Weltbank-Chef Wolfowitz: Der Falke auf der Lauer

Von Anne Seith

Er galt als neokonservativer Hardliner und Vater des Irak-Kriegs - seine Ernennung zum Präsidenten der Weltbank vor einem Jahr rief deshalb international Empörung hervor. Doch in seinem ersten Amtsjahr gab sich Paul Wolfowitz überraschend zahm. Viel zu zahm, finden seine Kritiker.  

Hamburg - Nobelpreisträger Joseph Stiglitz prophezeite "Straßenproteste und Gewalt in der Dritten Welt", als US-Präsident George W. Bush letztes Jahr seinen Kandidatenwunsch für das Amt des Weltbank-Präsidenten verkündete. Die deutsche Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul erklärte sarkastisch: "Die Begeisterungsstürme im alten Europa halten sich in engen Grenzen." Die "New York Times" sprach von einem "Schlag gegen die internationale Gemeinschaft".

Weltbank-Chef Wolfowitz: "Die Standards hat er drauf"
REUTERS

Weltbank-Chef Wolfowitz: "Die Standards hat er drauf"

Wolfowitz, der "Falke aus dem Pentagon", galt als rücksichtsloser Chefideologe der Bush-Regierung und Vater des Irakkriegs, der im Kampf gegen den Terrorismus eine Politik der militärischen Härte propagierte – und dafür ohne Wimpernzucken internationale Bündnispartner brüskierte. Wolfowitz habe außer seiner dreijährigen Erfahrung als Botschafter in Indonesien und einigen Flügen über die Tsunami-Trümmer keinerlei Qualifikationen für den Job, hieß es außerdem. Doch nach der Tradition sucht der US-Präsident den Weltbank-Chef aus - und die anderen Mitglieder fügten sich schließlich.

Ein Jahr nach seinem Amtsantritt ist es still geworden um Wolfowitz. Wenn der 62-Jährige heute in der Presse erwähnt wird, dann hat er meistens etwas gegen Korruption gesagt: Den Kampf gegen dieses "Krebsgeschwür", den sein Vorgänger James Wolfensohn ausrief, ging Wolfowitz nach seinem Amtsantritt mit besonderem Eifer an. Im Tschad stoppte er wegen Korruptionsvorwürfen die Finanzierungshilfen für eine Ölpipeline, in Indien wurden die Zahlung von einer Milliarde Dollar für ein Gesundheitsprojekt ausgesetzt, in Kenia wurden bereits zugesagte Kredite auf Eis gelegt.

Ansonsten ließ Wolfowitz scheinbar alles beim Alten. Er betonte gebetsmühlenhaft seine Verpflichtung gegenüber seinen "Shareholdern", entwarf einen "Aktionsplan für Afrika" und arbeitete fleißig weiter am Mammutprojekt Schuldenerlass, das Wolfensohn in die Wege geleitet hatte und das im Juli dieses Jahres nun endlich starten soll. "Die Standards hat er drauf", heißt es jetzt aus der Weltbank. Auch Entwicklungsministerin Wiezcorek-Zeul erklärt versöhnt: "Nach einem Jahr Amtszeit gibt es eine erfreuliche Kontinuität in den Strategien zur weltweiten Armutsbekämpfung."

"Nach dem Motto: Good cop, bad cop"

"Wolfowitz hat sich entgegen aller Befürchtungen nicht als Mann der US-Administration profiliert", erklärt Peter Wolff vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik. Selbst in NGO-Kreisen klingt der Protest gegen den neuen Weltbankchef etwas müde. "Es hat sich nichts verbessert", erklärt Daniela Setton von Weed.

"Der ist ein eigenständiger Kopf, der sich nichts sagen lässt", heißt es auch aus Weltbankkreisen. Unter dem Schlagwort Clean Energy habe Wolfowitz bei der Frage nach der weltweiten Energieversorgung sogar das in den USA äußerst unbeliebte Thema Klimaschutz ins Rampenlicht gerückt.

Trotzdem ist man intern alles andere als zufrieden mit dem neuen Chef: Vor allem Wolfowitz' Personalpolitik sorgt für Unmut. Entgegen der herkömmlichen Praxis besetze er zahlreiche Schlüsselposten mit alten Vertrauten - die meisten von ihnen US-Amerikaner. "Die Stimmung ist sauschlecht hier", sagt ein hochrangiger Weltbank-Mitarbeiter. Wolfowitz schotte sich gegen die Ländervertreter im Gouverneursrat (Board) regelrecht ab und fälle Entscheidungen im Alleingang. Die Maßnahmen gegen Tschad und Usbekistan etwa seien nicht abgesprochen worden. "Da muss man doch mal die Board-Mitglieder fragen", empört sich der Diplomat.

"Das läuft hier so nach dem Motto: Good cop, bad cop", erklärt er. "Wolfowitz ist ein ausgesprochen freundlicher und hochinteressanter Gesprächspartner, und in Sitzungen des Boards hört er meistens nur zu. Aber sonst lassen die Leute, die er mitgebracht hat, einen nicht an ihn ran." Mit der Politik der offenen Türen, die der frühere Präsident Wolfensohn gepflegt hätte, sei es vorbei.

Kreuzritter gegen Korruption

Mit NGO-Vertretern gehe Wolfowitz genauso um, sagt Daniela Setton. "Er hört immer sehr nett zu und redet sehr moralisch. Aber ändern tut sich nichts." Schon allein deshalb ist sie sich sicher: Der Falke ist noch lange nicht gezähmt. Langfristig werde Wolfowitz die Weltbank im Sinne der US-amerikanischen Interessenpolitik nutzen, sagt sie und verweist auf die Entscheidung, die Weltbank-Vertretung in Bagdad trotz massiver Sicherheitsbedenken wieder zu eröffnen.

An solche Verschwörungstheorien glaubt man inzwischen bei der Weltbank kaum mehr. Die autoritäre Hauspolitik sei schlicht Wolfowitz' Stil, sagt der Weltbank-Mitarbeiter. Trotzdem glaubt auch er: Wolfowitz ist nicht der richtige Mann für den Job. Der einstige Vordenker der Bush-Regierung ziehe jetzt weltweit als Kreuzritter gegen korrupte Regimes und Institutionen zu Felde - schablonenhaft sei diese Strategie, und längst nicht ausreichend. "Wir haben im Moment ganz andere Aufgaben: Die internationalen Finanzorganisationen müssen sich vollkommen neu ausrichten."

Tatsächlich werden die Rufe nach einer grundlegenden Reform der Weltbank und der Schwesterorganisation, dem Internationalen Währungsonds (IWF), immer lauter. Denn bisher ist es beiden nicht gelungen, die weltweite Armut nachhaltig zu reduzieren. Die Effizienz der Kreditvergabepolitik sei vollkommen unklar, monieren immer mehr Kritiker deshalb. Schwellen- und Entwicklungsländer würden zu wenig in die Entscheidungen einbezogen; die Zuständigkeiten der beiden Institutionen seien außerdem stetig angewachsen und vollkommen unübersichtlich.

Wolfowitz-Vorgänger Wolfensohn leitete bei der Weltbank bereits verschiedene Reformen in die Wege: Er organisierte die Führungsspitze neu und versuchte, neue Strategien zu entwickeln. Das allerdings könne lediglich ein Anfang sein, heißt es aus der Bank. "Wir brauchen jetzt große Konzepte und Leute, die Denkanstöße geben. Aber Wolfowitz fehlen schlicht Visionen. Der wird sich an der Aufgabe die Zähne ausbeißen."

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