Weihnachtspredigten Kirchen kritisieren Raffgier-Ökonomie

"Inhuman", "ethische Maßstäbe aufgelöst", "Wachstum ist kein Gott" - so hart wie in ihren diesjährigen Weihnachtsreden haben Deutschlands Bischöfe das Wirtschaftssystem schon lange nicht mehr kritisiert. Konzerne sollen soziale Werte achten, statt nur Profite maximieren zu wollen.


München/Hannover/Berlin - Es ist eine der wichtigsten Predigten des Jahres - und Deutschlands Bischöfe haben sich die Gelegenheit nicht nehmen lassen, Klartext zu reden.

In ihren Weihnachtsbotschaften kritisierten sie einhellig die Entwicklungen an den internationalen Finanz- und Wirtschaftsmärkten und forderten eine Rückbesinnung zu den "Grundlagen des menschlichen Miteinanders", wie es der Münchner Erzbischof Reinhard Marx ausdrückte.

Bettler und Passanten in Dresden: "Schnelle Rendite ist nicht so interessant wie Einstehen füreinander"
DDP

Bettler und Passanten in Dresden: "Schnelle Rendite ist nicht so interessant wie Einstehen füreinander"

Marx warnte zu Heiligabend vor einer "Tendenz zur inhumanen Ökonomie": Ein Wirtschaftssystem, das sich nicht am Menschen orientiere und die Würde des Menschen nicht in den Mittelpunkt stelle, zerstöre letztlich die Grundlagen des menschlichen Miteinanders, sagte der Erzbischof bei der Christmette im Münchner Liebfrauendom.

"Wachstum ist kein Gott"

Marx bezeichnete die Weihnachtsbotschaft von der Menschwerdung Christi als "Leitbild der Gesellschaft". Weihnachten sei nicht einfach eine Ruhepause in hektischer Zeit, sondern eine "unersetzbare Quelle der Orientierung für die Gesellschaft". Die Heilige Schrift stelle die Geburt Christi bewusst in den Kontext einer politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzung, sagte Marx.

Auch die Landesbischöfin der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers, Margot Käßmann, äußerte sich kritisch über die Wirtschaftsexzesse der vergangenen Monate. "Schnelle Rendite ist nicht so interessant wie Einstehen füreinander. Wachstum ist kein Gott, den ich anbete, sondern ein nachhaltiger Lebensstil. Und Gottvertrauen ist wichtiger als Geld", sagte sie. Sie ermutige der Gedanke, dass Gott die Kraft zur Bewältigung von Krisen nicht im Voraus gebe, "weil wir sonst hochmütig werden".

Außerdem empfahl sie den Menschen in ihrer Weihnachtspredigt mehr Gottvertrauen. "Bei mir kann sich etwas ändern, wenn ich mich Gott anvertraue. Mein Leben macht Sinn, weil Gott mir Sinn zusagt, weil Engel rufen: Fürchte dich nicht", sagte sie in der Marktkirche in Hannover. Schon sei das Krisenjahr 2009 ausgerufen, Arbeitsplatzabbau und Konjunktureinbruch drohe. "Ja, ich weiß, viele haben Angst. Aber wir können nicht nur mit Angst leben, wir brauchen Hoffnung, Vertrauen und Zuversicht gegen die Angst." Krisen gehörten zum Leben - das griechische Wort "kritein" bedeutet unterscheiden. Vielleicht könnten die Menschen im kommenden Jahr zwischen wichtig und unwichtig unterscheiden lernen, hofft die Bischöfin. "Fernsehen, Geld und Lottozahlen sind weniger wichtig als Glaube, Liebe, Hoffnung."

"Christliche Grundsätze sind weggebrochen"

Noch deutlicher wurde Bischof Norbert Trelle vom Bistum Hildesheim: Angesichts der bestürzenden Entwicklungen der Finanz- und Wirtschaftsmärkte vermute er, "dass hier nicht nur wirtschaftstheoretische Grundregeln missachtet wurden, sondern dass christliche Grundsätze weggebrochen sind und sozialethische Maßstäbe sich aufgelöst haben".

Zuvor hatte bereits der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Wolfgang Huber, das Profitstreben von Managern kritisiert. Er nannte dabei den Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, als negatives Beispiel: Er erwarte, "dass niemals wieder ein Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank ein Renditeziel von 25 Prozent vorgibt", sagte Huber der "Berliner Zeitung". Dadurch würden Erwartungen geweckt, die immer größer würden und nicht erfüllt werden könnten. Bonuszahlungen müssten in die Stabilisierung der Finanzsysteme zurückfließen und Manager mehr Bescheidenheit an den Tag legen.

"In den aktuellen Zusammenhängen ist das Geld zum Gott geworden", sagte Huber. Eine "nachhaltige Wertsicherung" sei ethische Verpflichtung und müsse in Banken Vorrang haben vor dem kurzfristigen Gewinn und der Bezahlung von Managern. Die Ausnutzung persönlicher Freiheit und die Vernachlässigung von Verantwortung habe "unsere Welt in eine tiefe Krise gestürzt". Er rufe zu einer Rückbesinnung auf nichtmaterielle Werte auf: Die Menschen müssten viel klarer zwischen Gott und Geld unterscheiden als in den vergangenen Jahren; der Boom an den Finanzmärkten sei nicht durch reale Werte gedeckt gewesen und habe sich im Nachhinein betrachtet "ganz deutlich als Tanz um das Goldene Kalb" erwiesen: "Dass wir diesen Tanz nun wirklich hinter uns lassen und Geld nicht länger vergötzen, das ist für mich eine ganz wichtige Lehre des zu Ende gehenden Jahres."

Meisner kritisiert Verhalten von Bankern

Trotz Konjunktur- und Finanzmarktkrise dürfe man die weltweite Armut nicht vergessen, sagte Huber: "Für Gerechtigkeit im eigenen Land einzutreten, das geht gar nicht, ohne dass man auch mit Menschen teilt, die von Armut in der ganzen Welt betroffen sind", sagte der höchste Repräsentant von rund 25 Millionen evangelischen Christen in Deutschland.

Auch der katholische Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner kritisiert angesichts der Finanzkrise das Verhalten vieler Banker. "Der Banker ist Treuhänder für Geld, das ihm nicht gehört und mit dem er arbeiten muss", sagte er der "Kölnischen Rundschau". "Dass dieses Ethos so verlorengehen kann, dass Leute mit Dingen Handel treiben, die nicht existieren - das ist erschütternd."

"Menschenrechte sind Gottesrechte, und wenn man sich das klarmacht, dann kann man nicht einfach seinen Job durchziehen ohne weitere Rücksichten, gleich in welcher Branche", sagte Meisner. Die soziale Marktwirtschaft könne nur "global gedacht werden". Zum Umgang mit Geld erinnerte Meisner an das erste Gebot: "Du sollst keine fremden Götter neben mir haben." Der größte Reichtum eines Menschen sei nicht Geld und Gut, sondern der Glaube an den lebendigen Gott.

sam/dpa/AP

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