Weltraum-Werbung Sachsen schießen Käse ins All

Der Leipziger Verband Saxcess hat sich auf Weltraum-Marketing spezialisiert. Kosmonauten promoten Unterhosen, Blumensamen und jetzt auch Käse im All.

Von Michaela Wailzer


Start einer Sojus-Rakete von Baikonur: Am 26. April ist auch Käse aus Sachsen an Bord
DPA

Start einer Sojus-Rakete von Baikonur: Am 26. April ist auch Käse aus Sachsen an Bord

Leipzig - Am 26. April treten 10.000 Käsemilben aus Würchwitz bei Zeitz ihre Expedition von Baikonur zur internationalen Raumstation ISS an. "Eine Strecke wie von Göttingen nach Hamburg, nur halt senkrecht", kommentiert Ralf Heckel, Präsident des Leipziger Verbandes Saxcess, die Käse-Mission.

Der Feinschmecker-Käse, den die Würchwitzer eigentlich nur für den eigenen Gebrauch und zum traditionellen Kleefest produzieren, ist nicht das erste Produkt aus Sachsen, das Heckel in den Orbit schickt. Neben Hotel-Postkarten wurden auch schon Blumensamen und Unterhosen aus Sachsen ins All befördert.

Der Mitbegründer des mitteldeutschen Karriereverbandes und langjähriger Freund des Kosmonauten Sergej Zaletin möchte mit seinem gemeinnützigen Verein Kommunen, Unternehmen und Privatpersonen die Weltraumwerbung schmackhaft machen. Saxcess reserviert dabei eine gewisse Kapazität an Bord russischer Raketen, die von Interessenten gebucht werden kann. "Die Russen sind derzeit die einzigen, die an derartigem Weltraum-Marketing Interesse zeigen", sagt Heckel.

Mit an Bord sind diesmal neben einer CD mit dem Titel "It must be heaven" auch Rückflugtickets der Leipziger Verkehrsbetriebe. Mit den symbolischen Rückflugtickets soll den Raumfahrern für ihre Rückkehr am 8. Mai in einer Sojus-Kapsel viel Glück gewünscht werden. Bei einer der ersten Landungen nach der "Columbia"-Katastrophe hofft man auf großes Medien-Interesse. Davon möchten die Leipziger Verkehrsbetriebe profitieren - Bilder von Kosmonauten mit dem Rückflugticket aus Sachsen in Händen sollen um die Welt gehen. Diese Image-Aktion lassen sich die Leipziger Verkehrsbetriebe rund 25.000 Euro kosten.

Transportpreis: 52 Euro pro Gramm

Die Preise für das Space-Marketing variieren je nach Größe, Fläche und Gewicht des Produktes. Nach einem komplizierten Verfahren wird der jeweilige Transportpreis festgelegt. Der Flug ins All kostet für den Milbenkäse rund 28.000 Euro - ein Sonderpreis. Vor dem Weltraum-Flug muss der Käse zusätzlich für rund 150.000 Euro im Labor getestet werden, zum Beispiel darauf, ob der Käseduft gefährliche chemische Reaktionen in der Schwerelosigkeit auslöst. Der offizielle Transportpreis eines Gramms liegt bei 52 Euro. Rund 80 Gramm werden bei diesem Flug zur Raumstation ISS geschickt.

Vom Werbeauftritt im All erhoffen sich die Würchwitzer weltweite Bekanntheit für den Käse aus dem rund 300-Einwohner Ort. Wenn Raumfahrer diese Spezialität mögen, dürften auch andere Feinschmecker überzeugt sein, so ihr Kalkül. "Die Kosmonauten sind an dieser Idee sehr interessiert, schließlich schmeckt der Käse sehr intensiv, was im All ein Vorteil ist", sagt Heckel. Schon in Flugzeugen werden Speisen stärker gewürzt, um auch bei verändertem Luftdruck ein Geschmackserlebnis zu garantieren. Nach einem erfolgreichen Weltraum-Einsatz soll in Labortests sogar über die Tauglichkeit des Käses als Weltraumnahrung befunden werden.

Universal-Promotion

Ob Produkte, die im Weltraum beworben wurden, auch wirklich den gewünschten Absatz-Erfolg erzielen, kann Heckel nicht sagen: "Wir müssen erst sehen, welche Branchen sich eignen". Jede Kampagne wird daher auf ihre Effektivität geprüft. Als der Olympia-Slogan der Stadt Leipzig "Spiele mit uns" ins Weltall geschickt wurde, lag der Reklamewert bei null. Den Verantwortlichen gelang es nicht, den Weltraum-Flug ihres Slogans zu vermarkten - die Medien nahmen keine Notiz von der Aktion. "Das Olympia-Komitee war einfach noch nicht bereit für eine derartige Form des Marketings", sagt Heckel.

Keine Probleme mit der Effektivität seiner Werbekampagnen hat der sächsische Unterwäsche-Hersteller Bruno Banani. Der russische Kosmonaut Nikolai Budarin wurde bereits 1998 als fliegendes Unterhosen-Modell eingesetzt. In 400 Kilometer Höhe, bei einer Luftfeuchtigkeit von 90 Prozent und einer Geschwindigkeit von 28.000 Stundenkilometer kam die Designer-Unterwäsche zum Einsatz. Schwerelos und nur mit der sächsischen Unterhose bekleidet, absolvierte Budarin sein Fitnessprogramm. Dieser Marketing-Einfall brachte Bruno Banani reichlich Medienpräsenz und sogar Einträge in Lehrbücher über PR-Events. "Die Textilindustrie im Osten hatte es unglaublich schwer. Da halfen nur unkonventionelle Ideen", begründete Wolfgang Jassner, Geschäftsführer von Bruno Banani, den Werbeausflug ins All.

Space Proofed

Immer mehr Markenprodukte werben mit dem Gütesiegel "space proofed". Alle Produkte, die an Bord der ISS sind, werden mit einem Bordstempel versehen und erhalten ein ISS-Zertifikat. Ferrari schickte bereits einen Tropfen Ferrari-Rot ins All, ebenso kam schon ein Klebestift der Marke Pritt im Weltraum zum Einsatz. Aber auch Normalverbraucher können ihre Unterschrift ins All schicken. Für zehn Euro setzt Saxcess die Unterschrift der Interessenten, Sachsen und Nicht-Sachsen, auf eine Liste, die an Bord einer ISS-Mission sein wird. Immerhin kann somit zumindest mal der eigene Name im Weltraum sein.

Für die Promotion-Auftritte im All werden die Astronauten bezahlt. "Die russischen Kosmonauten bessern damit ihr Gehalt auf", erklärt Tassillo Römisch vom Raumfahrtmuseum Mittweida. Damit die Sachsen-Produkte aber auch werbewirksam und mit einem Lächeln präsentiert werden, pflegt Heckel den persönlichen Kontakt zu den Raumfahrern. "Wir wenden uns mit unseren Produkten immer gleich an den Kommandanten, schließlich ist es wichtig, dass er das Produkt gerne in die Kamera hält".

Dabei sind auch persönliche Opfer gefragt. Für seinen erneuten Werbe-Auftritt mit einem Bruno-Banani-T-Shirt auf dem Rückflug von der Raumstation ISS dieses Jahr darf der Kosmonaut Budarin auf keinen Fall zunehmen. Nicht die Figur, sondern die Lade-Kapazität ist dabei das Problem. Die Sojus-Kapsel kann genau 15 Kilogramm Extra-Ladung transportieren, und die ist penibel verplant. Da fallen auch 120 Gramm sächsiches Textil ins Gewicht.



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.