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Weltwährung unter Druck: Wie die USA der Dollar-Falle entkommen

Von Christoph Rottwilm

Die Aktienkurse steigen wieder, gleichzeitig verliert der Dollar an Wert - Investoren fürchten die Rekordschulden der USA, eine drohende Inflation, und immer mehr Länder wollen eine neue Welt-Leitwährung. Doch wer den Greenback schon jetzt abschreibt, könnte sich verspekulieren.

Hamburg - Die Märkte sind sich einig: Seit März spielen sie wieder heile Welt. Das lässt sich an den Aktienkursen ebenso ablesen wie beispielsweise an den Rohstoffpreisen und an den Renditedifferenzen bei Anleihen.

Dollar-Humor an Händlerterminal in der Frankfurter Börse: "Nicht mehr die 'Currency of Choice'"
REUTERS

Dollar-Humor an Händlerterminal in der Frankfurter Börse: "Nicht mehr die 'Currency of Choice'"

Der Grund für die Entwicklung liegt auf der Hand. Die Furcht vor einer tiefen wirtschaftlichen Depression ist gewichen. Stattdessen herrscht jetzt die Zuversicht, dass es auch aus dieser Rezession eine Rückkehr auf den Wachstumspfad geben wird - und da will keiner zu spät in die Märkte einsteigen.

Auch die seit April anhaltende Schwäche des US-Dollar ist zum Großteil auf diesen Sinneswandel zurückzuführen. Zuvor hatte der Dollar monatelang einen stetigen Wertanstieg verzeichnet, getrieben vor allem von der Nachfrage vieler Anleger nach den als sehr sicher geltenden US-Staatsanleihen.

Der Dollar-Hype ist jedoch seit einiger Zeit vorbei. Im Dezember 2008 stockte er zum ersten Mal. Seit März dieses Jahres hat der Greenback gegenüber dem Euro Chart zeigen nun bereits fast 15 Prozent an Wert verloren - die schwindende Risikoaversion der Anleger wird von Experten als wichtiger Grund dafür genannt.

Es gibt aber noch andere Gründe. Und die hängen vor allem mit der Entwicklung des US-Staatshaushalts zusammen. Viele Akteure am Devisenmarkt sind offenbar besorgt über die ausufernde US-Staatsverschuldung und die von der US-Notenbank betriebene expansive Geldpolitik.

"In den vergangenen Monaten hat sich gezeigt, dass eine Währung eher Zuspruch erhält, je defensiver sich die jeweilige Notenbank verhält", sagt Kornelius Purps, Zinsstratege der Unicredit Group. "Die Fed hat ihre Zinsen früh Richtung null gesenkt und schon Ende 2008 die Möglichkeit zum Ankauf von Anleihen, das sogenannte Quantitative Easing, angedeutet." Wenn die EZB erst jetzt die Details ihres Quantitative-Easing-Programms vorstelle, so Purps, wirke das zwar schon fast etwas verspätet - dem Euro aber helfe es.

Klar ist: Ein schwacher Dollar hat auch Vorteile für die USA. Die Exporte des Landes werden dadurch angekurbelt. Das hilft, das Minus in der Handels- und in der Leistungsbilanz auszugleichen.

So gesehen könnte der US-Regierung die Aufregung um den Dollar auf dem internationalen politischen Parkett durchaus recht sein. Viele Länder, die jahrelang die Verschuldung der Vereinigten Staaten mitfinanziert haben, monieren inzwischen die amerikanische Finanzpolitik - und stellen den US-Dollar als globale Leitwährung infrage.

China etwa forderte vor Wochen offen die Ablösung des Dollar als Weltreservewährung und brachte stattdessen eine Aufwertung der Sonderziehungsrechte des Internationalen Währungsfonds (IWF) ins Gespräch. Angesichts der Tatsache, dass die Chinesen gewaltige Dollar-Reserven gebunkert haben und kein Interesse an deren Entwertung haben können, ist diese Forderung zwar nicht wirklich glaubwürdig. Sie ist aber Ausdruck der zunehmenden Skepsis gegenüber der wichtigsten Weltwährung. "Der Dollar ist momentan nicht die 'Currency of Choice'", bringt Experte Purps die Sache auf den Punkt.

Stein des Anstoßes ist regelmäßig das steigende Staatsdefizit der USA. Allein in diesem Jahr, so wird geschätzt, wird Finanzminister Timothy Geithner Anleihen im Wert von bis zu zwei Billionen US-Dollar auf den Markt werfen. Experten stellen sich angesichts solcher Beträge vor allem zwei Fragen: Wie will Washington den Schuldenberg jemals wieder auf eine vernünftige Größe schrumpfen lassen? Und wer soll all die Anleihen eigentlich kaufen?

Die erste Frage haben viele Anleger offenbar schon für sich beantwortet: Die USA könnten auf lange Sicht höhere Inflationsraten in Kauf nehmen. Das Szenario: Sollte die Fed im entscheidenden Augenblick, am Ende der Rezession nämlich, die Zinsen nicht im erforderlichen Maße anheben, so könnte der Wert des Dollar erodieren. Das hätte zwar steigende Preise für die amerikanischen Verbraucher zur Folge - die Staatsschulden würden aber real sinken (die Fachwelt spricht vom "Weginflationieren").

Experten sind sich einig: Auch diese Inflationsbefürchtung trägt zur derzeitigen Dollar-Schwäche bei - und zum Anstieg des Goldpreises, der seit April um 13 Prozent zugelegt hat.

Frage zwei (Wer kauft Minister Geithner all die Anleihen ab?) beschäftigt den angesehenen Anleihenexperten Bill Gross vom US-Rentenfondsanbieter Pimco in seinem aktuellen Marktausblick. "Bisher war es ausreichend, auf eine Erholung der US-Leistungsbilanz zu warten", schreibt Gross. Nun sei aber offensichtlich, dass die Chinesen und ähnliche Staaten das Defizit nicht mehr allein tragen können. "Jemand anderes muss Schecks über bis zu 1,5 Billionen Dollar ausstellen", so der Experte.

Gross sieht zwei Lösungswege, die seiner Ansicht nach beide ernsthafte Konsequenzen für die USA und die weltweiten Finanzmärkte haben. Erstens: Die Verzinsung der US-Anleihen steigt. Das würde vor allem die US-Verbraucher und Unternehmen belasten, die in der Folge für Kredite höhere Zinsen zu zahlen hätten.

Variante zwei: Die Fed, die nach Angaben von Gross schon jetzt auf ein jährliches Ankaufsvolumen von 400 Milliarden Dollar kommt, nimmt den USA auch künftig im großen Stil Anleihen ab. Auch der Experte weist dabei auf die Inflationsgefahr hin, die mit diesem Szenario verbunden ist.

Was also wird passieren? Ist der Euro Chart zeigen bald zwei Dollar wert? Steigt die Staatsverschuldung der USA tatsächlich, was einige Skeptiker ernsthaft befürchten, über 100 Prozent des Bruttoinlandsprodukts? Verlieren die Vereinigten Staaten, wie vor wenigen Tagen noch an den Märkten diskutiert, als Folge daraus bald ihr AAA-Rating für höchstmögliche Kreditwürdigkeit?

"So weit wird es nicht kommen", urteilt Ulrich Leuchtmann. "Die Argumentation der Dollar-Bären wird immer lauter und schriller. Das zeigt meiner Meinung nach, dass den Skeptikern bald die Luft ausgeht." Die Dollar-Schwäche, so der Experte, sei möglicherweise schon bald zu Ende.

Leuchtmanns Optimismus kommt nicht von ungefähr. "Es gibt auch andere Wege, eine Staatsverschuldung in den Griff zu bekommen, als sie wegzuinflationieren", sagt er. Eine Möglichkeit dazu ist ein starkes Wirtschaftswachstum, das die Steuereinnahmen steigern und Konjunkturstützen obsolet machen würde. "Das hätte den positiven Effekt, dass auch das Verhältnis der Staatsschuld zum BIP in Grenzen gehalten würde", sagt Leuchtmann. "Das Rating der USA geriete also nicht in Gefahr."

Nach Ansicht des Experten spricht einiges dafür, dass die USA auf diesem Wege aus der Krise finden. "Am Ende einer Rezession muss eine Volkswirtschaft immer auf niedrigerem Niveau agieren und mit geringerer Produktionskapazität auskommen", sagt er. "Daraus folgt, dass auch die Reallöhne sinken müssen." Laut Leuchtmann haben aber zahlreiche Untersuchungen gezeigt, dass die USA im Vergleich beispielsweise zum Euro-Raum wesentlich besser auf diese Anforderungen reagieren können.

Bleibt allerdings die Frage, ob sie es auch diesmal wieder schaffen.

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Forum - Dollar am Ende?
insgesamt 370 Beiträge
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1.
EU-Austretter 25.05.2009
Zitat von sysopÜber Jahrzehnte war der US-Dollar die globale Leitwährung. Doch in der Krise mehren sich die Stimmen, die Alternativen zum Greenback fordern. Sind die Tage des Dollars als globales Zahlungsmittel gezählt? Diskutieren Sie mit!
Selbstverständlich ist es bald aus mit dem Dollar als Weltwährung. Die Frage ist, was danach kommt, hoffentlich eine multipolare Währungswelt und nicht eine zentralistische Weltwährung
2.
Nihil novi 25.05.2009
Ja, morgen schon! Die Chinesen z.B. werden hellauf begeistert sein.
3. our Money your probleme
Adran, 25.05.2009
Da der Dollar, die Basis aller Währungen ist... Andere Fragen: Sind unsere Globalen Währungen im Popo?
4.
Interessierter0815 25.05.2009
Zitat von sysopÜber Jahrzehnte war der US-Dollar die globale Leitwährung. Doch in der Krise mehren sich die Stimmen, die Alternativen zum Greenback fordern. Sind die Tage des Dollars als globales Zahlungsmittel gezählt? Diskutieren Sie mit!
USA sind seit jahrzehnten im Krieg und ALLE zahlen mit. Es wird Zeit, dass es diesen Blutgetränkten Dollar zerlegt!
5.
Klapperschlange 25.05.2009
Zitat von sysopÜber Jahrzehnte war der US-Dollar die globale Leitwährung. Doch in der Krise mehren sich die Stimmen, die Alternativen zum Greenback fordern. Sind die Tage des Dollars als globales Zahlungsmittel gezählt? Diskutieren Sie mit!
Vor etwa 10 Jahren spielte man mal mit dem Gedanken den Dollar von der DM ersetzen zu lassen. Sensationell waren dann die Ergebnisse, nicht mal 4% der Dollarbestände hätten durch die DM ersetzt werden können. Der Dollar als Weltwährung ist unschlagbar!
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