Ex-Porsche-Chef Was wurde eigentlich aus... Wendelin Wiedeking?

Fünf Jahre nach der gescheiterten Übernahme von Volkswagen baut der frühere Porsche-Chef eine italienische Restaurantkette auf. Doch viele Gäste mosern.

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Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking: "Sich zur Ruhe setzen ist doch langweilig"
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Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking: "Sich zur Ruhe setzen ist doch langweilig"


Die Recherche-Serie
Über viele Nachrichten und Menschen wird eine Zeit lang sehr ausführlich berichtet - dann verschwinden sie wieder aus den Schlagzeilen. Wie entwickeln sich die Themen weiter, was wurde aus den Personen? Das erklären wir in dieser Serie.
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Die Homepage macht sofort Appetit: Links prangt eine dunkelrote Tomate in Nahaufnahme, rechts frisches Basilikum. In der Mitte poppt eine Bilderbuch-Pizza auf. Und kurz darauf der Slogan: "una storia italiana".

Website von tialini: "Täglich wechselndes Mittags-Special"
Tialini

Website von tialini: "Täglich wechselndes Mittags-Special"

Man wähnt sich virtuell fast schon in Bella Napoli, wenn man die Website der Restaurantkette tialini besucht. Wäre da nicht der Hinweis auf "unser täglich wechselndes Mittags-Special" für 6,99 Euro. Das Schnäppchen ("kleine Pizza oder kleine Pasta plus Piccolo-Salat") soll neue Kunden ködern, Wendelin Wiedekings drei Großrestaurants in Stuttgart, Karlsruhe, Ludwigshafen füllen. Sind doch die bisherigen Gäste nicht gerade begeistert von den Gastro-Tempeln des früheren Porsche-Chefs.

17 Jahre lang hat der Westfale Wiedeking Porsche vom Pleitekandidaten in einen der profitabelsten, meistbewunderten Autobauer verwandelt: mit Modellreihen wie Cayenne, Boxster und Panamera. Fünf Jahre ist es her, dass der Turbo-Manager Porsche verlassen musste. Damals, als sein Coup scheiterte, Volkswagen zu schlucken. Seit dem vergangenen Jahr wagt Wiedeking einen Neuanfang als Wirt - genauer gesagt als Inhaber von tialini, Systemgastronomie all'italiana. Nicht weil er das Geld bräuchte. Sein Privatvermögen wird auf mindestens 300 Millionen Euro geschätzt. Nein, ihn treibt die pure Unternehmerlust.

Mit 61 will Wiedeking noch mal etwas auf die Beine stellen, sein geballtes Management-Know-how auf eine andere Branche übertragen. Es allen zeigen. "Ich war immer Unternehmer", hat er der "Stuttgarter Zeitung" zur Eröffnung der lokalen Filiale verraten. "Einfach nur rumsitzen kann ich nicht." Und nebenbei lenkt ihn das Projekt vom juristischen Ärger ab.

Noch immer sitzt die Staatsanwaltschaft Stuttgart Wiedeking und Porsches früherem Finanzvorstand Holger Härter im Nacken. Sie bezichtigt die beiden der Marktmanipulation beim tollkühnen Versuch, den viel größeren Konzern VW zu übernehmen. Wiedeking und Härter sollen 2008 mehrfach bewusst falsche Angaben gemacht und bis in den Oktober hinein abgestritten haben, 75 Prozent der VW-Stammaktien kaufen zu wollen. Tatsächlich sei dieser Plan heimlich sehr wohl verfolgt worden, lautet der Vorwurf. Wiedeking und Härter streiten dies ab. Im April hat das Landgericht Stuttgart die Eröffnung eines Hauptverfahrens abgelehnt, aber die Staatsanwaltschaft hat Beschwerde eingelegt. Die Richter am Oberlandesgericht wollen noch diesen Sommer verkünden, ob sie ein Verfahren starten oder nicht.

"Sich zur Ruhe setzen ist doch langweilig"

Für Wiedeking geht es um viel: Entscheidet sich das OLG gegen die Prozessaufnahme, hat er endgültig Ruhe vor der Justiz. Kommt es indes zum Strafverfahren, wird das spektakulär und schlagzeilenträchtig. Zumal Investoren in anderen, zivilrechtlichen Prozessen von Porsche Schadensersatz in Milliardenhöhe fordern. Sie waren damals die Verlierer der Kursexplosion der VW-Stammaktie. Damals, Ende Oktober 2008, als das Papier binnen zweier Tage von 200 Euro auf mehr als 1000 Euro hochschoss. Kurzzeitig war der Wolfsburger Konzern das höchstbewertete Unternehmen der Welt. Hedgefonds und andere Spekulanten, die auf fallende Kurse gewettet hatten, verloren gewaltige Summen.

Wenig später ging Porsche das Geld aus. Zuffenhausen musste die Übernahme abblasen und sich Wolfsburg unterordnen. Wiedeking ging am 23. Juli 2009. Zum Abschied bekam er 50 Millionen Euro. Die Hälfte davon steckte er in soziale Stiftungen.

Als Wiedeking abdanken musste, war er nicht einmal 57. Zu jung, um Frühpensionär zu spielen, sich nur seiner Modellautosammlung zu widmen und mit einem 53 Jahre alten Porsche-Traktor auf seinem Acker bei Bietigheim-Bissingen Kartoffeln der Marke "Rosenland" anzubauen. "Sich zur Ruhe setzen ist doch langweilig", sagte er der "Bunten". Er will noch mal das Rad drehen. Wenn auch nicht mehr das ganz große.

Eine Rückkehr an die Spitze eines Dax-Konzerns hat Wiedeking ausgeschlossen: "Ich bin jetzt mein eigener Boss und brauche das alles nicht mehr." An etwa 20 Firmen ist er nach eigener Darstellung beteiligt: vom Schuhhersteller Dinkelacker über die Internet-Reiseportale e-kolumbus und e-hoi bis zur Kommunikationsberatung WMP Eurocom des früheren Kohl-Beraters Hans-Hermann Tiedje.

Dazu sitzt er im Beirat der Signa Holding des umstrittenen österreichischen Investors René Benko und ist Mitaktionär der Tochterfirma Signa Prime Selection AG, die kürzlich groß bei Karstadt eingestiegen ist. In seiner Heimatstadt Beckum bei Hamm hat er schon vor Ewigkeiten den Versicherungsmakler AVS und die Bauträgergesellschaft Gipa Wohnbau aufgebaut. Hier ist er auch Eigentümer des Gasthauses "Pulverschoppen", das er umgebaut und verpachtet hat.

Theoretisch sollte das Konzept laufen, praktisch hakt es

Sein Leib- und-Magen-Projekt ist aber tialini. Er habe schon immer mal in die Systemgastronomie investieren wollen, sagt Wiedeking, der zunächst 20 Filialen anstrebt. "Wir setzen auf standardisierte Abläufe, so dass der Kunde in jedem tialini-Restaurant die gleiche hohe Qualität und die gleichen Geschmackserlebnisse hat. Produkte, Service, Interieur sind klar definiert." Fast wie in der Autoindustrie.

Theoretisch sollte das Konzept laufen, praktisch aber hakt es hier und da. So musste Wiedeking noch vor Eröffnung seine Kette umbenennen: "Vialino" war dem Italo-Platzhirschen Vapiano zu nah am eigenen Namen. Dann klagten Gäste des ersten tialini in Ludwigshafen über schlechten Service, der Geschäftsführer musste gehen. Hier läuft es nun besser. In Stuttgart und Karlsruhe hingegen schmeckt es der Kundschaft offenbar gar nicht. Bei TripAdvisor etwa dümpeln beide Restaurants in der unteren Ranking-Hälfte: In Stuttgart stehen nur elf Prozent positiven Bewertungen fast 63 Prozent Negativkommentare gegenüber.

"Nur für Leute mit viiieeeelll Zeit!", "Leidenschaft gleich Null" und immer wieder "schlechter Service" lauten die Überschriften - wenngleich das Essen selbst oft als passabel beurteilt wird. Ein besonders vergrätzter Gast schreibt: "Kaum zu glauben, dass dieses Logistikdesaster einem Ex-Porschemann passiert." Wiedeking verweigerte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE jeden Kommentar.

Er muss wohl noch ganz schön prozessoptimieren, will er das neue Geschäft in Schwung kriegen. Und dabei manchen Grundsatz aus Autozeiten über Bord werfen: etwa den zu Preisnachlässen. "Diese rabattverwöhnten Kunden werden niemals mehr einen Listenpreis bezahlen", wetterte Wiedeking, als er noch Porsche regierte. Er könne "jeden nur warnen, mit dieser Politik weiter fortzufahren, denn sie führt definitiv nicht zum Erfolg, sondern allenfalls zu Pyrrhussiegen".

Jetzt ist Wiedeking im Restaurantgewerbe - und probiert es selbst mit billig.

Zum Autor
Claus Hecking ist freier Internationaler Korrespondent und Reporter für SPIEGEL ONLINE, die "Zeit", das Magazin "Capital" und andere Medien.

Website: www.claushecking.com

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insgesamt 40 Beiträge
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Seite 1
Newspeak 23.07.2014
1. ...
Muß eigentlich ständig darüber berichtet werden, wie irgendwelche Leute, die sich absurde Vermögen "erarbeitet" haben, selbst verwirklichen? Das ist Journalismus auf dem Niveau der Aktuellen Kamera. Was drüben die 120%ige Planübererfüllung war ist hier die psychologisch wichtige DAX Marke. Journalisten, die sich zu Propagandisten machen. Herr Wiedeking ist sicher gewitzt, aber Respekt für seine "Lebensleistung", ohne Sinn Geld anzuhäufen, verdient er nicht.
u.b.leser 23.07.2014
2. Bei Tialini gibt's wohl noch mehr zu optimieren
… da läuft momentan nicht mal die Website (Fehler 500) …
Blaufrosch 23.07.2014
3. Beste Info
in dem Beitrag ist doch, dass die gierigen Geier Hedgefonds Kohle ohne Ende verloren haben! Bravo!
stefanmargraf 23.07.2014
4. Nicht er hat Porsche Gross gemacht,
die Mitarbeiter waren es!
Günter Stalinski 23.07.2014
5. Es zeigt sich wieder einmal ...
dass überall nur mit Wasser oder weniger gekocht wird.
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