Weltfrauengipfel "Jammern hilft uns auch nicht weiter"

Frauen sind das Rückgrat der Wirtschaft, sie bestimmen die Entwicklung von Unternehmen, sagt Irene Natividad, Präsidentin des Weltfrauengipfels. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt sie, was erfolgreiche Frauen ausmacht, und fordert, endlich weniger zu lamentieren.


SPIEGEL ONLINE: Frau Natividad, was ist typisch weiblich in der Wirtschaft?

Navidad: Ich weiß weder, was typisch weiblich noch was typisch männlich ist. Aber ich kann Ihnen sagen, was Frauen für die Wirtschaft bedeuten. Sie sind das ökonomische Rückgrat der Welt und das aus einem einzigen Grund: Die Mehrheit der Konsumenten sind Frauen - und ich rede hier nicht von der shoppenden Hausfrau. Ich rede von Geschäftsfrauen, die in zunehmendem Maße für den Einkauf in Firmen zuständig sind, und von der Schraube bis zu Beratungsleistungen bestimmen, was gekauft wird.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet das für die Wirtschaft?

Natividad: Die Zukunft jedes Unternehmens wird davon abhängen, was Frauen kaufen. In Europa wird schon jetzt jedes dritte Auto von einer Frau gekauft. Es reicht für Autokonzerne aber nicht, ein Schleifchen darum zu binden und zu hoffen, dass es damit für weibliche Käufer attraktiver wird.

SPIEGEL ONLINE: Sondern?

Natividad: Die Wirtschaft muss Frauen als Käufer ernst nehmen - das fängt bei der Werbung an und hört bei der Produktentwicklung auf. Frauen machen schon jetzt rund 50 Prozent der Erwerbstätigen aus. Diese Zahl wird weiter wachsen. Frauen fangen zwar mit kleinen Unternehmen an, verdienen aber allein in den USA schon mehr als 2,3 Milliarden Dollar. Und sie beschäftigen damit mehr Menschen als die Top-500-Unternehmen der Forbes-Liste zusammen. Das - da bin ich mir sicher - wird der Motor der Wirtschaft des 21. Jahrhunderts werden.

SPIEGEL ONLINE: Aber trotzdem ist der Anteil an Führungskräften nicht besonders hoch.

Natividad: Das stimmt. Und darüber können wir endlos weinen und jammern. Aber das wird uns nicht weiterhelfen. Ich glaube, es kommt auf den Blickwinkel an: In Europa geht die Geburtenrate dramatisch nach unten, in Zukunft werden die Fachkräfte fehlen. Nur wenn Frauen komplett am Erwerbsleben beteiligt werden, kann dieser Mangel ausgeglichen werden. Deshalb bin ich optimistisch, dass sich daran etwas ändern wird.

SPIEGEL ONLINE: Warum sollte es? Schon heute sind Frauen in Europa und in den USA besser ausgebildet. Trotzdem schaffen sie es nicht in die Führungspositionen.

Natividad: Sie weisen immer nur auf das hin, was immer noch nicht da ist. Anstatt zu sehen, was es schon gibt.

SPIEGEL ONLINE: Was genau müsste sich denn ändern?

Natividad: Firmen müssen begreifen, dass die Einbeziehung von Frauen wichtig für sie ist. Sie begreifen den Markt besser, weil er sie unmittelbar betrifft. Außerdem müssen sich Frauen endlich in bestimmte Berufe trauen. Bei Ingenieuren, Technikern und Naturwissenschaftlern finden sich kaum Frauen, dabei sitzt hier das Geld. Es braucht eine qualitativ hochwertige und erschwingliche Kinderbetreuung, denn nur dann können Frauen Beruf und Familie unter einen Hut bringen. Und natürlich müssen Frauen genauso viel verdienen wie Männer.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland ist schon das Einstiegsgehalt von Frauen im Schnitt niedriger als bei Männern.

Natividad: Es gibt derzeit kein Land der Welt, in dem Frauen das Gleiche verdienen wie Männer. Selbst bei den gleichen Jobs klaffen die Einkommen auseinander. Wie absurd das ist, zeigt ein Satz von Jesse Jackson, dem Präsidentschaftskandidaten und Bürgerrechtler. "Ein Leib Brot kostet für Frauen nicht weniger als für Männer. Warum also bezahlen wir sie schlechter?" Das ist das Kürzeste und Beste, was ich je dazu gehört habe. Und trotzdem: Wenn wir diese drei Dinge anpacken, Kinderbetreuung, Berufswahl und Gerechtigkeit bei der Entlohnung, dann wird sich etwas ändern.

SPIEGEL ONLINE: Würde sich die Welt verändern, wenn mehr Frauen in der Wirtschaft wären?

Natividad: Wenn Frauen Geld nach Hause bringen, dann verbessert sich erstens die Gesundheitsversorgung und die Bildung der Kinder sofort deutlich. Das zeigen alle Untersuchungen und Berichte, zum Beispiel der Vereinten Nationen. Zweitens hätten wir Frieden. Krieg zerstört die Volkswirtschaften und es sind vor allem die Frauen, die zurückbleiben und dann den Wiederaufbau stemmen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt jetzt aber sehr danach, dass Frauen die besseren Menschen sind.

Natividad: Nein, Frauen sind nicht perfekt und sie machen genauso Fehler wie Männer. Trotzdem bewundere ich die Kraft, die Frauen immer wieder aufbringen, wie sie ohne Kredite, ohne Ausbildung und ohne Unterstützung ihr eigenes kleines Unternehmen starten. In Deutschland, in Europa und weltweit.

SPIEGEL ONLINE: Wie kamen Sie überhaupt auf die Idee, ein Netzwerk nur für Frauen zu gründen?

Natividad: Das ist ziemlich einfach. Waren Sie mal bei einem Treffen der Weltbank?

SPIEGEL ONLINE: Nein.

Natividad: Dort sehen Sie nur Männer und so gut wie keine Frauen. Frauen sind vom internationalen Diskurs völlig ausgeschlossen - und das wollte ich ändern. Deshalb der Gipfel, auf dem Geschäftsfrauen und Politikerinnen sich austauschen.

SPIEGEL ONLINE: Wäre es nicht besser, in die Männernetzwerke zu kommen, statt eigene zu bilden?

Natividad: Das eine schließt das andere ja nicht aus. Machen Sie einfach beides! Das allerwichtigste ist doch, Zugang zur globalen Wirtschaft zu bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Was erwarten Sie von dem Gipfel in Berlin?

Natividad: Ich hoffe auf eine größere Teilnahme der europäischen Länder. Außerdem will ich den Dialog verändern, der Gipfel soll kein Lamentier-Klub sein. Ich will nicht mehr darüber reden, was Frauen alles noch brauchen, sondern ein Bewusstsein dafür schaffen, was wir schon alles erreicht haben.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Gipfel wird in Anlehnung an das Weltwirtschaftsforum in Davos oft das "Davos der Frauen" genannt. Hoffen Sie, eines Tages so viel Einfluss zu bekommen, wie die echte Davos-Veranstaltung?

Natividad: Den haben wir doch bereits. Wenn Sie sich anschauen, wer bei uns auftritt, dann ist das bereits wie Davos. Da kommen Geschäftsführerinnen und Führungskräfte von Microsoft, General Electric, IBM und vielen anderen.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie denn daran, dass Männer bereit sind, Wirtschaft und Macht zu teilen?

Natividad: Sagen wir es so: Sie befinden sich im Übergang. Es kommt auf das Land an und es kommt auf die Generation an. Meine Hoffnung ruht auf den jüngeren Männern, die sich - wie ich aus eigener Erfahrung in meinem Umfeld mitbekomme - inzwischen sehr um Familie und Kinder kümmern, und damit ihren Frauen ein gleichberechtigtes Leben und Arbeiten ermöglichen. Auf die setze ich.

Das Interview führte Susanne Amann



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