Weltweite Hungerkrise "Wenn nicht bald etwas passiert, kriegen die Leute kein Essen mehr"

Reis und Weizen werden immer teurer, in Entwicklungsländern kommt es zu Hungeraufständen. Trotzdem hält Star-Investor Jim Rogers die Preise für zu niedrig. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview verlangt er Marktwirtschaft pur - damit sich der Lebensmittelanbau für die Bauern wieder lohnt.


SPIEGEL ONLINE: Mr. Rogers, die Preise für Weizen, Reis, Mais und viele andere Lebensmittel schießen in die Höhe. Was ist der Grund?

Rogers: Landwirtschaft ist ganz klar ein Boom-Markt. Es gibt jede Menge Nachfrage, aber kaum Angebot. Die Lagerbestände befinden sich in vielen Fällen auf dem tiefsten Stand der letzten 50 bis 60 Jahre. Allein beim Weizen gehen die Ackerflächen seit über 30 Jahren zurück. Außerdem verbrennen wir immer mehr Lebensmittel als Biosprit. Wenn nicht bald etwas passiert, kriegen die Leute am Ende kein Essen mehr, egal zu welchem Preis. So etwas hat es in unserer Lebenszeit noch nicht gegeben, das kennen wir nur aus den Geschichtsbüchern. Ich fürchte, so etwas kann wieder passieren.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Rogers: Bauer zu sein war in den letzten 30 Jahren doch eher eine Wohltätigkeitsveranstaltung. Es hat sich einfach nicht gelohnt. Sie kennen wahrscheinlich viele Journalisten, Anwälte oder Banker. Aber wer von Ihren ehemaligen Mitstudenten ist schon Landwirt geworden? Deshalb haben wir jetzt einfach nicht genug Bauern. Und dafür muss jetzt die ganze Welt bezahlen.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist die Lage beim Reis besonders problematisch?

Rogers: Es ist das Gleiche wie fast überall in der Landwirtschaft. Es fehlt an allem: Saatmittel, Dünger, Traktoren und sogar Traktorreifen, weil auf den Rohstoffmärkten auch Gummi knapp ist.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben vergessen, den Einfluss von Finanzinvestoren zu erwähnen. Hedgefonds und Pensionskassen treiben weltweit die Preise in die Höhe. Wieso fließt derzeit so viel Geld in die landwirtschaftlichen Rohstoffe?

Rogers: In den neunziger Jahren steckten die Leute ihr Geld in Aktien, weil die Grunddaten stimmten. Jetzt investieren sie eben in Rohstoffe, weil nun hier die Fundamentalwerte stimmen.

SPIEGEL ONLINE: Ethische Probleme haben Sie keine, wenn Investoren wie Sie prächtige Gewinne mit Weizen oder Sojabohnen machen - und am andern Ende der Welt den Armen das Geld fehlt, solche Lebensmittel zu bezahlen?

Rogers: Moment mal. Das ethische Problem besteht doch darin, dass Regierungen die Lebensmittelpreise kontrollieren. Wenn man die Preise nicht steigen lässt, müssen Menschen verhungern. Die Reisbauern werden ihre Produktion ganz einfach nicht erhöhen, solange sich damit kein Geld verdienen lässt.

SPIEGEL ONLINE: Was sollte denn Ihrer Meinung nach geschehen, zum Beispiel auf den Philippinen?

Rogers: Wenn die Regierung die Preise einfriert, schränken die Menschen ihren Konsum nicht ein. Dadurch verschärft sich der Mangel in den Reisbeständen, und in anderen Ländern wächst der Hunger. In zwei, drei Jahren ist es dann womöglich so weit, dass auch auf den Philippinen Menschen verhungern. Ich finde das unverantwortlich. Wo würden Sie denn Ihren Reis verkaufen: auf den Philippinen - oder an der Rohstoffbörse in Chicago, wo die Preise steigen? Doch wohl in Chicago!

SPIEGEL ONLINE: Wenn man Ihrem Rat folgt, können sich künftig noch weniger Arme Reis leisten.

Rogers: Natürlich. Aber wollen Sie einem Reisbauern sagen: Du musst deinen Reis an die Armen verschenken! Ich glaube nicht, dass er das tun wird. Reisbauern haben die letzten 30 Jahre schon schlecht verdient. Keiner von denen wird seine Produktion erhöhen, wenn er damit kein Geld verdient.

Das Interview führte Frank Hornig


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