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Weniger Geburten: Den Deutschen gehen die Kinder aus

Die Debatte um sinkende Geburtenzahlen in Deutschland wird durch eine neue Studie belebt: Ihr zufolge bluten viele Landstriche in der Republik aus. Und die Bevölkerung schrumpft schneller als erwartet.

Berlin - Durchschnittlich 1,36 Kinder bringe jede Frau in Deutschland derzeit zur Welt, heißt es in einer heute in Berlin vorgestellten Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Im europäischen Vergleich ist das unteres Mittelfeld. Berechnet auf 1000 Einwohner liegt die Zahl der Neugeborenen - weniger als zehn - jedoch auf einem der letzten Plätze weltweit. "Damit ist Deutschland Spitzenreiter im negativen Sinn", sagte Institutsdirektor Reiner Klingholz. Sein Kollege Hans Fleisch ergänzte: "Die negative demographische Entwicklung Deutschlands nimmt an Geschwindigkeit noch zu."

Familienpicknick: Immer seltener gehören Kinder in die Lebensplanung der Deutschen
IDM/DDP

Familienpicknick: Immer seltener gehören Kinder in die Lebensplanung der Deutschen

In den vergangenen zwei Jahren habe der negative Trend endgültig eingesetzt, geht aus der Studie hervor. Die ohnehin schon niedrige Geburtenrate sei weiter gesunken. Für eine stabile Bevölkerungszahl wäre aber eine Rate von 2,1 Kindern notwendig.

Die Zahl der hier geborenen Kinder wird nach den Erwartungen des privaten Instituts bis 2050 immer weiter abnehmen. Dann würden in der Bundesrepublik nur noch etwa halb so viele Kinder geboren wie heute. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes kamen vergangenes Jahr weniger als 676.000 Kinder in Deutschland zur Welt, was der niedrigste Wert seit 1945 ist.

Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) sagte heute der Nachrichtenagentur dpa: "Die hohe Kinderlosigkeit ist alarmierend. Wir müssen alle umdenken." Das Land müsse "elternfreundlicher" werden. Die Vorsitzende des Bundestags-Familienausschusses, Kerstin Griese (SPD), führte die mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Kindern als Hauptursache für die geringe Geburtenrate in Deutschland an.

SPD-Chef Matthias Platzeck wies auf die Bedeutung des demographischen Faktors für die Politik hin. Platzeck sagte im ZDF-Mittagsmagazin, die Rente mit 67 etwa sei eine klare Reaktion auf diese demographischen Herausforderungen.

Die neuen Länder werden nach den Erwartungen des Instituts vom Bevölkerungsrückgang besonders betroffen sein. Hier gebe es die verstärkte Tendenz, dass junge und gut ausgebildete Frauen in den Westen abwanderten, sagte Klingholz. Zurück blieben arbeitslose und schlecht qualifizierte Männer, die als Familiengründer weitgehend ausfielen. Spätestens im Jahr 2015 werde der Osten den "zweiten demographischen Wendeschock" erleben, weil dann eine wegen des Geburtenrückgangs nach 1990 halb ausgefallene Generation als Eltern fehlen werde. Nach der Wiedervereinigung war die Geburtenrate in den neuen Ländern auf durchschnittlich 0,77 Kinder pro Frau zurückgegangen. "Das war weltweit die niedrigste Geburtenrate mit Ausnahme des Vatikan", sagte Klingholz.

Zu den Gewinner-Regionen zählen laut Studie vor allem die süddeutschen Länder Bayern und Baden-Württemberg. An der Spitze der Gesamtbewertung liegt der Landkreis Biberach nahe Ulm, dicht gefolgt von Erding und Freising im Umland von München. In Sachsen-Anhalt liegen die vier größten "Problemkreise": Bernburg, der Burgenlandkreis, das Mansfelder Land und Köthen. Nur noch ein Drittel der Einwohner ist hier jünger als 35 Jahre.

Das Institut untersuchte die demographische und wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit der deutschen Bundesländer, Landkreise und kreisfreien Städte. Zu den 22 Indikatoren gehörten unter anderem Kinderzahlen, Altersverteilung, Wanderungsbewegungen, Freizeitwert, Ausbildungsstand und wirtschaftliche Entwicklung.

kaz/ddp/dpa

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