Weltkrise privat Staatshilfe für Mandy? Oder für Franjo?

Sie möchten toxische Wertpapiere in Staatsknete umtauschen? Ihre Imbissbude braucht eine neue Dunstabzugshaube? Sie heißen Franjo Pooth und sind vor dem 1. Juli 2008 in die Pleite getrudelt? Kein Problem: Der "Wirtschaftsfonds Deutschland" hilft allen.

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Ab dieser Woche fängt der "Wirtschaftsfonds Deutschland" an, seine 115 Milliarden Euro zu verteilen. Auf einem gebührenpflichtigen Parkplatz hinter dem Berliner Bundesfinanzministerium sollen dazu drei Geld-Abholstellen eingerichtet werden: für die Anfangsbuchstaben "B bis K" und "L bis Z": Für "A" gibt es einen Drive-In-Schalter, der unter anderem die gesamte deutsche Autoindustrie betreut.

Franjo Pooth (mit Ehefrau Verona): Zu früh in die Pleite getrudelt
DPA

Franjo Pooth (mit Ehefrau Verona): Zu früh in die Pleite getrudelt

Die Wartezeiten lassen sich in klimatisierten Lounge-Containern überbrücken, die der BDI einrichtet, W-Lan inklusive. Vorstandschefs beziehungsweise Finanzvorstände müssen lediglich eine testierte Jahresbilanz und einen gültigen Lichtbildausweis mitbringen (Führerschein ist auch okay).

Die Bewilligung eines Antrags wird nicht beschleunigt durch Empfehlungsschreiben von Kommunalpolitikern in der Art: "Hiermit bestätigen wir die unbedingte volkswirtschaftliche Systemrelevanz der Hamm-Uentroper Massagepraxis 'Mandy's Lovestüber'l'." Natürlich sind bei der Kreditbearbeitung alle gleich.

Aber die CEOs von nordrhein-westfälischen Energieversorgern mit weltweit über 50.000 Beschäftigten in 190 Ländern haben gegenüber einem alleinstehenden Imbissbudenbesitzer aus Frankfurt/Oder vielleicht doch einen hauchdünnen Vorteil. Letzterer ist zwar in der Regel mit deutlich weniger als zwei Milliarden Euro an Hermeskrediten zu retten.

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Die Krise ist überall. Sie dominiert Politik, Kultur, Industrie und Gesellschaft. Irgendwas droht immer gerade unterzugehen: mal eine Partei oder ein Konzern, mal gleich die Weltwirtschaft oder auch nur der gesunde Menschenverstand. Alles sehr ernst - bisweilen aber auch komisch. Zumindest dienstags und donnerstags in der SPIEGEL-ONLINE-Kolumne von Thomas Tuma. Über Anregungen, Lob und Kritik freut sich
thomas_tuma@spiegel.de.

Oft reicht in Imbissbudenkreisen ja schon eine neue Dunstabzugshaube. Aber der Mann verfügt im bevorstehenden Bundestagswahlkampf nicht unbedingt über ein vergleichbares politisches Drohpotential wie der Energiekonzern.

Im ersten Schritt wird die Bundesregierung nur Unternehmen helfen, die nachweisen können, dass sie unverschuldet und erst nach dem Stichtag 1. Juli 2008 in die Krise geraten sind. Wer schon vorher in eine Pleite getrudelt ist, gilt entweder als zu blöd fürs Geschäft, heißt Franjo Pooth oder ist beides. Doofheit soll erst im zweiten Hilfsprogramm belohnt werden, das im Herbst von der staatseigenen KfW aufgelegt wird. Dann können Kredite oder Bürgschaften im Prinzip von jedem Volltrottel beantragt werden, der in der Lage ist, seine Bankverbindung zu artikulieren. Persönliche Anwesenheit an den Berliner Schaltern ist dann auch nicht mehr zwingend.

Die Beträge werden zeitnah überwiesen. Man sollte nur darauf achten, nicht unter 500 Millionen Euro zu fordern. Bei kleineren Summen stünde der Verwaltungsaufwand in keinem Verhältnis mehr zum erhofften volkswirtschaftlichen Nutzen.

Der Bankenrettungsfonds Soffin bleibt allerdings eine echte Alternative: Um an dessen Hilfen zu kommen, muss man nur ein Geldinstitut gründen, ein paar toxische Papiere (gibt's günstig bei jeder Landesbank) im Keller verbuddeln und bereit sein, das eigene Jahresgehalt auf 500.000 Euro begrenzen zu lassen. Für mich wie 99,8 Prozent der Bevölkerung wäre das eine willkommene Steigerung. Ich würde sogar auf den Kredit verzichten.

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