Weltwirtschaftsforum in Davos Elite im Alarmzustand

Terror in Frankreich, eine drohende Staatspleite in Griechenland und ein schwelender Konflikt in der Ukraine - 2015 hat turbulent begonnen. Entsprechend aufgeladen ist das Treffen der Mächtigen in Davos.

Sicherheitsvorkehrungen in Davos: Die Angst vor dem Terror ist auch Thema
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Sicherheitsvorkehrungen in Davos: Die Angst vor dem Terror ist auch Thema

Aus Davos berichten und


Es gab Zeiten, da diente das Weltwirtschaftsforum im Schweizer Nobelort Davos der versammelten Macht- und Geldelite als gemächlicher Jahresauftakt. Ein bisschen Politikgeplauder, ein paar Geschäfte - das war's. Wer Zeit hatte, ging danach noch Ski fahren.

Wenn Organisator Klaus Schwab das Forum an diesem Mittwoch eröffnet, wird das anders sein. Unter den Mächtigen herrscht Alarmstimmung. Und dafür gibt es gleich mehrere Gründe.

  • Geopolitische Konflikte verunsichern Politik und Wirtschaft. Dabei steht nach den Anschlägen von Paris vor allem die Bedrohung durch islamistische Terrorgruppen wie IS und al-Qaida im Vordergrund. Aber auch der ungelöste Ukraine-Konflikt trübt die Stimmung - verbunden mit der Frage nach dem künftigen Verhältnis zwischen dem Westen und Russland.
  • Unmittelbar nach dem Weltwirtschaftsforum in Davos wird in Griechenland neu gewählt. Und sollte das Linksbündnis Syriza mit seinem Chef Alexis Tsipras gewinnen, droht die Rückkehr der Eurokrise mit einer neuen Debatte über einen Schuldenerlass.
  • Unruhe erzeugt auch die Geldpolitik der Notenbanken. Nachdem die Schweiz in der vergangenen Woche die Bindung des Franken an den Euro gekappt hat, erwarten Experten, dass die Europäische Zentralbank (EZB) schon an diesem Donnerstag ein Ankaufprogramm für Staatsanleihen verkünden wird. Der Kurs des Euro, durch die Politik der EZB in den vergangenen Monaten schon arg nach unten gedrückt, dürfte dadurch weiter fallen. Das beobachten auch die Amerikaner mit Sorge: Sie wollen eigentlich dieses Jahr aus der Niedrigzinspolitik aussteigen. Doch ein dadurch noch weiter steigender Dollar kann kaum in ihrem Interesse sein. Manch einer spricht schon vom nächsten Währungskrieg.

All das wird Thema sein in Davos. "Der neue globale Kontext" steht als Motto über der ganzen Veranstaltung. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko wird ebenso sprechen wie Frankreichs Staatsoberhaupt François Hollande und der irakische Regierungschef Haider al-Abadi.

Von Deutschland verlangt die Welt gerade in solch turbulenten Zeiten Führungsstärke. Die größte Volkswirtschaft der Eurozone nimmt bei vielen aktuellen Themen eine entscheidende Rolle ein, sei es im Umgang mit Griechenland oder im Ukraine-Konflikt.

Auf die Kritik der vergangenen Jahre, Deutschland sei beim Treffen der Weltelite politisch unterrepräsentiert, hat die Bundesregierung offenbar reagiert. Dieses Mal reisen neben Bundeskanzlerin Angela Merkel noch neun Bundesminister mit in die Berge. Sigmar Gabriel, Wirtschaftsminister und Vizekanzler, wird sogar auf einem prominent mit mehreren Regierungschefs besetzten Podium über die Herausforderungen Europas diskutieren. Ob sich Merkel bei ihrer Rede am Donnerstag zu weltpolitischen Fragen äußern wird, ist offen. Ihr offizielles Thema lautet "Globale Verantwortung in einem digitalen Zeitalter".

Die deutsche Wirtschaft will nicht digital werden

In diesem Zeitalter ist die deutsche Industrie offenbar noch nicht ganz angekommen. Obwohl Wirtschaftsminister Gabriel immer wieder für die sogenannte Industrie 4.0 wirbt, in der die Fertigung zunehmend vernetzt und digitalisiert wird, sieht man den Trend in deutschen Chefetagen skeptischer als anderswo. Das zeigt eine Umfrage der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) unter 1300 Topmanagern, die in Davos vorgestellt wird.

Nur 16 Prozent der deutschen Firmenlenker sehen demnach Techniken wie 3D-Drucker oder Online-Instrumente für eine verbesserte Kundenbindung als relevant für das eigene Unternehmen an - das ist weltweit der niedrigste Wert. Dabei wird derzeit so manche Branche durch neue Technologien aufgemischt, das zeigt etwa der derzeitige Angriff der Uber-App auf die Taxibranche.

Jeder zweite Top-Manager weltweit und in Deutschland rechnet denn auch damit, dass in den nächsten Jahren neue Wettbewerber aus anderen Branchen in den eigenen Markt eindringen werden. Dennoch erwägt nur jeder zehnte deutsche Manager, selbst in fremde Gefilde vorzudringen. Fast zwei Drittel lehnen eine solche Expansion ab - und bilden damit erneut Schlusslicht unter den 77 erfassten Ländern. Herr Direktor Schuster bleibt offenbar besonders gern bei seinem Leisten.

"Industrie 4.0 ist kein Hype, der schnell wieder verschwinden wird", warnt Norbert Winkeljohann, Vorstandssprecher von PwC Deutschland. Das digitale Zeitalter werde viele Geschäftsmodelle zerstören und neue entstehen lassen. "Deutsche Unternehmen sind gut beraten, nicht einfach nur zuzusehen."

Vielleicht fehlt deutschen Managern tatsächlich ein wenig von jenem Unternehmergeist, der in Davos jedes Jahr aufs Neue beschworen wird. Vielleicht liegt die mangelnde Experimentierlust aber auch daran, dass die bisherigen Geschäftsmodelle immer noch ziemlich gut laufen. Zwar haben sich die Erwartungen an die globale Entwicklung bei deutschen Führungskräften ebenso wie in fast allen anderen Weltregionen im Vergleich zum Vorjahr deutlich eingetrübt. Mit Blick auf das eigene Unternehmen sind die Manager aber deutlich optimistischer (siehe Grafiken). Auch das ist eben eine Botschaft des Weltwirtschaftsforums: Egal wie viele Krisen es in der Welt gibt - Geschäfte werden immer gemacht.

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Weltwirtschaft: Top-Manager erwarten gute Geschäfte

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insgesamt 34 Beiträge
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an-i 20.01.2015
1.
Assad wird verteufelt, weil er gegen Islamistische Gruppen militärisch vorgeht und Poroschenko der gegen die Minderheit im Lande einen Vernichtungskrieg führt wird von Europäischen Politikern hofiert. Ich kann es nicht verstehen.
minduser 20.01.2015
2. Jetzt bloß nicht einknicken Kollegen!
Denkt daran, die Steueroasen müssen geschützt werden. Wollt ihr denn, dass die Reichen ärmer werden? Die Europäer dürfen sich nicht einigen. Die Niederlande Luxemburg & Co. müssen jetzt zusammenhalten. Defizitprobleme lösen Draghi und Juncker, zahlen wird der Steuerzahler, wie der Name schon sagt :-) PWC, Goldman Sachs und Credit Suisse haben schon Pläne parat. Zu wem sollen denn die RTL- und Sat1-Zuschauer aufsehen, wenn wir verarmen? Die Groko ist auf unserer Seite, Schröder und Maschi werdens schon richten und Schulz wird sich nicht sperren, ist ja auch einer von uns :-) Wir müssen nur Pegida endlich mundtot machen. Mensch, diese unkontrollierten Menschen könnten sich böse entwickeln, falls die Mal Gehör finden.
michel28 20.01.2015
3.
"Geopolitische Konflikte verunsichern Politik und Wirtschaft." Das ist ja der Knaller, wenn sich Zündler über das Feuer beklagen.
agua 20.01.2015
4. Letzter Satz
An den letzten Satz des Artikels könnte man noch hinzufügen:Und sei es mit Waffen...
hubie 20.01.2015
5. Schere zwischen Arm und Reich
Das sollte sie auch stören... die "Elite" kann sich nicht halten, wenn der gemeine "Mob" Gerechtigkeit fordert. Ich selbst lebe auf der Sonnenseite, trotzdem ist mein Bankkonto nichts gegen das von erfolgreichen Unternehmern - ob ehrlich oder unehrlich. Ab einer gewissen Menge an Geld geht es nicht mehr fair zu, da verbessern sich die Konditionen meist nur noch für die ohnehin schon Vermögenden. Stichwort Gerechtigkeit. Höneß meldet mehr also 100 Millionen nicht dem Steueramt und der (gewiss unsympathische) Prinz von Anhalt muss 3 Jahre in den Knast, weil er 5 Autos auch privat genutzt hat obwohl er dies nicht hätte tun dürfen... - und der Typ ist ja auch schon recht wohlhabend.
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