Weltkrise privat Erst die Schweinegrippe, dann die App-idemie

Schwein gehabt. Die Asterix-Helden "Spritzdichfix" und "Impfgenus" retten uns vor der Grippe! Dabei steht die nächste Seuche schon vor der Tür: die App-idemie. Tödlich ist die Krankheit nicht, Experten warnen aber vor Verblödung.

Von SPIEGEL-ONLINE-Krisenkolumnist

iPhone-Applikationen: Das Rülpsen geschlechtsreifer Großstädter imitieren

iPhone-Applikationen: Das Rülpsen geschlechtsreifer Großstädter imitieren


Endlich: Die Schweinegrippen-Hysterie setzt sich durch. Zu Beginn der Massen-Behandlung war die Impfmüdigkeit noch derart groß, dass in Regierungskreisen eine Impfmüdigkeits-Impfung erwogen wurde.

Gesundheitsminister Philipp Rösler setzt nach seinem Berliner Grippe-Gipfel auf eine Politik der Nadelstiche. Neben dem aktuell erhältlichen Wirkstoff Pandemrix soll die nächste Generation Namen bekommen, die noch klarer nach lustigen Asterix-Heften klingen. In ersten Testreihen wird mit "Kleinerpix" und "Spritzdichfix" experimentiert sowie "Impfgenus" und "Goldnerschus". Außerdem sollen die Mittel zur Adventsszeit als Mundspray, Duschgel und Brotaufstrich in diversen Geschmacksrichtungen angeboten werden wie Cappuccino/Zimt/Mandel.

Weil der Tennisspieler Tommy Haas der erste halbwegs prominente Infizierte war, wird eine Grippen-Gala ("Schwein gehabt!?") letzte Zweifler vom Sinn einer ordnungsgemäßen Infektion überzeugen. Jörg Pilawa wäre der beste Moderator, den man sich wünschen könnte, findet Jörg Pilawa.

Die Pharmaindustrie sieht beruhigt der "zweiten Welle" der Grippe entgegen, zumal in einer dänischen Nerzfarm jüngst eine neue Virusform aufgetaucht ist. Die Nerz-Grippe wird natürlich teurer als eine mit Kunstpelz, auch wenn sich Menschen bislang nicht infiziert haben.

Vogelstimmen nach Gefiederfarbe sortieren

Doch die nächste Mode-Seuche bricht sich bereits in rasender Geschwindigkeit Bahn: Es ist die sogenannte App-idemie. Betroffen waren zunächst nur Werber, Computer-Fachleute und Heranwachsende mit reichen Eltern. Nun erreicht das Virus schon unbescholtene Hausfrauen und das Top-Management nicht-börsennotierter Firmen aus deutschen Mittelgebirgen. Selbst vor technik-affinen Teilen des Prekariats (mit und ohne Migrationshintergrund) wird es nicht lange Halt machen.

Übertragen wird die Krankheit durch Handys der neuesten Generation, dank derer man sich im Internet mit Applications (Apps) infizieren kann. Die kleinen Zeitbomben machen zunächst durch lustige Kunststücke auf sich aufmerksam: Sie können zum Beispiel Vogelstimmen nach Gefiederfarbe sortieren, die komplette Steuerverwaltung aufstrebender Schwellenländer organisieren oder das Rülpsen eines geschlechtsreifen Großstädters imitieren. Größere Provider werden zum Weihnachtsgeschäft den ersten virtuellen App-lwoi anbieten samt Flatrate zum Koma-Telefonieren. Die nächste Generation kann dann Espresso kochen, Reifen wechseln und Dan-Brown-Romane verfassen.

Die Opfer klagen über schmerzhaft geschwollene Daumen

Impfungen helfen nicht. Die Krankheit ist bisher nicht letal, hat aber nach Meinung von Fachleuten ein nicht zu unterschätzendes Verblödungspotential. Der Verlauf ist bei den meisten Betroffenen ähnlich: Am Rande von Hotelkonferenzen, auf Publikumsmessen sowie in den Wartebereichen von Flughäfen und Bahnhöfen lassen sich die Symptome in all ihren zunächst harmlos anmutenden Ausprägungen studieren.

Phase eins beginnt mit demonstrativem Herumdaddeln, um Kollegen zu beeindrucken oder nicht mit dem Taxifahrer reden zu müssen. In Phase drei klagen viele Opfer bereits über schmerzhaft geschwollene Daumen und fortschreitende Isolation. Die ultimative Phase fünf ist erreicht, wenn Ihr Partner den gesamten Silvesterabend auf seinem iPhone herumdrückt und zum Dessert nuschelt: "Wahnsinn, der kann dir sogar sagen, wieviel Trinkgeld ich in Renminbi zahlen müsste, wenn wir jetzt in Shanghai wären!"

Wohlmeinende Ansprache nutzt in diesem Stadium nichts mehr. Selbsthilfegruppen wie die Anonymen App-ileptiker müssen erst erfunden werden. Seien Sie konsequent: Verkünden Sie die Trennung via SMS!



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