Weltkrise privat Manager unterm Holzklassen-Diktat

Was hat Beinfreiheit mit Demokratie zu tun? Und warum applaudieren Geschäftsreisende nicht nach der Landung? Die Krise bringt Top-Anwälten zwar knautschige Käsebrötchen - zerstört aber die gute alte Zwei-Klassen-Fluggesellschaft.

Von SPIEGEL-ONLINE-Krisenkolumnist


Die Wirtschaftskrise schickt sich an, die gute alte Zwei-Klassen-Gesellschaft bei Flugreisen zu zerstören. Bisher war man hinten in der Economy weitgehend unter sich: Handlungsreisende mit leicht abgeschrabbten Dell-Laptops, mittleres Management auf dem Weg zur 12. Inkontinentia-Fachmesse in Düsseldorf und eine Handvoll fröhlicher Senioren, die auf dem Rückflug von Malle oder Lanzarote bei der Landung dankbar dem Kapitän applaudieren.

Business-Class: Allein mit Insolvenzverwaltern und osteuropäischen Geschäftsleuten
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Business-Class: Allein mit Insolvenzverwaltern und osteuropäischen Geschäftsleuten

Neuerdings aber drängt die klassische Business-Class-Elite nach hinten, was die ohnehin eher bescheidenen Freuden des Fliegens weiter trübt. Denn nun lassen sich dort Top-Anwälte, -Werber, -Banker und -Chefredakteure den Sturz ins gesellschaftliche Abseits ohne knatschiges Käsebrötchen und Gratis-"Gala", Piccolöchen und Beinfreiheit deutlich anmerken. Vorne sitzen jetzt nur noch Insolvenzverwalter, Dieter Bohlen und osteuropäische Geschäftsleute, die den Schuss noch nicht gehört haben.

Verbotene Zone jenseits des Trennvorhangs

Die Neo-Economysten hacken auf ihre iPhones ein, schauen aus den Augenwinkeln nach vorn in die neuerdings verbotene Zone jenseits des Trennvorhangs und erklären dann dem Kabinenpersonal, dass sie ja nur zu gern auf die knatschigen Käsebrötchen verzichten und Lufthansa-Chef Mayrhuber beim nächsten Get-together in Frankfurt mal erklären, dass auch Beinfreiheit was mit Demokratie zu tun hat.

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Die Krise ist überall. Sie dominiert Politik, Kultur, Industrie und Gesellschaft. Irgendwas droht immer gerade unterzugehen: mal eine Partei oder ein Konzern, mal gleich die Weltwirtschaft oder auch nur der gesunde Menschenverstand. Alles sehr ernst - bisweilen aber auch komisch. Zumindest dienstags und donnerstags in der SPIEGEL-ONLINE-Kolumne von Thomas Tuma. Über Anregungen, Lob und Kritik freut sich
thomas_tuma@spiegel.de.

Ihr Blick dazu sagt: Nur wegen dieser Vorstands-Schnapsidee von wegen Alle-in-einem-Boot hock ich jetzt hier in der Prollschublade bei den Hartz-IV-Hackfressen. Man ahnt allerdings, dass es bei den Business-Class-Exilanten auch privat besser lief in der Vor-Krisen-Ära: Das Häuschen auf Sylt ist derzeit schwer loszukriegen, die Gattin auch. Der geleaste Range Rover mit dem Sansibar-Logo auf der Heckklappe wird nicht mehr als Firmenwagen subventioniert. Und das Pferd der Kinder verschlingt Unsummen an Stallmiete, Tierarzt und Hörmirdochauf!

Hinzu kommt, was das "Hamburger Abendblatt" jüngst entdeckte: "Geschäftsreisende steigen auf Billigflieger um." Sie tun dies allerdings nur selten freiwillig. Die ersten Erfahrungen mit dieser Art des Reisens haben sich bereits verräterisch in die Mundwinkel mancher Entscheider gegraben: Hamburg-Düsseldorf, das hieß früher: 45 Minuten Flug, Senator-Lounge und Stress-heuchelndes Gott-ja-ich-auch-schon-wieder-Hier inklusive.

Neuerdings bedeutet es bisweilen eine einstündige Busfahrt zum Regionalflughafen Lübeck, wo es Luxusartikel wie zum Beispiel Sitzplätze, Toiletten oder Atemluft nur noch gegen zusätzliche Gebühren gibt, die in bar und mit der üblichen Mehrwertsteuer zu entrichten sind. Irgendwann am Nachmittag landet man dann nicht in London, Frankfurt oder Düsseldorf, sondern an Orten mit aufregenden Namen wie zum Beispiel Hahn oder Gatwick, um dort schlussendlich die Vorzüge eines nicht immer reibungslos verzahnten öffentlichen Personen-Nahverkehrs kennenlernen zu dürfen.

Zugfahren ist stimmungsmäßig übrigens kein Ausweg. Denn dort sitzen jetzt all jene rum, die bisher wenigstens Economy fliegen durften und das Management des Bordbistros deshalb gern in Debatten verwickeln über die Konsistenz der Wiener Würstchen. So bleiben in der schlimmsten Wirtschaftskrise der Menschheitsgeschichte wenigstens die Abstände gleich groß.

Ein bisschen Konstanz in all dem trübseligen Durcheinander ist auch was wert.



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