Weltkrise privat Jede Krise bekommt ihren "vuzg"

Jeder Joker hat seinen Batman, jedes Yin sein Yang. Und je düsterer die Krise, umso strahlender ihre Helden: Karl-Theodor zu Guttenberg wird für uns die Welt retten, glaubt SPIEGEL-ONLINE-Krisenkolumnist Thomas Tuma.


Hamburg - Die Krise hat endlich ein Gesicht oder besser: Antlitz. Es ist das von Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg. Alte Studienfreunde und amtierende US-Präsidenten dürfen ihn "Dr. Guttenberg" nennen. Diese Woche wird der alerte Jurist Opel retten durch bloßes Ernst-Schauen und Wenn's-sein-muss-auch-persönlich-in-die-Staaten-Jetten. Dann ist Karstadt dran, Schaeffler und Schiessers Feinripp.

Guttenberg mit Ehefrau Stephanie: Patenter CSU-Spross spricht 64 Sprachen, u.a. Fränkisch und sieben Sanskrit-Dialekte
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Guttenberg mit Ehefrau Stephanie: Patenter CSU-Spross spricht 64 Sprachen, u.a. Fränkisch und sieben Sanskrit-Dialekte

Der eloquente Akademiker ist ein Mann des Volkes und macht seine Sache als Bundeswirtschaftsminister bisher perfekt. Kann man gar nicht anders sagen. Jeder Joker hat seinen Batman, jedes Yin sein Yang, jede Krise ihren "von und zu Guttenberg" ("vuzg", wie wir Fans ihn bereits nennen). Sie bedingen einander wie Leber und Wurst. Je dunkler die Welt, umso strahlender der Held.

Erste offizielle 106-Tage-Bilanz

Vergangene Woche gab es gefühlt mehr 100-Tage-im-Amt-Jubiläumsporträts als Porsche Schulden hat. Hier deshalb die erste offizielle 106-Tage-Guttenberg-Bilanz: Der charmante Politprofi hat der Berliner Regierung Optimismus gebracht und Weltläufigkeit, Jugend und gegeltes Haupthaar, zu dem sich bislang nur Swingerclub-Betreiber und "Bild"-Chefredakteure bekennen wollten.

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Die Krise ist überall. Sie dominiert Politik, Kultur, Industrie und Gesellschaft. Irgendwas droht immer gerade unterzugehen: mal eine Partei oder ein Konzern, mal gleich die Weltwirtschaft oder auch nur der gesunde Menschenverstand. Alles sehr ernst - bisweilen aber auch komisch. Zumindest dienstags und donnerstags in der SPIEGEL-ONLINE-Kolumne von Thomas Tuma. Über Anregungen, Lob und Kritik freut sich
thomas_tuma@spiegel.de.

Sein Vater heißt Enoch und ist Dirigent. Der Familie gehören riesige kasachische Ländereien, halb Manhattan und eine Burg bei Kulmbach. Guttenberg hat die nach ihm benannte Bibel persönlich handkoloriert, spricht 64 Sprachen, u.a. Fränkisch und sieben Sanskrit-Dialekte, ist Unteroffizier der Reserve und AC/DC-Fan, hat einen IQ, der es jederzeit mit Stephen Hawkings Rollstuhl aufnehmen kann sowie eine Ur-Ur-Enkelin von Otto von Bismarck namens Stephanie geehelicht. Das Tollste ist, dass von dieser Aufzählung nicht mal die Hälfte der verklärenden Phantasie des Autors entspringt.

Der patente CSU-Spross ist rund um die Uhr im Dienste der Nation unterwegs. Ein normaler Arbeitstag? Hach Gott! 5.30 Uhr Telefoninterview Deutschlandfunk, 6 Uhr Halb-Marathon, 7.20 Uhr Frühstück mit Stephanie, 7.30 Uhr Live-Schalte zum ZDF-"Morgenmagazin", 7.45 Uhr Ausritt mit dem neuen Araber-Hengst (kurzes Hallo bei Köhlers in Bellevue, Notizen machen für Sattel-Test in "Wild und Hund").

Die politische Haltung schleift sich bald ab

8.10 Uhr bis 8.12 Uhr Stippvisite im Ministerium, Meeting mit Referatsleitern, Anprobe der Trachtenjanker-Herbst/Winterkollektion, Get Together mit Kulmbacher Ortsgruppe des Schwäbischen Albvereins, Keynote-Pressekonferenzen zu den Themen Milchpreisverfall, EU-Finanzmarktregulierung, Abwrackprämie. 8.15 Uhr bis 12.30 Uhr Interviews mit "GQ", "FAZ", "Yam", "AD", "InTouch", "Bunte", "Wall Street Journal", "Super Illu", "Chrismon" (inkl. Fotoshoot in der Reichstagskuppel).

Die Nachmittage und Abende sind meist stressiger. Manchmal rutscht dem juvenilen Vollblut-Manager und solventen Landadligen, dem uneitlen Oberfranken, unbeirrbaren Wertkonservativen und tiefgläubigen Modernisierer aus Versehen noch sowas wie eine politische Haltung raus, aber das schleift sich bald ab.

Nur eine Frage werden wohl erst nachgeborene Historiker beantworten können: Wird "vuzg" der deutsche Obama? Oder wird Obama Amerikas Guttenberg?

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Forum - Darf man über die Krise lachen?
insgesamt 206 Beiträge
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Seite 1
Knippi2006 21.05.2009
1.
Aber klar, man muss sogar. Nie waren Witze so wahr wie heute: Gestern standen wir noch am Abgrund, heute sind wir schon einen Schritt weiter.
Adran, 21.05.2009
2.
Irgendwie hab ich das gefühl, dass das ganze noch sehr lustig werden wird.. Ob man Asmussen auch für seine hervorragende Arbeit zum IWF weglobt, um ihn dann in 15 Jahren wieder zurück zu holen? Würde mich ehrlich gesagt nicht wundern..
Volker Gretz, 21.05.2009
3.
Zitat von sysopDie Weltwirtschaftskrise ist überall: Soffin, Abwrackprämie, Stresstest - alles sehr ernst, bisweilen aber auch komisch. Finden Sie nicht?
Ich weiß nicht, ... Gangsterkommödien beziehen doch überwiegend ihren Charme daraus, dass die Verbrecher auch sympathische Züge mit Identifikationspotential besitzen. Oder sie zumindest von Ordnungshütern ständig in die Schnauze bekommen. Beides liegt ja nicht vor. Die Armen werden von skrupellosen Idioten ausgeplündert und die Ordnungshüter unterstützen sie dabei - und wenn's aufgeflogen ist, helfen die Ordnungshüter bei der Vertuschung. Wie will man daraus eine Kömmödie machen? Dazu müsste ein Happy End her, in dem die Verbrecher leiden.
Hartmut Dresia, 21.05.2009
4.
Zitat von AdranIrgendwie hab ich das gefühl, dass das ganze noch sehr lustig werden wird.. Ob man Asmussen auch für seine hervorragende Arbeit zum IWF weglobt, um ihn dann in 15 Jahren wieder zurück zu holen? Würde mich ehrlich gesagt nicht wundern..
Für viele wird es aber auch noch sehr bitter. Peter Sloterdijk - Du musst dein Leben ändern (http://www.plantor.de/2009/peter-sloterdijk-du-musst-dein-leben-aendern/)
Adran, 21.05.2009
5.
bei den leaders (http://www.youtube.com/watch?v=hRUK9cHFJ5s) ;)
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