Weltwirtschaftsforum in Davos: Ich bin wichtig, ich will hier rein

Aus Davos berichtet

Das Weltwirtschaftsforum in Davos ist für viele Manager der wichtigste Termin des Jahres. Nirgendwo lässt es sich so gut Kontakte pflegen und die eigene Bedeutung zur Schau stellen. Was macht den Zauber aus?

Weltwirtschaftsforum: Der Geist von Davos Fotos
Getty Images

Als Thomas Mann vor ziemlich genau 100 Jahren die Arbeit am "Zauberberg" begann, war die Landschaft, die der Dichter beschrieb, eine Art Zentrum der Entschleunigung. Drei Wochen wollte Manns Protagonist Hans Castorp zu Besuch in einem Davoser Sanatorium bleiben, am Ende wurden daraus sieben Jahre.

Heute muss alles ein bisschen schneller gehen. Gerade einmal vier Tage haben die rund 2500 Manager, Politiker, Journalisten, Wissenschaftler und Künstler, dich sich derzeit mal wieder in den Schweizer Bergen treffen, um die Welt zu retten.

Das nämlich ist das offizielle Motto des jährlichen Treffens. Gründer Klaus Schwab hat sich der Idee verschrieben, "den Zustand der Welt zu verbessern". Dazu stellen er und seine Mitarbeiter jedes Jahr ein Programm mit mehr als 200 Diskussionsrunden zusammen. Von der "Vergangenheit und Zukunft des Universums" bis hin zu "Frauen im ökonomischen Entscheidungsprozess". Für die meisten Teilnehmer jedoch sind diese Runden eher schmückendes Beiwerk. Sie kommen nach Davos, um Kontakte zu knüpfen und Geschäfte zu machen.

Die Atmosphäre ist dabei betont ungezwungen - und irgendwie besonders. Allein rund 1500 hochrangige Manager aus 100 Ländern für vier Tage eingepfercht in einem zugeschneiten Schweizer Alpendorf. Dazu reichlich Partys und Empfänge. Da geht es schon mal ein bisschen lockerer zu als etwa in Frankfurter Bankentürmen, da kommt man sich schnell näher. Die Teilnehmer sprechen gerne mystifizierend vom "Geist von Davos".

Davos gleicht einem internationalen Speed-Dating für Manager

In den vier Tagen wollen möglichst viele Hände geschüttelt und Geschäfte angeleiert sein. Davos gleicht deshalb eher einem internationalen Speed-Dating für Manager als einem gemütlichen Elitestammtisch. Im Halbstundentakt wechseln die Gesprächspartner. "Für das, was man hier in vier Tagen schafft, braucht man sonst zwei Jahre", sagt ein deutscher Top-Manager.

Natürlich bedient der Gipfel auch die Eitelkeit - vielleicht nicht unbedingt bei den Chefs der Weltkonzerne, aber doch bei den größeren Mittelständlern. Wer es nach Davos schafft, hat was zu erzählen, auch wenn diese Geschichten nicht ganz billig sind.

Wer dazu gehört zur globalen Managementelite muss Mitglied sein im Weltwirtschaftsforum (WEF). Offiziell entscheidet darüber ein Gremium - nicht zuletzt spielt aber auch die Zahlungsbereitschaft der Firmen eine Rolle.

Im Prinzip kann jedes größere Unternehmen Mitglied im WEF werden. Einziges offizielles Kriterium ist ein Mindestumsatz, und der liegt, je nach Herkunftsregion des Unternehmens, zwischen einer Milliarde und fünf Milliarden Dollar.

Doch das ist noch nicht alles. Denn wer dabei sein will, muss auch zahlen. Für die Mitgliedschaft im WEF sind 50.000 Franken (rund 40.000 Euro) pro Jahr fällig. Dafür gibt es Zugang zu Studien und regionalen Events. Die Top-Veranstaltung in Davos kostet dann noch einmal 18.000 Franken extra. Und da ist die Rechnung fürs Hotel noch gar nicht drin.

Noch kostspieliger wird es für die sogenannten Industry Partners und Strategic Partners. Sie zahlen für ihre Mitgliedschaft im WEF 250.000 beziehungsweise 500.000 Franken im Jahr - bei solchen Beträgen ist die Teilnahme am Davoser Treffen allerdings inklusive.

Mehr als 40 Staats- und Regierungschefs haben sich angesagt

Trotz der Kosten sind die Plätze heißbegehrt - auch, weil ihre Zahl begrenzt ist. Wer neu rein will, muss erst mal auf der Warteliste schmoren. Normale Mitglieder gibt es 1000, rund 300 Unternehmen dürfen sich als Industriepartner bezeichnen, gerade mal gut 100 als strategische Partner. Zu diesem erlesenen Kreis der Top-Konzerne gehört auch eine Handvoll deutsche Unternehmen: Volkswagen samt Tochter Audi, Siemens, die Deutsche Post und die Deutsche Bank. Sie sind mit ganzen Delegationen vor Ort.

Doch die Unternehmen allein machen Davos nicht zu dem, was es ist. Den Glanz und die öffentliche Aufmerksamkeit verleiht dem Treffen meist die Politik. Mehr als 40 Staats- und Regierungschefs haben sich für dieses Jahr angesagt. Die wichtigsten kommen dabei aus Europa: Bundeskanzlerin Angela Merkel, Italiens Regierungschef Mario Monti, Russlands Ministerpräsident Dmitrij Medwedew, und Großbritanniens Premier David Cameron.

Die USA und China sind in diesem Jahr weniger prominent vertreten. Der schillerndste Abgesandte aus Washington dürfte mal wieder ein Ex-Präsident sein: Bill Clinton ist ein großer Fan der Veranstaltung - und das nicht erst seit 2005, als er sich laut einem Klatschreporter offenbar sehr gut mit der Schauspielerin Angelina Jolie verstand.

Manchmal, sehr selten, wird in Davos große Politik auf offener Bühne gemacht. So wie 1992, als sich der südafrikanische Präsident Frederik Willem de Klerk und Nelson Mandela die Hände schüttelten. Oder so wie 2009, als der türkische Premier Recep Tayyip Erdogan und Israels Präsident Schimon Peres während einer Podiumsdiskussion heftig aneinandergerieten und Erdogan wutschnaubend von der Bühne rannte.

Geheime Gespräche hinter Hotelfassaden

Die richtig wichtigen Dinge werden normalerweise in kleineren Runden besprochen. In Davos gibt es dafür die sogenannten IGWELS ("Informal Gathering of World Economic Leaders"). Sie bestehen meist aus rund 20 Politikern und Top-Managern, die zu "völlig privaten" Treffen zusammenkommen. Die IGWELS tauchen im offiziellen Programm nicht auf, doch sie finden auch in diesem Jahr wieder statt. Themen sind etwa die Zukunft der Energieversorgung oder die geopolitischen Auswirkungen des Arabischen Frühlings.

Es geht natürlich noch exklusiver und geheimer: bei den sogenannten Bilaterals sind es eben nicht mehr 20, sondern zwei, die etwas besprechen - entweder in eigenen Räumen im großen Kongresszentrum, meist aber in einem der umliegenden Hotels. Legendär ist dafür das Belvedere an der Ortspromenade. In den Suiten und Lounges der Luxusherberge lässt es sich ungestört verhandeln.

In der Regel erfährt die Öffentlichkeit nicht, was hinter der Hotelfassade besprochen wird. Doch manchmal setzten die Treffen auch ein Zeichen: Im Februar 1990 etwa sprachen in einer Suite im Belvedere der damalige DDR-Ministerpräsident Hans Modrow und der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl über die Zukunft Deutschlands. Was genau die beiden beredeten, war vertraulich, doch am Rande des Treffens ließen sie sich fotografieren. Das Bild ging um die Welt - und veränderte sie zumindest ein bisschen.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
beirutalumni 23.01.2013
... kommt der Sache am Nächsten.
2. In Davos
killerbiene 23.01.2013
trifft sich einmal im Jahr die Elite und diktiert den Managern in welche Richtung es geht. Ebenso tanzen dort unsere Kanzler an um instruiert zu werden, was man von ihnen will.
3. Nööö
mitbestimmender wähler 23.01.2013
Zitat von killerbienetrifft sich einmal im Jahr die Elite und diktiert den Managern in welche Richtung es geht. Ebenso tanzen dort unsere Kanzler an um instruiert zu werden, was man von ihnen will.
Murksel tanzt nach den Tönen der Gläubiger und grössten Arbeitgebern Deutschlands ;-)
4. Querdenker sagt:
spon-facebook-10000120661 23.01.2013
eventuell werden sie feststellen, dass sie weitere 100 billionen brauchen, gell?
5. Frau Merkel
Spiegelleserin57 23.01.2013
..beim wirtschaftsforum...wer zahlt denn ihr sehr teure reise und Anwesenheit, ich hoffe nicht die Wirtchaft , dann bleibt wohl wieder der Steuerzahler, die wenigsten wissen das ! Naja, wir sind ja im Wahljahr!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles zum Thema Weltwirtschaftsforum in Davos 2013
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 6 Kommentare
Fotostrecke
Erwartungen für 2013: Der bange Blick der Bosse

Karte