Werbung Karstadts Panne mit dem "Sonderkommando"

Werber, so scheint's, haben es nicht so mit Geschichte. Karstadt ließ jetzt ein "Sonderkommando Preis" auftreten, obwohl der Begriff "Sonderkommando" historisch belegt ist - die Nazis bezeichneten damit jüdische Häftlinge in Auschwitz. Die Kaufhauskette zog die Werbung zurück.


Hamburg - Mit gewöhnlicher Geschmacklosigkeit ist diese Werbung wohl kaum zu erklären. Schon die Bomben-Symbolik auf dem E-Mail-Newsletter, den Karstadt Ende vergangener Woche massenweise verschickte, wirkte nicht gerade einfallsreich. Ein Lego-U-Boot mit Riesenkrebs sollte für einen "Knaller-Preis" zu haben sein.

Karstadt-Werbung: Historische Unkenntnis in der Werbeabteilung

Karstadt-Werbung: Historische Unkenntnis in der Werbeabteilung

Noch schwerer in den Regalen schien jedoch ein Tischfußballspiel zu liegen. Es verkaufte sich offenbar so schwach, dass starke Worte her mussten zum Verkauf. "Sonderkommando Preis" stand deshalb fett über dem Angebot.

Das Sonderkommando sollte zeigen, wie rigoros es zu hohe Preise herunterregeln konnte - und bewies am Ende nur die historische Unkenntnis einer ganzen Karstadt-Abteilung. Den Begriff "Sonderkommando" verwendeten die Nationalsozialisten für eine Gruppe jüdischer Häftlinge des Vernichtungslagers Auschwitz. Das Wort ist eine typische NS-Verschleierung: Das Häftlingskommando wurde gezwungen, die Deportierten auszuplündern und deren Ermordung vorzubereiten.

Ob das Wort nicht historisch belegt sei und sich deswegen der Werbung entziehe? In einer ersten Reaktion gibt sich ein Sprecher der Karstadt-Mutter Arcandor verwundert. Eine solche Parallele halte er für weit hergeholt. Heute seien damit doch eher polizeiliche Aktionen gemeint. "Die Tabubremsen greifen nicht mehr", sagt Wolfgang Benz, Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin. "Vier bis sechs Stunden Nationalsozialismus in der Schule", sagte Benz, fördere eben "eine ziemliche Ahnungslosigkeit".

Damit steht die Werbeabteilung von Karstadt nicht allein: Erst Mitte Januar musste sich Tchibo für einen terminologischen Tabubruch entschuldigen, der eine ähnliche Geschichtsvergessenheit offenbart hatte: Mit dem Slogan "Jedem den Seinen" wurde an Esso-Tankstellen für Kaffee geworben. Der Spruch erinnerte fatal an die Inschrift "Jedem das Seine", den die Nazis am Tor des KZ Buchenwald angebracht hatten und der den Gerechtigkeitsgedanken dieses von Alters her geflügelten Wortes pervertierte.

Dann meldet sich Karstadt noch einmal. Eine beauftragte Agentur habe sich nicht ans Briefing gehalten. Man bedauere die Fehlleistung. Der Begriff sei am vergangenen Freitag bereits aus der Online-Werbung genommen worden.



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