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Westbündnis gegen Asien: Drei Gründe für eine Nato der Wirtschaft

Von Gabor Steingart

Die Asiaten sind die freundlichsten Angreifer der Weltgeschichte. Trotzdem muss die Politik rasch auf den Aufstieg Chinas und Indiens reagieren. In Angela Merkels Kanzleramt wird über Geschichtsmächtiges nachgedacht: eine europäisch-amerikanische Freihandelszone.

Berlin - 50 Jahre lang wurde es von vielen bestritten, heute weiß es jedes Kind: Ohne die Nato gäbe es kein freies Europa. Hätte das westliche Verteidigungsbündnis nicht mit großer Entschlossenheit immer wieder seine Kampfbomber und Panzerdivisionen vorgezeigt, modernisiert und sie zuweilen auch aufgestockt, wäre der Sowjetkommunismus nicht implodiert, sondern in Richtung Westen expandiert. Am Ende des Kalten Krieges hatten auch die letzten Skeptiker den Clou der Geschichte verstanden: Das Edelste wurde gerade dadurch verteidigt, dass man zum Grausamsten bereit war. Die Friedenstaube überlebte, weil oben auf der Zinne der Falke saß.

Kanzlerin Merkel: Die Führung der Welt mögen am Ende andere übernehmen - doch sie wird ihnen nicht willfährig angedient, nicht kampflos überlassen
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Kanzlerin Merkel: Die Führung der Welt mögen am Ende andere übernehmen - doch sie wird ihnen nicht willfährig angedient, nicht kampflos überlassen

Der Weltkrieg um Wohlstand verlangt eine andere, aber nicht minder widersprüchliche Antwort. Und wieder fehlt vielen die Phantasie, sich vorzustellen, dass das Gegenüber anderen als friedlichen Zielen nachhängt. Das Irritierende, den Westen in seiner Entschlusskraft Lähmende, ist die Lautlosigkeit des gegnerischen Vorgehens. Es steht in einem auffälligen Kontrast zu allem, was wir gewöhnlich einen Konflikt nennen.

Zwischen Europa und Amerika auf der einen und Asien auf der anderen Seite wurde bisher nicht gebrüllt, getobt oder geschossen, niemand droht, fordert oder klagt an. Es regiert die reinste Freundlichkeit, wohin unsere Politiker und Geschäftsleute auch reisen. In Peking, Jakarta, Singapur und Neu-Delhi liegen die roten Teppiche ausrollbereit am Flughafen, die westlichen Hymnen werden bei Bedarf akkurat vorgespielt und selbst die westlichen Klagen über Ideenklau, Umweltzerstörung und Menschenrechtsverletzung parieren die Gastgeber mit bewundernswertem Langmut. Die Asiaten sind die freundlichsten Angreifer der Weltgeschichte.

Eine stoische, eine düstere Großmacht

Ihre Waffe ist die stoische Beharrlichkeit, mit der sie ihre Interessen verfolgen und unsere missachten. Was in Asien nach Marktwirtschaft aussieht, folgt in Wahrheit den Regeln einer Gesellschaftsformation, die Ludwig Erhard als "Termitenstaat" bezeichnete. Das Kollektiv, nicht das Individuum setzt in ihm die Prioritäten, weist dem Einzelnen auf geheimnisvolle und für den Außenstehenden kaum nachvollziehbare Weise seine Aufgaben zu, die dem höheren Nutzen der Führung zu dienen haben. So viel Freiheit wie nötig, so viel Kollektiv wie möglich, lautet die Maxime, die genauso unausgesprochen bleibt wie all die anderen Dinge. China ist dem Wortsinne nach eine düstere Großmacht, weil wir nicht fühlen, was sie fühlen, nicht wissen, was sie denken, und nicht einmal ahnen, was sie planen.

Überall in Asien stoßen wir auf eine sehr ähnliche Gleichgültigkeit gegenüber den westlichen Werten, auch wenn das keiner so sagen würde. Gerade das Unausgesprochene trennt die Welten voneinander. Freie Gewerkschaften werden nicht geschmäht, aber auch nicht zugelassen. Die Umwelt wird als schützenswertes Gut gepriesen und gleichzeitig wie ein Autowrack ausgeschlachtet. Kinderarbeit wird verurteilt und toleriert. Zum Schutz westlicher Erfindungen gibt es umfangreiche Gesetze, die nur leider keine Anwendung finden.

Alles, was uns wichtig ist, die soziale Umrahmung des Arbeitsalltags beispielsweise, der individuelle Leistungsgedanke und seine Verankerung in der vom Staat garantierten Wettbewerbsordnung, wird von den Mitgliedern der asiatischen Elite höflich belächelt. Das für uns Elementare ist in ihren Augen bürgerlicher Brokat.

In ihrem Denken spielt der Staat (Indien) oder die Partei (China) die entscheidende Rolle als Preisfestsetzer, Technologieförderer, Rohstoffbeschaffer, Schutzpatron und Impulsgeber für wirtschaftliche und politische Aktivitäten aller Art. Selbstverständlich kennen auch ihre Gesellschaften den Interessenausgleich, betreiben einen Prozess des Gebens und Nehmens, aber es sind Staat oder Partei, die bestimmen, was gegeben und was genommen wird. Den triumphalen Erfolg ihrer Exportindustrien empfinden sie als Richterspruch der Geschichte, der keine Berufungsinstanz benötigt.

Der Westen verkauft Maschinen - und ein Stück von sich selbst

Amerikaner und Europäer könnten mit der gebotenen Liberalität auf das andere Menschenbild und das uns fremde Staatsverständnis blicken, würde es nicht in einer Welt des freien Handels zu enormen Rückkopplungen kommen. Der Westen wird, wo kein Schiedsrichter auf die Einhaltung gleicher Regeln pocht, zur raueren Spielweise ermuntert, gedrängt, zum Teil durch die Verhältnisse regelrecht gezwungen. Will er nicht an jedem Handelstag als Verlierer vom Platz gehen, muss auch er seine Betriebsräte domestizieren, seine Umweltgesetze lockern und die soziale Absicherung stückweise wieder an die Familie oder den Einzelnen zurück überweisen.

Der Westen glaubt, er verkaufe Maschinen, Automobile und Flugzeuge. Doch als Beigabe verkauft er mittlerweile auch ein Stück von sich selbst. Nicht wenige Politiker und Unternehmer sind bereit, Selbstmord aus Angst vor dem Tode zu begehen.

Dabei wäre mehr Selbstbewusstsein durchaus angebracht. Die Weltgeschichte trifft keine Festlegungen aus sich heraus. Eine Lösung oder doch zumindest Linderung unserer Probleme ist durchaus möglich.

Was die Nato im Zeitalter militärischer Bedrohung für den Westen bedeutete, könnte im Angesicht der ökonomischen Herausforderung eine transatlantische Freihandelszone leisten. Zwei Wirtschaftszonen, die EU und die USA, vielleicht noch um Kanada erweitert, würden dem Schwinden ihrer jeweiligen Marktmacht durch die Addition der Kräfte entgegenwirken. Gemeinsam bringen Europäer und Amerikaner noch immer einiges Gewicht auf die Waage. Rund 13 Prozent der Menschheit und rund 60 Prozent der heutigen Weltwirtschaftskraft stünden bereit, nicht nur als Produzenten und Konsumenten von Waren, sondern auch als Nachfrager und Anbieter von Werten aufzutreten.

Es gibt wenige Gründe, gegen Amerika zu sein

Drei Gründe sind es, die der Idee ihren Charme verleihen, und der erste Grund ist ein politischer. Amerikaner und Europäer würden im Licht dieser Kooperation wieder dichter zueinander rücken. Der kindischen und in Anbetracht der asiatischen Herausforderung sogar schädlichen Versuchung, sich auf Kosten des jeweils anderen in Pose zu werfen, würde die Grundlage entzogen. Es gibt viele Gründe, gegen Bush zu sein. Es gibt aber wenige Gründe, gegen Amerika zu sein. Und es gibt viele handfeste Gründe, auch auf ökonomischem Gebiet stärker mit der westlichen Führungsmacht zu kooperieren.

Die im Kalten Krieg bewährte Waffenbrüderschaft könnte im Weltwirtschaftskrieg fortgesetzt werden, wobei das Ziel, Freiheitserhalt und Wohlstandsmehrung, das alte bliebe und nur das Instrument sich verändert hätte. Es käme im Zuge einer solchen Freihandelszone unweigerlich zur Konvergenz der Wirtschaftssysteme; Europa würde amerikanischer, die USA müssten sich europäisieren, wenn auch beides in einem langsamen und Jahrzehnte währenden Prozess.

Wer alle Handelsbarrieren niederreißt, die Standards für Buchführung, technische Normen, das Urheberrecht, das Börsengeschehen vereinheitlicht, wird von alleine zusehen, dass am Ende auch seine Finanz-, Sozial-, Steuer- und Umweltpolitik nicht auseinander driftet. Die Politik hätte ihren Herrschafts- und Gestaltungsraum vergrößert. Große Chancen und Erwartungen lasteten auf ihr.

Zweitens: Der ökonomische Nutzen der Veranstaltung liegt auf der Hand. Ein Binnenmarkt dieser Größe und mit dieser Verlässlichkeit könnte günstig für beide sein, Investoren und Arbeitnehmer. Er würde Wachstumsimpulse auslösen, auch wenn die in ihrer Stärke nicht überschätzt werden dürfen. Doch wo das Kapital hinströmt, wird am Ende auch der Faktor Arbeit wachsen. Der Westen würde vor allem zurückgewinnen, was er teilweise verloren hat: Die Kraft nämlich, technische Standards zu setzen; wobei setzen in der Weltwirtschaft von heute durchsetzen meint.

Die imposanteste Wirkung einer solchen Megafusion der Märkte ließe sich aber zweifellos in Fernost erzielen. Die Boomregion der vergangenen anderthalb Jahrzehnte würde zu Recht aufhorchen. Die neue Botschaft würde lauten: Der Preis der Ware interessiert den Westen noch immer, aber genauso interessiert ihn die Art seines Zustandekommens. Länder, die in ihren Grenzen keine freien Gewerkschaften dulden, die Frauen und Kinder genauso ausbeuten wie die Natur, würden nicht länger mit Zollpräferenz verwöhnt.

Nach innen Freiheit - nach außen eine Festung

Der Vorteil, den sich die Angreiferstaaten durch ihr heutiges Verhalten zu verschaffen suchen, könnte sich erstmals als Nachteil erweisen. Die Freihandelszone wäre nach innen eine Freiheitszone, die ihren Bewohnern Mut macht, und nach außen wäre sie eine Festung, zumindest für jene, die sich bewusst ihren Werten verweigern oder diese gar mit Füßen treten. Der Fehler der Europäischen Union, die sich an den Außengrenzen bisher servil verhalten hat gegenüber den Feinden der Freiheit, die nahezu jedem Drittstaat das Recht auf gleiche Konditionen zugestand und so den Exklusivitätsvorteil der Mitglieder weitgehend zerstörte, wäre damit behoben.

Eine transatlantische Freihandelszone hätte Größeres im Auge als nur die Interessen der Import- und Exporthändler. Frieden in Freiheit war das Motto der Nato. Ein Wohlstand mit Werten wäre das Ziel der transatlantischen Freihandelszone, und einer dieser Werte wäre der feste Wunsch und Wille, dass dieser Wohlstand für möglichst alle gilt.

Der Gedanke eines selbstbewussten und daher wehrhaften Westens bewegt auch die Frau im deutschen Kanzleramt. In den seltenen Momenten, in denen es für Angela Merkel jenseits der Tagespolitik um strategische Weichenstellungen geht, rückt die transatlantische Freihandelszone in ihr Blickfeld: Einen Zusammenschluss der Gleichgesinnten sieht sie dann vor sich. Die asiatische Variante des alten Teile-und-Herrsche-Spiels, das darauf setzt, Europäer und Amerikaner gegeneinander in Stellung zu bringen, könnte auf diese Art zumindest erschwert werden. Die deutsche EU-Präsidentschaft ließe sich womöglich nutzen, dieses Jahrhundertprojekt anzuschieben.

Wenn Merkel von der Idee einer Freihandelszone spricht, denkt sie an das Ökonomische, aber nicht ausschließlich. Der Vorteil der Firmen lässt sich noch am ehesten auf Heller und Pfennig berechnen, wenn man an den Wegfall von Zöllen und die Beseitigung bürokratischer Regularien denkt. Aber zusätzlich tritt ein Nutzen hinzu, der unsichtbar ist, der auf dem Rechenschieber keinerlei Spuren hinterlässt, um dennoch die Topographie der Macht zu beeinflussen. Merkel spricht von den "nicht materiellen Werten", die auf diese Art erhalten und gestärkt würden. Ein den Nordatlantik umschließender Verbund von Demokratien und Marktwirtschaften würde gut tun nach all den Jahren, in denen die Globalisierungsangst überall in den westlichen Hauptstädten de facto Kabinettsrang besaß. Der Westen erhielte durch das neue Projekt neuen Lebensmut.

Die Sünden des Wachstums

Denn auch das lehrt die Geschichte des wehrhaften Westens: Wer seine Werte verteidigt, verbreitet sie. So wie die Helsinki-Konferenz 1975 einen großen Sog zugunsten der Menschenrechte im Ostblock erzeugte, so könnte auch die Idee des fairen Handels in Fernost verbreitet werden. Asien hat ein Recht zum Aufstieg. Aber: Der Westen darf mit gleichem Recht dafür kämpfen, dass seine Errungenschaften überleben.

Kann eine westliche Freihandelszone den Aufstieg der Asiaten wirklich verhindern? Die Antwort lautet: eindeutig nein. Das wird sie nicht schaffen und das ist auch nicht ihr Ziel. Was sie aber sehr wohl bewirken kann, ist den asiatischen Steigflug zu beeinflussen, seine Richtung so zu verändern, dass sich ihre und unsere Flugbahnen nicht ständig in die Quere kommen.

Klingt das nicht zu defensiv, lohnt denn dafür der ganze Kraftaufwand, den die Schaffung einer westlichen Freihandelszone ohne Zweifel bedeutet? Und ob! Aufstieg ist nicht gleich Aufstieg. Es gibt einen Aufwind, der am Boden Turbulenzen auslöst, und es gibt jene mildere Thermik, die andere mitzieht in die höheren Lüfte. Dieser Aufstieg verläuft womöglich weniger steil und schnell, aber er bedeutet nicht Zerstörung andernorts. Ja, das weltweite Wachstum würde sich verlangsamen. Aber das wäre nicht so tragisch, wie viele glauben. Das Wachstum der vergangenen Jahre war ohnehin ungenießbar geworden durch die vielen Sünden, mit denen es erkauft wurde, in Asien wie im Westen. Allzu viel von diesem Wachstum können wir uns nicht mehr leisten.

Eine transatlantische Freihandelszone würde ein Signal aussenden, das einer politischen Fanfare gleichkäme. Seht her, die Gleichgesinnten schließen sich zusammen. Die Herkunftsländer der Aufklärung fühlen sich zwar dem Individuum und seinen Freiheitsrechten verpflichtet, aber nicht in einer Ausschließlichkeit, die der kollektiven Kraftanstrengung entgegenstünde. Die Führung der Welt mögen am Ende andere übernehmen, aber sie wird ihnen weder willfährig angedient noch kampflos überlassen. Noch brauchen die Asiaten uns mehr als wir sie, sie dürsten nach westlichem Kapital, westlichem Know-how, und ohne die westlichen Absatzmärkte käme ihr Exportmotor schnell ins Stottern.

Niemand Geringeres als Henry Kissinger, der Altmeister der amerikanischen Außenpolitik, ermuntert die westlichen Regierungschefs, konkrete Schritte in Richtung einer solchen Freihandelszone zu wagen. Die Größe der Aufgabe solle niemanden schrecken. Die Aufgabe der Regierenden bestehe schließlich darin, sagt er, ihre Gesellschaften von dem Punkt, an dem sie stehen, dorthin zu führen, wo sie noch nie gewesen sind.

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