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Werbeagenturen: Deutschlands häufigstes Wohnzimmer

Von Carsten Matthäus

Wie sieht das Wohnzimmer aus, in dem die meisten Deutschen ihr Leben verbringen? Die Hamburger Werbeagentur Jung von Matt hat es nachgebaut. Wir stellen es Ihnen vor - hier bei SPIEGEL ONLINE.

Hamburg - Bernhard Lukas sitzt auf einem terrakottafarbenen Sofa, schaut aus einem gardinenumflorten Dreifachfenster heraus, an dem eine Holzsonne klappert. Neben ihm ragt eine helle Schrankwand empor, mit beleuchteter Vitrine in mediterranem Design. Auf dem Glastisch vor ihm liegt der Kölner Stadtanzeiger und eine aufgeschlagene Fernsehzeitschrift.

"Das ist das Ausgeflippteste, was man in einer Werbeagentur finden kann", sagt der Creativ Director, der seit neun Jahren bei Jung von Matt arbeitet. Nebenan, im dritten Stock der Hamburger Agentur, die übliche Kargheit einer Kreativfabrik: hohe, helle Räume, stilbewusste Leute an Schreibtischen mit Apple-Computern, mittendrin eine Kaffeebar.

22 Quadratmeter, Deckenhöhe 2,65 Meter

Wohzimmer-Nutzer Lukas: "Das Ausgeflippteste, was man sich vorstellen kann"
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Wohzimmer-Nutzer Lukas: "Das Ausgeflippteste, was man sich vorstellen kann"

"Ich hab's mir krasser vorgestellt", sagt Lukas, der unter anderem Kampagnen für die Sparkasse und Rama entwickelt. "Es ist erschreckend echt. Bei mir in den Schubladen sieht es genauso aus." Lukas sitzt in "Deutschlands häufigstem Wohnzimmer", einer zum Lebensraum erweckten Marktforschungsstudie. Die Werbeagentur will damit nach eigenen Angaben "das ganz normale Leben" einziehen lassen, um in dem Konferenzraum über Kampagnen zu diskutieren und neue Ideen zu finden.

Kein Detail ist hier zufällig, alles an und in diesem Raum ist das Ergebnis von Statistiken, Befragungen und Hausbesuchen. Das Wohnzimmer der fiktiven Familie von Sabine (Deutschlands häufigstem Frauenvornamen) Müller, 38, ihrem Mann Thomas, 41, und dem elf Jahre alten Sohn Alexander (Nummer eins auf der Liste der Kindernamen), ist 22 Quadratmeter groß bei einer Deckenhöhe von 2,65 Metern. Es ist Teil einer Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung mit insgesamt 89,4 Quadratmetern: das Mittelmaß in Deutschland.

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Werbeagenturen: Deutschlands häufigstes Wohnzimmer

"Mit Durchschnittsgrößen allein wären wir nicht weiter gekommen", sagt Karen Heumann, Geschäftsführerin der Abteilung Strategische Planung, die den Konferenzraum in zweimonatiger Arbeit zu dem deutschen Otto-Normal-Wohnzimmer umgebaut hat. "Neben Deutschlands häufigsten Einrichtungsgegenständen haben Sabine und Thomas auch eine ganze Menge persönlicher Dinge. Fast alles im Wohnzimmer hat einen autobiografischen Zug und kann deshalb nicht durchschnittlich sein." Gemeinsam mit ihrer Kollegin Julia Peuckert sah sie sich deshalb in deutschen Wohnzimmern um und entwickelte daraus mitten in der Agentur einen Lebensraum, wie er hunderttausendfach in Deutschland zu finden ist.

"Die Regale sind enorm voll, oft mit Andenken"

Wohnzimmer-Macherin Heumann: "Ordentlich mit Raumparfüm eingesprüht"
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Wohnzimmer-Macherin Heumann: "Ordentlich mit Raumparfüm eingesprüht"

Gleich neben der Tür steht der schwarze Schubladenschrank, der nicht so recht in das ansonsten pastellfarbene Arrangement passen will. "Das ist die Ecke von Thomas", erklärt Heumann. "Er darf da noch sein Formel-1-Modell und sein Fußball-Feuerzeug hinstellen, ansonsten hat Sabine die Einrichtung in die Hand genommen". So ist das in Deutschlands Kleinfamilien üblich.

In der Ecke des Wohnzimmers steht ein neuer DVD-Player, den die Müllers über einem Freund billiger bekommen haben. "Bei unseren Befragungen ist uns aufgefallen, dass fast jeder Haushalt ein privates Netzwerk - Nachbarn, Freunde, Verwandte - nutzt, um teure Anschaffungen etwas billiger zu machen", sagt Peuckert. Auch die mit Figürchen voll gestellte Schrankwand ist nach ihren Worten ein Ergebnis der Hausbesuche. "Die Regale sind voll, oft mit Andenken. Ein leeres Regalfach haben wir eigentlich nirgendwo gefunden."

Sogar der frische Geruch kommt nicht von ungefähr. "Zunächst haben wir angenommen, dass es in einem deutschen Wohnzimmer immer nach irgendwas riecht - Zigaretten, alte Socken, Essensgerüche. Aber es roch meistens ziemlich frisch. Deshalb haben wir die Sofas ordentlich mit Raumparfüm eingesprüht", erzählt Heumann.

Der "Wozikonfi" wird ständig geupdated

Die Kollegen bei Jung von Matt durften bisher nur in ungemütlichen Sitz-Konfis tagen - Konferenzräume, in denen man auf ungemütlichen Barhockern eher steht als sitzt. Weil das Wohnzimmer gleich sehr gut ankam, sind schon die nächsten in Planung. Heumann will bald den Lebensraum des typischen BMW-Käufers in Angriff nehmen. Auch das Wohnzimmer eines konservativen, älteren Ehepaares kann sie sich vorstellen.

"Deutschlands häufigstes Wohnzimmer" ist keineswegs ein Museum, in dem abgedrehte Agenturleute in einer Art Puppenstube die Welt des Normalbürgers besichtigen können. Er soll Teil des Arbeitsalltages bei Jung von Matt werden. Der "Wozikonfi", wie ihn der Chef-Kreative Jean-Remy von Matt betitelt hat, wird deshalb ständig frisch gehalten: Täglich kommt die abonnierte Regionalzeitung auf den Glastisch, die Tagespost für die Müllers, die Agenturassistenten gießen die Blumen. Und sie ärgern sich wie ganz normale Hausfrauen, wenn die "Kinder", Kollegen aus anderen Abteilungen, das Wohnzimmer verraucht oder unaufgeräumt zurückgelassen haben - ganz wie im richtigen Leben.

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