Werksschließung in Bochum Politiker-Drohungen prallen an Nokia ab

Mit markigen Worten versuchen Politiker und Gewerkschafter, Nokia unter Druck zu setzen: Käuferstreik, Subventionsheuschrecke, Imageschaden heißen die Schlagworte im Zusammenhang mit dem Kahlschlag im Bochumer Werk – nach Einschätzung von Experten nichts als leere Drohungen.

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Berlin - Es war wohl die Erinnerung an das Scheitern des Handyherstellers BenQ Mobile, die Jürgen Rüttgers im Hinterkopf hatte, als er heute zum großen Schlag ausholte. "Nokia muss sich überlegen, ob es weiter auf dem deutschen Markt präsent sein will", sagte der nordrhein-westfälische Ministerpräsident im ZDF. Deutschland sei einer der größten Handymärkte der Welt, fügte er hinzu. Sollte der Eindruck entstehen, dass der finnische Konzern eine Art "Subventionsheuschrecke" sei, die zuerst in Deutschland und dann nach dem Umzug möglicherweise noch einmal in Rumänien Fördermittel kassiere, könne dies einen erheblichen Imageschaden auslösen. Deutsche Kunden würden dies sicher nicht schätzen.

Die Reaktion der Käufer gegenüber BenQ Mobile vor gut einem Jahr war tatsächlich eindrucksvoll. Das Unternehmen hatte mit der Ankündigung, sein Werk in Kamp Lintfort zu schließen und rund 3000 Mitarbeiter zu entlassen, einen regelrechten Boykott ausgelöst. Die einstigen Siemens-Handys mutierten binnen weniger Wochen zu reiner Flohmarktware.

Auch SPD-Chef Kurt Beck warf dem finnischen Konzern vor, den deutschen Steuerzahler ausgenutzt zu haben. Dass aber Rüttgers' Drohung Nokia-Chef Olli-Pekka Kallasvuo tatsächlich zum Umdenken bewegen kann, glaubt eigentlich niemand, der sich in der Branche auskennt. "Nokia ist bekannt dafür, dass solche strategischen Entscheidungen sehr professionell vorbereitet werden", sagt ein Insider. "Es ist kaum anzunehmen, dass die Frage der Kosten infolge eines Imageschadens nicht durchdacht worden wäre."

Im Übrigen, ergänzt Roman Friedrich, Partner bei der Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton, sei die Gefahr eines Umsatzeinbruchs in keiner Weise mit dem Beispiel vergleichbar, das BenQ Mobile geliefert habe. "Handykunden sind im Allgemeinen sehr markentreu und das gilt ganz besonders für Nokia-Kunden."

"Jeder nüchterne Kaufmann würde so rechnen"

Frank Rotauge, Analyst bei Sal. Oppenheim, glaubt ebenfalls, dass die Warnung von Rüttgers nicht viel mehr ist als eine leere Drohung. "Welches Handy sollen die Menschen denn sonst kaufen?", fragt er spöttisch. Nach dem Rückzug von Motorola, Siemens, Balda und schließlich Siemens-Nachfolger BenQ gebe es schließlich keine Handyfertigung mehr auf deutschem Boden. Die Nachteile, die Nokia dagegen gegenüber den Wettbewerbern in Kauf nehmen müsste, wenn das Werk in Bochum weiterhin betrieben werde, wögen weit schwerer, als ein Imageschaden - "wenn er denn überhaupt langfristig eintritt".

Möglicherweise hätten die Finnen das Bochumer Werk noch eine Weile mit durchziehen können, sagt der Analyst. "Aber früher oder später wäre die Entscheidung fällig gewesen." Dass die Fabrik schwarze Zahlen schreibe, verstelle den Blick auf die absehbaren Entwicklungen in der Zukunft: "Der Preisdruck wird zunehmen, vor allem vor dem Hintergrund der zunehmend gesättigten Märkte in Europa."

Auch der Präsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), Christoph Schmidt, hält die Entscheidung für konsequent. "Wenn man jemanden herlocken kann, indem man sagt, hier gibt es schöne Fördermittel, dann ist klar, dass spätestens nach Auslaufen der Förderung neu kalkuliert wird. Das würde jeder nüchterne Kaufmann so machen." Fast jede regionale Wirtschaftsförderung versuche heutzutage, durch finanzielles Entgegenkommen Firmen anzulocken.

Kritik an der unternehmerischen Entscheidung

Nokia sei ein internationales Unternehmen, das nüchtern kalkuliere, sagt Schmidt. "Ein großer internationaler Konzern denkt nicht in regionalen Kategorien, der denkt an den eigenen Betriebserfolg und an die nächste Hauptversammlung. Damit hätte man rechnen müssen."

Unter der Hand mischen sich in die Kommentare allerdings auch skeptische Untertöne. Ob die Entscheidung aus betriebswirtschaftlichen Gründen nun richtig oder falsch war, sei von außen schwer zu beurteilen, sagt zum Beispiel ein Experte, der seinen Namen nicht genannt wissen will. Der Faktor Lohnkosten mache mit fünf Prozent nur einen geringen Anteil der Produktionskosten aus und werde überdies durch gute Motivation, Ausbildung und große Sorgfalt der deutschen Beschäftigten zum Teil ausgeglichen.

Auch das Argument, dass sich die Nachfrage immer mehr auf billige Einfachgeräte verlagern würde, die speziell aus den aufstrebenden Schwellenländern kommt, sticht nicht. Bei solchen Geräten könnten die Deutschen tatsächlich immer weniger mithalten, weil hier die Lohnkosten wesentlich stärker ins Gewicht fielen. "Tatsächlich aber steigt auch die Nachfrage nach Hightech-Handys in Europa und den USA rasant an", erklärt der Experte. Gerade diese Geräte müssten jedoch angesichts der anspruchsvollen Kundschaft besonders sorgfältig gefertigt werden. "Ein Standort wie Deutschland würde sich dafür geradezu anbieten."

Vertragsstrafen machen wenig Sinn

Vielleicht wären solche Argumente viel wirkungsvoller als der moralische Zeigefinger, sagt Henning Kloth vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel. Er wundere sich jedenfalls über die Berichterstattung der Medien. "Als Motorola im August 2007 sein Werk in Flensburg schloss, war das Echo wesentlich geringer." Die Forderungen nach staatlichen Sanktionen hält Kloth für vollkommen unangemessen. "So tragisch es für die betroffenen Mitarbeiter ist - man kann ein Unternehmen nicht zwingen, gegen die eigenen wirtschaftlichen Maximen zu handeln."

Auch Vertragsstrafen, die an Subventionen gekoppelt würden, hätten wenig Sinn, wie das Beispiel der neuen Bundesländer zeige. In den Jahren nach der Wende hätte die Treuhand ihre Finanzspritzen regelmäßig an solche Vertragsstrafen gekoppelt. In aller Regel seien dann aber keine Strafen verhängt worden, weil man Angst hatte, auch noch die verbliebenen Arbeitsplätze zu gefährden.

Dabei gibt es nach Überzeugung der Wirtschaftsgelehrten durchaus Möglichkeiten, um den Standort Deutschland für Unternehmen attraktiver zu machen. "Etwa durch Förderung der Spitzenforschung oder eine gute Ausbildung der Arbeitsbevölkerung", sagt RWI-Präsident Schmidt. Für viele Firmen sei es heute bei der Standortwahl von vorrangiger Bedeutung, dass dort gut ausgebildete Ingenieure und Techniker vorhanden seien. Allerdings brauche man für diese Art von Standortpolitik mehr Zeit als für die Verteilung von Subventionen.

Rüttgers kündigt direkte Verhandlungen mit Nokia an

Der Bonner Arbeitsmarktexperte Hilmar Schneider hält die Diskussion über die Nokia-Subventionen ohnehin für "verlogen". "Es ist mit Subventionen genauso wie mit Geschenken im Privatleben. Sie können zwar erwarten, dass der Beschenkte ihnen dankbar ist, aber sie können es nicht verlangen", sagte Schneider im ZDF-"Mittagsmagazin". So sei das auch bei Nokia: Die Bindungsfristen seien abgelaufen. Die Regierung habe deshalb keine Handhabe, irgendwelche Forderungen zu stellen.

Inzwischen hat Ministerpräsident Rüttgers deshalb seinen Ton etwas gemäßigt. Jetzt will er in direkten Gesprächen mit der Nokia-Spitze in Finnland die Schliessung des Handy- Standorts Bochum verhindern. Landesregierung, Landtagsparteien, Betriebsrat, die Oberbürgermeisterin von Bochum: Alle wollten zusammenarbeiten, sagte Rüttgers dem ZDF. Ziel: Veränderungen im Werk Bochum, damit die Herstellungskosten sinken. "Bisher hat es keinen nachvollziehbaren Grund gegeben, warum diese Schließung erforderlich ist", sagte Rüttgers - schließlich machten die Löhne nach Nokia-Angaben nur fünf Prozent der Kosten eines Mobiltelefons aus.

Mit Material von AP



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