dianne Feinstein und Publizistin Arianna Huffington, schreibt "California Watch". Im Herbst klagte Resnick in einem Brief an Feinstein, das Umweltprogramm im Delta sei unverantwortlich. Es zwacke den Bauern das Wasser ab und schade der Wirtschaft. "Schlampige Wissenschaft" warf der Multimillionär den staatlichen Naturschutzbehörden vor. Kurz darauf bat Feinstein Präsident Barack Obama um 750.000 Dollar für eine neue Studie zum Umweltschutz im Delta. Mittlerweile ist die Studie in Auftrag gegeben und Scow empört: "Es gibt wohl kein Thema, das wissenschaftlich schon so durchgekaut ist."

Dabei hat Resnick auch so schon gut verdient. 200 Millionen Steuerdollar, dazu private Gelder, flossen auf eine Art "Umweltkonto": Der Staat pumpte weniger Wasser aus dem Delta und kaufte dann den Farmern Wasser ab, um die Versorgungslücke zu füllen. So konnte auch Resnick dem staatlichen Programm Wasser zu Discountpreisen ab- und in trockenen Zeiten zu Marktpreisen weiterverkaufen, insgesamt für mehr als 30 Millionen Dollar zwischen 2000 und 2007, ganz legal: "Es ist wie bei jeder Bank. Wer Geld abhebt, den fragt der Bankangestellte doch auch nicht, was er mit dem Geld vorhat", sagt Jonathan Parker von der Wasserbank. Von subventioniertem Wasser könne keine Rede sein, "schließlich betreibt Resnick die teure Infrastruktur".

"Hydraulic Brotherhood" nennen Kritiker das einflussreiche Netzwerk aus Politikern, Wissenschaftlern und Großgrundbesitzern, das auch Umweltschützer Scow kritisiert. "Wasser sollte ein Grundrecht sein. Aber unser System ist die Geisel privater Interessen." Sogar Wassermanager Jim Beck, Leiter der Wasserbehörde von Kern County, gibt zu: "Wasser ist in Kalifornien kein öffentliches Gut." Resnick selbst und sein Unternehmen Paramount Farms wollten sich auf Anfrage nicht zu der Kritik äußern.

Big Business statt Versorgungssicherheit

Privatleute müssen mit ihrem knappen Wasser sparsam umgehen, während Großproduzenten auch in trockenen Zeiten kaum Einbußen fürchten. Notfalls verkaufen sie ihr staatlich subventioniertes Wasser an die durstigen Vorstädte. Natürlich mit Gewinn.

Paradebeispiel dieses Kuhhandels ist das Imperial Valley. Der größte Bewässerungsbezirk Kaliforniens ist trockener als manche Teile der Sahara, verfügt aber über wertvolle Wasserrechte, die Agenturen und Farmen gern weiterverkaufen - mit Milliardengewinnen etwa an das durstige San Diego. Dafür verzichten die Farmer auf das Bewirtschaften mancher Felder, was in dieser Wüstengegend ohnehin oft ein Verlustgeschäft wäre. "Das ist Big Business, mit Versorgungssicherheit hat das nichts zu tun", sagt Adam Scow.

Genug Wasser gibt es dagegen für die Heu- und Alfalfafelder. Woche für Woche werden Hunderte Container mit Heuballen gefüllt und aus dem Hafen von Long Beach ins landarme Japan verschifft. Dort fressen es die Kobe-Rinder, deren zartes Fleisch dann für dreistellige Summen auf den Tellern von Sternelokalen landet. Laut Wissenschaftlern der University of California, Davis, hat Kalifornien 2008 bis zu 765.000 Tonnen Heu exportiert, den Großteil nach Japan, berichtet der Internetdienst "Alternet". Dafür brauchte der Sonnenstaat mindestens 560 Milliarden Liter Wasser - so viel wie die Bewohner von San Diego in zwei Jahren.

Auch im Reis steckt ein gutes Geschäft. 2,7 Billionen Liter Wasser fließen nach Angaben der Erzeugerorganisation Californian Rice Commission jährlich auf die Reisfelder, fast 2,6 Prozent des kalifornischen Gesamtverbrauchs. Allein auf die Reisexporte entfielen 2008 etwa 1,35 Billionen Liter - genug, um Los Angeles 20 Monate mit Wasser zu versorgen. Dazu kommen Billionen Liter für die hoch subventionierte Baumwollindustrie. "Wo Macht und Geld sind, ist eben auch Wasser", sagt Scow.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 78 Beiträge
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Seite 1
orion4713 04.03.2010
1. unsere Zukunft?
Zitat von sysopIn Kalifornien droht das vierte Trocken-Jahr in Folge, Gouverneur Schwarzenegger rief 2009 den Notstand aus. Dabei müsste Wasser gar nicht knapp sein - hinter dem Engpass stecken die Interessen eines Multimillionärs. Experten schimpfen: Die Grundversorgung verkommt zum Big Business. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,677072,00.html
was sagt die Erfahrung? Alles was in den USA passiert, kommt mit einer Zeitverzögerung auch nach Deutschland. Na dann, Prost!
Celegorm 04.03.2010
2. ...
Zitat von orion4713was sagt die Erfahrung? Alles was in den USA passiert, kommt mit einer Zeitverzögerung auch nach Deutschland. Na dann, Prost!
Es ist zu bezweifeln, dass sich klimatisch-geographische Besonderheiten exportieren lassen. Das Problem basiert schliesslich auf der heiklen Konstellation eines Missverhältnisses zwischen verfügbarem Wasser, Bevölkerungsanzahl und -verteilung sowie wasserintensiver Landwirtschaft. Was sich so in Deutschland logischerweise nirgends finden lässt und sich auch nie wird finden lassen, zumindest nicht in dem Ausmass. Ansonsten klingt das einmal mehr nach einer typischen Marktineffizienz durch die Verteilung dieser Wasserrechte und Sonderregelungen. Halt das übliche Ergebnis, wenn einzelne Interessensgruppen auf Kosten der Allgemeinheit einen Vorteil für sich generieren können..
JaguarCat 04.03.2010
3. Ist das jetzt gut oder schlecht!?!?
Die Nahrungsmittelindustrie ist eine der letzten Industrien, die es in den USA noch gibt, die sich nicht mit staatlichen Überbrückungskrediten von der einen zur nächsten Krise retten. Und jetzt wird gemeckert, dass man dafür eben Wasser braucht!? In einem trockenen Staat wie Kalifornien wird Wasser auch immer knapp sein, es wird also staatliche Reglementierung geben müssen. Und so werden immer die Interessen von Privatpersonen mit denen der Agrarwirtschaft kollidieren. Wobei die Privatpersonen eher die Chance haben, ihren Wasserverbrauch zu zügeln, z.B. den Pool im Winter neu befüllen oder eben weniger ausgiebig Duschen, als die Agrarwirtschaft, die nur die Alternative hat, Felder komplett brach liegen zu lassen. Jag
MadMad 04.03.2010
4. ....
Na zum Glück haben wir noch nicht ein solches Wasserproblem, aber das kann man auch auf Öl oder sonstige Rohstoffe übertragen. Wer am meisten bietet bekommt am meisten und solange von Staatswegen hier kein Riegel vorgeschoben wird ändert sich daran nichts. Problematsich daran ist nur, dass wenn eine Regierung hier aktiv wird, sie bei der nächsten Wahl eventuell abgewählt wird und der nächste die Änderung wieder zurücknimmt um wiedergewählt zu werden. Somit sind wir irgendwie doch wieder bei dem Thema Wahlen und wie man diese am besten ausgestalten müsste und dazu fällt mir echt nichts ein ... MadMad von www.diemeinungen.de
BiffBoffo 04.03.2010
5. Der Mensch
Merkt es erst dann wenn alles zu spät ist. Erst wenn er es am eigenen Leib spührt. Wird sich was verändern. Irgendwann geht auch derjenige unter der das ganze Geld hat. Dann wird er denken, mist, könnte ich doch blos mit dem Geld was anfangen und einiges umbiegen was ich verbockt hab. Aber den Amis gehört es nicht anderst. Business oder wie ich in meiner Welt sage, dummheit, wird bestraft. Schade halt nur um die Umwelt. Die gehören alle enteignet!
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