Werksschließung Nokia bringt Politik und Gewerkschaften in Rage

"Sauerei", "Steinzeitkapitalismus", "Investitionshopping": Nokia ist nicht bereit, über die Werksschließung in Bochum diskutieren. Gewerkschaftern und Politiker sind empört - schon rufen die ersten zum Boykott auf.


Hamburg - "Wer heute ein Handy kauft, sollte bei seiner Kaufentscheidung bedenken, welche katastrophalen Konsequenzen das Verhalten des Unternehmens in Bochum für Tausende von Mitarbeitern geschaffen hat", sagte der Landeschef des Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) von Rheinland-Pfalz, Dietmar Muscheid. Das geplante Aus sei ein Beispiel für eine skandalöse Abzocke von Fördermitteln.

Nokia hatte völlig überraschend die Schließung des Werks mit rund 2300 fest angestellten Mitarbeitern zur Jahresmitte bekanntgegeben. Nach Gewerkschaftsangaben sind außerdem bis zu 1000 Jobs von Leiharbeitern in Gefahr.

Zudem könnten bis zu 1000 weitere Jobs bei Zulieferern gefährdet sein - heute gab das Post-Logistikunternehmen DHL als erste Firma bekannt, mit 200 Mitarbeitern betroffen zu sein.

Das Verhalten des Konzerns sorgt inzwischen für Wut - auch, weil Nokia angekündigt hat, mit der nordrhein-westfälischen Landesregierung nicht mehr über die Schließung des Werkes reden zu wollen. Die Entscheidung zur Schließung sei "sehr genau durchdacht, sagte Unternehmenssprecherin Arja Suominen heute in Helsinki. Verhandlungsbedarf gebe es nicht.

Nokia düpiert Rüttgers

Damit düpiert das Unternehmen vor allem die nordrhein-westfälische Landesregierung, die angekündigt hatte, mit dem finnischen Mobiltelefonhersteller Nokia über die Gründe für den Rückzug aus Bochum sprechen zu wollen. Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) warnte den Konzern denn auch sofort davor, sich zu verweigern.

Wenn Nokia Gespräche darüber ablehne, werde sich der Image-Schaden für das Unternehmen noch vergrößern, sagte Rüttgers. Er sei sich sicher, dass in den nächsten Tagen Gespräche mit Nokia aufgenommen werden könnten. Die Landesregierung werde alles unternehmen, um das Werk in Bochum zu erhalten. "Die Diskussion beginnt erst", sagte Rüttgers.

Allerdings hat die deutsche Nokia-Geschäftsführung den Arbeitnehmervertretern am Nachmittag zugesagt, dass das Nokia-Management in Finnland zu Gesprächen bereit sei. Das sagte die Bochumer Nokia-Betriebsratschefin Gisela Achenbach. IG-Metall-Vertreterin Kleinebrahm betonte, Belegschaft und IG Metall hofften weiter auf die Chance, die Schließung des Werks mit 2300 Beschäftigten noch abwenden zu können. "Auch wenn sie noch so gering ist, wollen wir sie nutzen."

"Ganz rüde Form von Steinzeitkapitalismus"

Auch die Bundesregierung hat angekündigt, mit der finnischen Konzernführung sprechen zu wollen. "Ich habe mit der finnischen Seite verabredet, dass wir noch in dieser Woche Gespräche führen ohne Vorbedingungen", sagte Wirtschafts-Staatssekretär Hartmut Schauerte. Zu den Aussichten und dem Teilnehmerkreis wollte sich der von Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) mit dem Fall Nokia beauftragte Staatssekretär allerdings nicht äußern.

Der frühere nordrhein-westfälische Arbeitsminister Harald Schartau (SPD) wirft dem finnischen Handy-Unternehmen Nokia eine "ganz rüde Form von Steinzeitkapitalismus" vor. Das Werk in Bochum schließen zu wollen, weil die Ergebnisse nach konzerninternen Regeln nicht mehr stimmen, "so geht das ja nicht mehr", sagte Schartau im Deutschlandfunk.

Zugleich appellierte er an die EU, mehr Transparenz bei Firmenansiedlungen innerhalb der EU herzustellen. Bei Niederlassungsverlegungen, "die ausschließlich mit solchen Subventionen spielt, das gilt auf europäischer Ebene nicht", sagte Schartau und fügte hinzu: "Des einen Leid ist des anderen Freud: Das darf es in Europa nicht geben."

Nokia beweist mit seinem Vorgehen, dass der Konzern nur auf die Rendite schaut - obwohl er wirtschaftlich gut aufgestellt ist", kritisiert auch Claudia Falk vom DGB. "Aber nur ein Plus reicht wohl nicht, es muss mehr als Plus sein." Der Fall Nokia Chart zeigen zeige, dass die Subventionspraxis insgesamt überdacht werden müsse. Von einem Boykott hält der DGB-Bundesvorstand jedoch wenig, da er langfristig die Mitarbeiter in anderen Ländern treffen würde. "Das ist kein geeignetes Kampfmittel der Gewerkschaften."

"Verhalten von Nokia ist eine Sauerei"

Auch im Bundestag wurde der finnische Handy-Konzern für die angekündigte Schließung des Bochumer Werks harsch kritisiert. Das Verhalten von Nokia sei eine "Sauerei", sagte der Vize-Präsident des Bundestags, Hermann Otto Solms (FDP). Der Fall Nokia zeige, dass staatliche Beihilfen falsch seien. "Die ganze Subventionitis hat doch zu nichts geführt", sagte Solms. CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer sprach mit Blick auf die Entscheidung des Konzerns von "Lumpereien" und "Investitionshopping".

Nokia will aus Kostengründen die Produktion nach Rumänien, zum Teil auch nach Ungarn und Finnland verlagern. Der finnische Branchenriese begründet den Rückzug mit zu hohen Fertigungskosten in Deutschland. Dies betreffe nicht nur die Arbeitskosten, die einen Anteil von unter fünf Prozent an den gesamten Produktionskosten ausmachten, aber beinahe zehnmal höher seien als in Rumänien, hatte Nokia-Vorstand Veli Sundbäck gesagt. Zudem sei es nicht gelungen, Zulieferer am Standort Bochum anzusiedeln. Auch Investitionen könnten das Werk nicht retten, hatte der Manager gesagt.

Dabei macht der Weltmarktführer mit seinen Geräten Milliardengewinne: Im dritten Quartal 2007 fuhr Nokia dank der massiven Handy-Nachfrage in Indien, China und Afrika Rekorderträge ein und schraubte seinen Weltmarktanteil auf fast 40 Prozent hoch. Der Reingewinn stieg im dritten Quartal im Jahresvergleich um 85 Prozent auf 1,56 Milliarden Euro. Für den Zeitraum Januar bis September standen unter dem Strich 4,95 Milliarden Euro Gewinn. Die aktuellen Zahlen für das vierte Quartal und das Gesamtjahr 2007 will Nokia am kommenden Donnerstag bekanntgeben.

sam/Reuters/dpa/AFP



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.