Welthandel Die Doppelmoral der Industrieländer

Die Globalisierung werde der Dritten Welt mehr Wohlstand bringen, so lautete das Versprechen des Westens. Doch eine neue Studie belegt: Die USA und Europa schotten ihre Märkte gegenüber den Entwicklungsländern systematisch ab.

Von Ulrich Schäfer


Kampf ums Überleben: Bauer in Bangladesch
AFP

Kampf ums Überleben: Bauer in Bangladesch

Es waren wohlgesetzte Worte, mit denen der Kanzler sein Publikum in Neu Delhi umgarnte: Deutschland, so versprach Gerhard Schröder vergangene Woche 500 indischen Unternehmern und Wirtschaftexperten, werde sich diese Woche beim Gipfel der Welthandelsorganisation WTO zum "Anwalt der Dritten Welt" machen. Die nächste Handelsrunde, so versprach auch WTO-Generaldirektor Mike Moore dieser Tage in Genf, werde ganz im Zeichen der Dritten Welt stehen.

Ähnlich schöne Versprechen gab es schon früher. Anschluss durch Handel - das war die Verheißung des Westens. Mehr Wohlstand durch freie Märkte - das war die Devise, mit der Berlin, Brüssel und Washington die Entwicklungsländer zu Deregulierung und Liberalisierung drängten.

Gebrochene Versprechen

Doch in vielen Fällen verlief die Marktöffnung höchst einseitig, wie eine aktuelle Studie unter dem Titel "Eight Broken Promises" (Acht gebrochene Versprechen) belegt. Eindrucksvoll dokumentieren die Experten von Oxfam, einer in 120 Ländern tätigen Nichtregierungsorganisation, wie die armen Länder seit Mitte der achtziger Jahre ihre Zolltarife halbierten und ihre Märkte für die Multis aus Europa und den USA öffneten - und wie der Westen sich zugleich weiterhin massiv gegen die Konkurrenz aus Afrika, Mittelasien oder Lateinamerika abschottet. Die Handelspolitik der Industrieländer sei geprägt von "Doppelmoral und Doppelzüngigkeit", beklagt Oxfam, der Westen vergrößere dadurch das ohnehin schon "obszöne Ausmaß an globaler Ungleichheit", anstatt es zu verkleinern.

So büßen die Entwicklungsländer Jahr für Jahr über hundert Milliarden Dollar ein, weil die Industrieländer, trotz aller gegenteiligen Versprechen, Zoll- und Handelsschranken aufrecht erhalten. So sind die durchschnittlichen Zollsätze, die ein Land wie Bangladesch im Westen entrichten muss, viermal so hoch wie die Tarife, die für Waren aus Industrieländern gelten.

Dabei könnte der internationale Handel, wie Oxfam glaubt, eine "kraftvolle Quelle" im Kampf gegen die Armut und für mehr Wachstum sein. Wenn das Volumen des Welthandels nur um 0,8 Prozent steigen würde, brächte das den armen Ländern mehr Geld ein, als sie jetzt durch Entwicklungshilfe erhalten. Nur werde dieses "große Potenzial", leider, leider, nicht genutzt, "denn die Regierungen der reichen Länder verweigern den armen Ländern den Marktzugang, den sie eigentlich benötigen".



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