Weltfinanzzentrum auf Abruf: Die Globalisierung erreicht die Wall Street

Seit Jahrzehnten ist New York die global führende Finanzmetropole – doch damit könnte es bald vorbei sein. Die Konkurrenz aus London, Hongkong und Shanghai setzt den Wall-Street-Bankern zu. Schuld sind auch die exorbitanten New Yorker Gehälter, erklärt der Volkswirt Willi Semmler.

New York – Michael Bloomberg verdankt der Wall Street seinen Aufstieg und seinen Reichtum. Der heutige Bürgermeister New Yorks begann seine Karriere einst bei der Investmentbank Salomon Brothers; in den frühen achtziger Jahren gründete er einen erfolgreichen Börseninformationsdienst, der bis heute Bloombergs Namen trägt.

Händler an der New York Stock Exchange: Die Gehälter der New Yorker Finanzmarkt-Arbeiter sind enorm angestiegen
AFP

Händler an der New York Stock Exchange: Die Gehälter der New Yorker Finanzmarkt-Arbeiter sind enorm angestiegen

Allein aus dieser Biographie heraus ist schon zu verstehen, warum sich Bloomberg intensiv für die Zukunft des Finanzplatzes New York interessiert. Und wenn er an diese Zukunft denkt, macht sich der Bürgermeister neuerdings große Sorgen.

Schon in den nächsten zehn Jahren könnte die Wall Street ihre lange unantastbar scheinende Stellung als Finanzzentrum der Welt verlieren – so steht es in einer Studie, die Bloomberg und der Senator Charles Schumer jüngst beim Beratungskonzern McKinsey in Auftrag gaben. Als Herausforderer werden darin etablierte Finanzzentren wie London, Hongkong und Tokio genannt, andererseits auch relative Newcomer wie Shanghai und Dubai.

"Unsere Überlegenheit in der Finanzindustrie ist nicht mehr selbstverständlich", schrieben Bloomberg und Schumer in einem Begleitbrief zu der 134-seitigen Untersuchung - das sei eine "beunruhigende" Entwicklung, finden sie. Politisch wie wirtschaftlich möchten die USA gerne unilateral handeln, doch die globale Finanzwelt ist multipolar geworden.

Andere wachsen schneller

Wie sind die Fakten? Die wirtschaftliche Bedeutung des Finanzsektors ist in den USA traditionell ungewöhnlich groß – er trägt acht Prozent zum Bruttosozialprodukt bei und stellt fünf Prozent der Beschäftigten. Gerade New York verdankt seinen Wohlstand zu großen Teilen der Finanzwelt. Viele der weltweit führenden Privatkunden- und Investmentbanken haben hier ihren Hauptsitz, von Goldman Sachs über Merrill Lynch bis zur Citigroup. Die Mitarbeiter der Banken, Hedgefonds und Börsenmaklerbüros stellen in New York ungefähr ein Sechstel der Beschäftigten.

Die dominante Stellung von New York als Börsen- und Bankenmetropole zeigt sich dadurch, dass der Kapitalbestand dort immer noch fast doppelt so hoch ist wie der in andere Regionen: In New York liegt er bei 51 Billionen Dollar für Aktien, private und öffentliche Kreditaufnahme sowie für Bankeinlagen - in Europa einschließlich London sind es 38, in Japan 20 und im restlichen Asien 13 Billionen Dollar. Allerdings verbuchen die anderen Regionen beim Kapitalbestand höhere Zuwachsraten als New York, warnt der McKinsey-Bericht. So wuchs der financial stock in den USA zuletzt um 6,5 Prozent, in Europa legte er aber um 6,8 Prozent zu - in Asien und Japan waren es sogar rund 15 Prozent.

Die McKinsey-Studie beklagt aber vor allem, dass New York seine Konkurrenzfähigkeit bei der Neuausgabe von Aktien und im Geschäft mit Derivaten verliere. Zwar ist New York weiterhin der dominierende Markt für Kreditgeschäfte. Im Derivate-Markt, der weltweit seit 2004 um 50 Prozent wuchs, hat New York aber Marktanteile verloren. Auch das Geschäft mit Börsengängen verlagert sich in Metropolen wie London, Hongkong oder Shanghai.

Die vorgeblichen Gründe …

Was sind die angeblichen Ursachen für den relative decline des Finanzzentrums New York? Der McKinsey-Bericht, der sich weitgehend auf eine Befragung von mehr als 50 Konzernchefs beschränkt hat, benennt eine Reihe von Gründen. Viele davon zeugen eher vom Selbstmitleid der Führungsetagen als von gründlicher Fehlerdiagnose.

So wird in dem Bericht erstens die hohe Zahl von Gerichtsverfahren und insbesondere Sammelklagen gegen Firmen genannt. Diese haben insbesondere seit der Finanzkrise in Asien in den Jahren 1997/98 und den Bilanzskandalen bei Konzernen wie Enron 2001 und WorldCom 2002 zugenommen. Aktienbesitzer akzeptieren es nicht mehr ohne weiteres, wenn Konzerne Risiken durch Bilanztricks auslagern oder Insiderinformationen ausnutzen. Auch der gerade zum Gouverneur von New York gewählte Eliot Spitzer hatte in seiner Zeit als Generalstaatsanwalt des Bundesstaates unlautere Finanzmarktpraktiken mit einer lange nicht erlebten Konsequenz verfolgt.

Zweitens beklagt der Bericht, dass in New York vielerlei Instanzen und Institutionen für die Regulierung des Finanzmarktes zuständig seien – während die Regulierung zum Beispiel in London einheitlicher sei, auch seien Verfahren dort weniger streng. Drittens betonen die Autoren vor allem, das nach dem Enron-Skandal im Kongress beschlossene Sarbanes-Oxley-Gesetz führe zu einem schrumpfenden Marktanteil New Yorks bei Börsengängen. Dieses Gesetz verschärft die Anforderungen an die Bilanzierung und macht die Konzernchefs für die Genauigkeit der internen Zahlungen persönlich haftbar.

Entsprechend sehen auch die Lösungen aus, die der McKinsey-Bericht vorschlägt: Sammelklagen gegen Konzerne sollten beschränkt und das Sarbanes-Oxley-Gesetz abgeschwächt werden. Auch gelte es, der Finanzbranche neue Steuererleichterungen zu gewähren.

… und die tiefer gehenden Ursachen

Viele Finanzmarktexperten finden, dass der McKinsey-Bericht nur an der Oberfläche kratzt. Denn es gibt noch weitere Gründe, warum New Yorks Anteil am globalen Finanzgeschäft schrumpft. So sind die Einwanderungs- und Arbeitsbestimmungen seit dem 11. September 2001 stark verschärft worden. Es ist schwierig und langwierig, ein Visum für die USA zu erhalten - ausländische Firmen mit Sitz in New York haben Probleme, Mitarbeiter aus ihren Heimatländern in die USA zu transferieren.

Hinzu kommt: New York leidet unter den klassischen Nachteilen eines Hochlohnstandortes. Die Blase auf dem Wohnungsmarkt hat das Leben in der Stadt noch einmal teuerer gemacht. Bei den Lebenshaltungskosten liegt sie circa 30 Prozent über dem Rest des Landes. Unter anderem auch deswegen arbeiten die Finanzfirmen in New York mit weit höheren Kosten als die Konkurrenten in London, geschweige denn in China.

Die Gehälter der New Yorker Finanzmarkt-Arbeiter sind enorm angestiegen. Schon jetzt entfallen 65 Prozent der Kosten in der Branche aufs Personal. Die Mitarbeiter der Finanzindustrie stellen zwar nur ein Sechstel der Beschäftigten in der Stadt – sie erhalten aber die Hälfte des Einkommens.

Auch die explosionsartige Entwicklung bei den Vorstandsgehältern trägt ihren Teil dazu bei. Die Bezüge amerikanischer CEOs standen denen der Durchschnittsbeschäftigten noch vor 15 Jahren im Verhältnis 20 zu 1 gegenüber. Inzwischen liegt die Relation bei 400 zu 1. Und in kaum einer Branche verdient die Führung so gut wie bei Investmentbanken. Was Wunder, dass Banken ihren Kunden steigende Gebühren abverlangen und die Wettbewerbsfähigkeit New Yorks schwindet.

Zum anderen trägt der allgemeine, realwirtschaftliche Wandel zum relativen Bedeutungsverlust des Finanzplatzes New York bei. In anderen Ländern der Welt wächst die Wirtschaft eben schneller als in den USA. Mit einer Wachstumsrate von 3,5 Prozent schlugen sich die Vereinigten Staaten zwar 2006 besser als die EU – China indes verzeichnete 10 Prozent Wachstum, in Indien waren es rund 9 Prozent.

Die Finanzmärkte folgen den realen Märkten: Neu gegründete Firmen in Asien brauchen Aktien- und Kreditfinanzierung, möglichst vor Ort. London wiederum profitiert davon, dass sich die City als Finanzzentrum für Russland und andere boomende osteuropäische Länder sowie für die arabischen Ölstaaten etablieren konnte. Asiatische Finanzzentren wie Hongkong, Singapur, Tokio und Shanghai sind schnell gewachsen. Diese Megatrends stellen für die Börsenmetropole New York eine viel größere Herausforderung dar als unliebsame Finanzmarktregulierungen.

Jeder CEO ist für freie Märkte, geringe Regulierung und Konkurrenz – im Prinzip. Es gilt nach wie vor, was Adam Smith bereits vor mehr als 200 Jahren feststellte: "every business man is for competition, but not for himself”. Ein ähnliches Motiv scheint auch hier am Werke zu sein. Die McKinsey-Studie ist einseitig und übertreibt die Gefahren. Sie birgt sogar die Gefahr, zur selbst erfüllenden Prophezeiung zu werden.

Panikverkäufe von Luxus-Appartements auf der Park Avenue hat es jedenfalls noch nicht gegeben.

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