Weltmädchentag So leben Mädchen heute

Mädchen erfahren millionenfach sexuelle Gewalt und haben schlechtere Bildungschancen als Jungen. Dennoch geht es vielen heute besser als in der Vergangenheit. Ein Überblick zum Weltmädchentag.

Mädchen bei der Hausarbeit in Kambodscha
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Mädchen bei der Hausarbeit in Kambodscha

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Unicef, das Kinderhilfswerk der Uno, beschreibt die Dringlichkeit des Themas wie folgt: "Es wird unmöglich sein, die nachhaltigen Entwicklungsziele zu verwirklichen, ohne alle Mädchen zu erreichen - insbesondere diejenigen, die am stärksten benachteiligt sind."

Die "nachhaltigen Entwicklungsziele" - das sind 17 von der Uno gesteckte Ziele, die die internationale Staatengemeinschaft bis 2030 erreichen will. Unter anderem sollen Armut und Hunger besiegt, eine gute Gesundheitsversorgung sowie hochwertige Bildung für alle Kinder gewährleistet und die Gleichberechtigung der Geschlechter erreicht werden. Diese Ziele werden in den nächsten Jahren ein Gradmesser für den Fortschritt der Menschheit sein.

"Alle Mädchen" - das sind 1,1 Milliarden weibliche Personen unter 18 Jahren, die derzeit auf der Erde leben. Vor genau fünf Jahren, am 11. Oktober 2012, wurde zum ersten Mal der Weltmädchentag begangen. Die Uno hatte ihn ins Leben gerufen, um die Benachteiligungen, denen Mädchen aufgrund ihres Geschlechts ausgesetzt sind, stärker ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit zu rücken.

Beim Weltmädchentag 2017 geht es thematisch um Mädchen in Not- und Krisensituationen. "Gerade in Krisensituationen sind Mädchen besonders anfällig: Sie werden Opfer von Gewalt und sexueller Ausbeutung, ihre Bildung leidet", sagt Ninja Charbonneau von Unicef Deutschland. Zwar ginge es Mädchen heute in vielerlei Hinsicht besser als früheren Generationen. "Trotzdem bleibt noch sehr viel zu tun, auch unabhängig von Krisen."

So leben Mädchen heute - die Fakten und Zahlen

Wo gibt es den größten Handlungsbedarf? Wie viele von ihnen müssen schon als Kinder arbeiten? Wie viele werden Opfer von Krieg und Gewalt? So leben Mädchen heute:

Anzahl: Laut Unicef leben derzeit etwa 1,1 Milliarden unter 18-Jährige auf der Erde. Mehr als die Hälfte wohnt in Asien.

Schülerin in Nigeria
REUTERS

Schülerin in Nigeria

2030 werden in den meisten Regionen der Welt in etwa so viele Mädchen wie heute oder weniger leben. Von diesem Trend gibt es eine Ausnahme: Die Zahl der Mädchen in Afrika wird fast ein Drittel höher sein als noch im Jahr 2015.

Leben: Weltweit lag die Lebenserwartung von neugeborenen Mädchen 2015 laut Weltbank bei 74,1 Jahren. Sie leben damit im Durchschnitt mehr als vier Jahre länger als Jungen, deren Lebenserwartung 2015 bei 69,8 Jahren lag. Bei Mädchen wie bei Jungen steigt dieser Wert seit 1960 kontinuierlich. Am längsten leben 2015 geborene Mädchen demnach in Hongkong (87,3 Jahre), am kürzesten in Sierra Leone (knapp 52 Jahre).

In Deutschland liegt die Lebenserwartung für Mädchen den jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamts zufolge bei 83 Jahren und einem Monat, die für Jungen bei 78 Jahren und zwei Monaten.

Schule: "Hochwertige Bildung" lautet das Schlagwort, mit dem die Uno das vierte ihrer 17 Entwicklungsziele bezeichnet. Bis 2030 sollen alle Jungen und Mädchen eine Grundschule sowie eine weiterführende Schule besuchen. Dieses Ziel wird sich laut Unicef nicht erreichen lassen, wenn Mädchen weiter beim Zugang zu Bildung sowie bei Abschlüssen benachteiligt werden.

Wie sehr sie dabei jedoch noch immer benachteiligt werden, zeigt eine aktuelle Untersuchung der Entwicklungsorganisation One. Demnach können weltweit etwa 130 Millionen Mädchen nicht in die Schule gehen. Die Forscher untersuchten alle Uno-Länder anhand von elf Indikatoren: Wie viele Mädchen gehen nicht zur Schule? Wie lange dauert die Ausbildung? Wie viele Frauen können lesen und schreiben?

Die Länder mit den geringsten Bildungschancen für Mädchen liegen vor allem in Afrika. Die Daten zeigen auch: In den ärmsten untersuchten Ländern ist es für Mädchen viel schwieriger, an Bildung zu kommen als für Jungen. So haben Jungen eine mehr als doppelt so hohe Wahrscheinlichkeit als Mädchen, zumindest die Grundschule zu besuchen. Diese Kluft wird sogar noch größer, je älter die Mädchen sind. So ist die Wahrscheinlichkeit für Jungen, die obere Sekundarstufe zu besuchen, um 83 Prozent höher als für Mädchen.

In Deutschland besuchten dem Statistischen Bundesamt zufolge 5,7 Millionen Schüler und 5,3 Millionen Schülerinnen im Schuljahr 2016/2017 eine allgemeinbildende oder eine Berufsschule.

Schülerin in Stuttgart
DPA

Schülerin in Stuttgart

Die Stärkung der Position von Mädchen im Bereich Bildung hätte laut Unicef auch positive Auswirkungen auf die künftigen Generationen: Junge Frauen, die länger zur Schule gehen, heiraten demnach später und bekommen weniger und gesündere Kinder. Die Kinder dieser Frauen wiederum gehen mit größerer Wahrscheinlichkeit später auch zur Schule. Wenn alle Mädchen in Entwicklungs- und Schwellenländern eine weiterführende Schule abschließen würden, könnte die Kindersterblichkeit halbiert werden, heißt es.

Taschengeld: Die hierzu vorliegenden Daten sind naturgemäß sehr unvollständig. So ist in den ärmeren Regionen der Welt an Taschengeld für Kinder nicht zu denken. Im Gegenteil: Oft müssen Kinder arbeiten, um ihre Familien zu unterstützen.

Dort, wo Zahlen vorliegen, zeigt sich ein Unterschied zwischen Jungen und Mädchen: In Deutschland wurden im Rahmen der "Kinder-Medien-Studie" jüngst etwa 2000 Kinder und Erziehungsberechtigte befragt. Das Ergebnis: Jungen kriegen im Schnitt drei Euro mehr als Mädchen. Im Vorschulalter bekommen Erstere 20 Euro, Letztere knapp 17. In der Altersgruppe von sechs bis 13 Jahren bekommen Mädchen durchschnittlich 41 Euro, Jungen fast 44.

Diese Ungleichheit gibt es auch in anderen Industriestaaten, etwa in Großbritannien und Australien.

Arbeit im Haushalt: Weltweit arbeiten Mädchen im Alter von fünf bis 14 Jahren laut Unicef insgesamt 550 Millionen Stunden im Haushalt. Das sind 160 Millionen Stunden mehr als Jungen. In den Ländern, in denen Daten zu verschiedenen Arten von Hausarbeit verfügbar sind, helfen knapp zwei Drittel aller Mädchen zwischen fünf und 14 Jahren beim Kochen und Putzen. Sie kümmern sich ferner um Geschwister oder holen Wasser.

Ein irakisches Mädchen beim Hüten von Wasserbüffeln
REUTERS

Ein irakisches Mädchen beim Hüten von Wasserbüffeln

Kinderehen und frühe Schwangerschaft: Dem Uno-Kinderhilfswerk zufolge ist die Zahl der Kinderehen weltweit gesunken. Dennoch leben heute rund 750 Millionen Frauen und Mädchen, die vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet waren. Meist brechen die jungen Ehefrauen die Schule ab und bekommen früh Kinder. In den am wenigsten entwickelten Ländern hat jede vierte junge Frau - rund zwölf Millionen - das erste Kind vor ihrem 18. Geburtstag bekommen.

Gesundheit und Gewalt: Laut Unicef stirbt alle fünf Minuten ein Mädchen an den Folgen von Gewalt. In der Gruppe der Mädchen und jungen Frauen hat fast jede Zehnte in ihrem Leben sexuelle Gewalt erfahren: Weltweit sind es 120 Millionen.

In Subsahara-Afrika, dem am stärksten von HIV betroffenen Teil der Welt, sind drei von vier neu infizierten jungen Menschen im Alter von 15 bis 19 Jahren Frauen. Auch die Praxis der Genitalverstümmelung ist trotz einiger Hinweise auf Rückgang in einigen Regionen noch immer weit verbreitet: In den Ländern, in denen sie praktiziert wird, wie in Jemen, im Sudan oder im Senegal, ist jede dritte junge Frau betroffen. Weltweit sind es 63 Millionen Mädchen.

"Gleichberechtigung der Geschlechter" lautet das fünfte Entwicklungsziel der Uno. Auch im Hinblick darauf ist die Einschätzung des Kinderhilfswerks Unicef eindeutig: Das Ziel werde nicht erreicht, "wenn weiterhin jedes vierte Mädchen im Kindesalter verheiratet wird und die Praxis der Genitalverstümmelung in einigen Ländern unvermindert weitergeht".

Mitarbeit: Claudia Niesen, Mara Küpper



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