Weltkrise privat Wenn's Arscherl brummt, ist's Herzerl g'sund

Angeblich ist Geld so billig wie nie. Aber nur für die Banken, nicht für uns Schalterkunden. Oder warum kostet ein Euro immer noch einen Euro? Eine Riesen-Ungerechtigkeit!

Von SPIEGEL-ONLINE-Krisenkolumnist


Geld sei so günstig wie nie, heißt es. Das klingt, als ob einem der Filialangestellte beim Abheben von 100 Euro noch zwinkernd zehn Euro obendrauf legt oder ein paar Happy-Meal-Gutscheine für die Kinder zusteckt. Aber das stimmt gar nicht. Persönliche Stichproben haben ergeben: 100 Euro kosten exakt 100 Euro.

Euro-Scheine: Wie viel kostet eigentlich Geld?
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Euro-Scheine: Wie viel kostet eigentlich Geld?

Für höhere Summen gibt es keinen Mengenrabatt. Wenn man länger als ein halbes Jahr in der Schlange stehen muss, wird kein Inflationsausgleich gewährt. "Bild" bewirbt noch nicht einmal mit Aldi die "Aktion Volks-Kohle: 20 Euro jetzt zum Preis von 18,99".

Und selbst in der Berliner S-Bahn wird man weiterhin von emphatischen Mitreisenden angesprochen, die sich dem gesamten Waggon vorstellen: "Hallo auch, isch bin der Ingo. Um misch als Gartenarschitekt selbständig machen zu können, wär' et escht toll, wenn ihr mal'n Euro hättet." Auch Ingo will nicht 94 Cent oder 1,05 Euro.

Zumindest für den normalen Konsumenten hat sich im Prinzip also nichts geändert: Wer sein Girokonto um fünf Euro überzieht, muss mit Ad-hoc-Erschießung durch den Filialleiter rechnen. Wer immer noch denkt, dass sich sein Geld auf dem Sparbuch vermehrt, glaubt auch an unbefleckte Empfängnis, Til Schweigers Schauspieltalent oder Frieden im Nahen Osten.

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Die Krise ist überall. Sie dominiert Politik, Kultur, Industrie und Gesellschaft. Irgendwas droht immer gerade unterzugehen: mal eine Partei oder ein Konzern, mal gleich die Weltwirtschaft oder auch nur der gesunde Menschenverstand. Alles sehr ernst - bisweilen aber auch komisch. Zumindest dienstags und donnerstags in der SPIEGEL-ONLINE-Kolumne von Thomas Tuma. Über Anregungen, Lob und Kritik freut sich
thomas_tuma@spiegel.de.

Trotzdem ist Geld wahnsinnig billig geworden, aber eben nur für die Institute selbst. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat es ihnen förmlich aufgedrängt. Wer könnte zu 442 Milliarden Euro schon nein sagen? Und das quasi umsonst. Solche Konditionen kennen sonst nur Lottogewinner oder Bezieher staatlicher Transferleistungen (siehe Ingo).

Die Aktion war ein Missverständnis. Die EZB dachte, wenn sie den Banken das Geld so billig gibt, dann würden die es billig weiterreichen. Das ist in etwa von der gleichen prognostischen Kraft beseelt wie jene Kalendersprüche, die Landfrauen früher in Kissenbezüge gestickt haben: "Wenn's Arscherl brummt, ist's Herzerl g'sund."

Apropos: Die Banker sind jetzt sehr flüssig. Dauernd ist in der Fachpresse von Finanzspritzen die Rede, von Geldschleusen, die geöffnet werden und liquiden Mitteln, die in die Institute gepumpt werden. Bestimmt hat EZB-Chef Jean-Claude Trichet persönlich den Geldhahn aufgedreht.

"Wir ersaufen im Geld", wurde ein Händler zitiert. Man hätte das gerne gesehen. Nicht das Ertrinken, das zu den weniger erstrebenswerten Todesarten gehören soll. Sondern wie der Mann da in Badehose oder einem durchweichten Einreiher in gefluteten Schließfach-Katakomben stand und gegen das Tosen der Fluten in sein Handy schrie: "Was? Ich kann Sie so schlecht… Nee… doch… wir ersaufen im Geld."

Gibt es also eine Kreditklemme? Klares Jein, denn zumindest die Banken kriegen's ja im Überfluss. Charakterlich weniger gefestigte Bankangestellte sollen aus purer Panik schon kleinere Konsumentenkredite vergeben haben. Aber das sind bislang Einzelfälle, die vom Bankenverband sofort zur Anzeige gebracht werden.

Nur, wohin fließt der Strom des großen Geldes eigentlich? In die mecklenburgische Seenplatte? Optionsgeschäfte mit argentinischen Rinderhälften? Man weiß es nicht, aber Finanzminister Peer Steinbrück hat schon gedroht, man könne das Geld auch an den Instituten vorbei direkt zu den Kunden leiten, wenn das mit der Kreditvergabe nicht klappt. 80 Millionen Deutsche müssten dann bei Quelle Garten-Planschbecken ordern.

Für die Banker selbst wäre die Karriere-Metamorphose damit endgültig abgeschlossen: erst ausgetrocknet, dann flüssig, bald überflüssig.



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