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Finanzdienstleister wie Western Union: Profiteure der Not

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Geldtransferläden in Miami (US-Bundesstaat Florida): 20 Prozent Gewinn Zur Großansicht
WDR/ Ma.Ja.de

Geldtransferläden in Miami (US-Bundesstaat Florida): 20 Prozent Gewinn

Finanzdienstleister wie Western Union sind so etwas wie die Hausbank für viele Migranten. Mehr als 400 Milliarden Dollar im Jahr schicken sie an Angehörige in der Heimat. Ein Dokumentarfilm zeigt, wie prächtig die Firmen daran verdienen.

"Sie leben im Schatten, überall um uns herum. Und weil sie im Schatten leben, haben sie keinen Zugang zu den einfachsten Finanzdienstleistungen, wie zum Beispiel einem Girokonto." Sie, das sind die Millionen Migranten, die weltweit auf Baustellen arbeiten, Häuser putzen und Straßen fegen oder in Fabriken schuften - oder die einfach auf der Flucht in ein besseres Leben sind.

Die Sätze stammen aus dem Dokumentarfilm "Money In Minutes" - und derjenige, der sie spricht, ist der US-Anwalt Matthew Piers. Er kennt das Geschäftsmodell von Western Union und er hat den Finanzkonzern verklagt, von dessen Diensten der Großteil der Migranten abhängig ist. 5,6 Milliarden Dollar setzt das börsennotierte Unternehmen pro Jahr um - 20 Prozent davon streicht es als Gewinn ein. Der größte Teil seiner Kunden: Die Ärmsten der Armen dieser Welt.

Western Union ist die größte von Hunderten Firmen, die einen simplen Service anbieten: Sie überweisen Geld von einem Ort der Welt an nahezu jeden beliebigen anderen Ort, überall dort, wo ein Western-Union-Agent sitzt - und das ist fast überall, das Unternehmen hat eine halbe Million Filialen (aber nur 10.000 feste Mitarbeiter) in fast 200 Ländern. Der Dienst ist zuverlässig, anonym, schnell und vor allem teuer. Ein Beispiel aus der Dokumentation: eine 50-Euro-Überweisung von Italien nach China kostet den Absender knapp 15 Euro Gebühren.

"Im Vergleich zu einer Bank", formuliert es Piers, "ist Western Union der Kiosk an der Ecke - sehr teuer, aber er ist 24 Stunden am Tag für dich da und stellt keine Fragen." Rund 85 Milliarden der insgesamt 420 Milliarden Dollar, die jährlich über Bargeldtransfers verschickt werden, laufen über die Konten des Marktführers.

Arbeiter Li Zhong Cai (in Italien): 30 Prozent Gebühren Zur Großansicht
WDR/ Ma.Ja.de

Arbeiter Li Zhong Cai (in Italien): 30 Prozent Gebühren

Ohne die Western-Union-Transfers dieser Migranten würde die Wirtschaft einiger Staaten leiden. Wegen der hohen Gebühren entgeht den Entwicklungsländern allerdings auch viel Geld - laut einer Weltbank-Studie sind es jährlich 20 Milliarden Dollar. Die Organisation fordert deshalb eine Begrenzung der Gebühren auf drei Prozent der Überweisungssumme, bisher allerdings ohne Erfolg. Stattdessen hat die Weltbank einen Gebührenvergleich ins Internet gestellt, damit die Kunden wenigstens den für ihr jeweiliges Heimatland günstigste Organisation wählen können.

Der Fernsehsender Arte, der die Dokumentation "Money In Minutes" produziert hat, wirbt damit, dass der Film zeige, wie die Finanzdienstleisterindustrie die ökonomische Infrastruktur der Heimatländer zerstört. Davon ist im Film wenig zu sehen - umso eindrücklicher schildert er aber die Schicksale einiger Migranten und ihrer Familien, und wie sie mit Western Union und Co. verknüpft sind. Dabei geht es etwa um den Fall eines Honduraners, der in den USA auf Baustellen arbeitet und mit dem Lohn nicht nur seine vielköpfige Familie, sondern auch seine Eltern unterstützt.

Bauarbeiter Brando Alavarenga aus Honduras: 14 Dollar Stundenlohn Zur Großansicht
WDR/ Ma.Ja.de

Bauarbeiter Brando Alavarenga aus Honduras: 14 Dollar Stundenlohn

Oder um eine Nepalesin, deren Einkommen nicht mehr mit den Preisen in Kathmandu Schritt hielt und die deshalb in Dubai arbeitet und jeden Monat Geld an ihren Mann überweist. Oder ein Beispiel aus Europa: Ein junger Mann aus China, der in einer italienischen Garnfabrik arbeitet um seinen Eltern, seiner Frau und seinem kleinen Sohn das Leben in der Heimat zu finanzieren.

"Die Western Unions dieser Welt nutzen Migranten aus. Ist das Ausbeutung? Ja. Ist das illegal? Nicht nach geltendem Recht", sagt Piers. Der Anwalt hatte im Auftrag des mexikanischen Immigranten Luis Pelayo in den USA dagegen geklagt, dass Firmen wie Western Union neben den teilweise horrenden Gebühren auch noch an anderer Stelle verdienen: Jede Transaktion wird bei der Einzahlung von der lokalen Währung zunächst in Dollar umgerechnet, bei der Auszahlung wieder in die lokale Währung umgetauscht - zu einem Wechselkurs, den Western Union festlegt - und an dem das Unternehmen ein zweites Mal verdient, ohne dass die Kunden davon wussten. Immerhin: Die Firmen wurden dazu verurteilt, 400 Millionen Dollar als Rabatte an ihre Kunden zurückgeben.

Mexikanischer Arbeitsmigrant Luis Pelayo (in den USA): Erfolgreiche Klage gegen Western Union & Co. Zur Großansicht
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Mexikanischer Arbeitsmigrant Luis Pelayo (in den USA): Erfolgreiche Klage gegen Western Union & Co.

Ein weiterer Kritikpunkt: Kriminelle nutzen das System für schnelle, anonyme Überweisungen, teilweise in Millionenhöhe. Es sind Drogenkartelle und Kleinkriminelle, aber vor allem Schlepper, die versprechen, illegale Migranten und Flüchtlinge über Grenzen zu bringen - besonders zwischen Mexiko und den USA. Die Unternehmen versuchen zwar, das Problem in den Griff zu bekommen, indem sie Software einsetzen, die ungewöhnlich hohe Überweisungssummen in einzelnen Filialen aufspüren soll - aber ausschließen können sie das nicht.

Viele dieser Themen werden in dem Dokumentarfilm angerissen, nicht alle bis zum Ende verfolgt. Als Zuschauer wünscht man sich eine Stellungnahme von Western Union selbst, eine Rechtfertigung oder einfach nur eine Erklärung des Geschäftsmodells. Leider hat der Konzern - nach einer anfänglichen Zusage - den Filmemachern jede Zusammenarbeit verweigert und war für SPIEGEL ONLINE zunächst nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

Nicht einmal erwähnt wurde das islamische Geldtransfersystem der Hawala. Das funktioniert nach demselben Prinzip wie Western Union, aber ausschließlich über Vertrauensleute - schätzungsweise 200 Milliarden Dollar fließen jedes Jahr durch dieses System. Weil sich aber weder die Wege des Geldes, noch Sender oder Empfänger verfolgen lassen, ist das Hawala-System in den meisten Ländern verboten.

Dass es nicht so ganz einfach ist, das Geschäftsmodell zu verteufeln, zeigt das Beispiel von Spendenorganisationen: Überweisungen etwa nach Haiti sind auf offiziellen Wegen fast unmöglich. Außerhalb der Hauptstadt kommt das Geld per Banküberweisung überhaupt nicht an - und die Gebühren liegen bei vier Prozent. Über Western Union gelangen die Spendengelder dagegen auch noch in den letzten Winkel des gebeutelten Landes - und weil der Konzern seit dem schweren Erdbeben im Jahr 2010 einen Sondertarif eingeführt hat, liegen die Gebühren nur bei 1,6 Prozent.

Western Union kann sich diese Wohltätigkeit erlauben, das Geschäftsmodell ist nicht nur krisensicher, sondern Krisen bringen neues Geschäft: Den aktuellsten Wachstumsschub erlebte der Konzern auf dem Balkan. Bis vor Kurzem gab es dort und in der Türkei kaum Filialen. Seit dem Frühling 2015 haben aber Hunderte Zweigstellen eröffnet. Eine neue Kundengruppe strömt ins Land: Hunderttausende Flüchtlinge, die auf dem Weg nach Europa dringend Bargeld benötigen, um Schlepper oder Transportmittel zu bezahlen.

Sollten sie in ihrer neuen Heimat Arbeit finden, werden sie Kunden bleiben - und das Geld wieder in die alte Heimat schicken.


"Money in Minutes", Dienstag 26. Januar, 23.15 Uhr, Arte

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insgesamt 41 Beiträge
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1. Remittances
horstu 26.01.2016
Wer Geld in die Heimat schicken kann, insgesamt immerhin 400 Milliarden Dollar im Jahr, kann wohl nicht als notleidend bezeichnet werden. Im übrigen wird gerne behauptet, Flüchtlinge würden die Binnenwirtschaft ankurbeln, dabei fließen jedoch erhebliche Summen aus Deutschland ab.
2. Das hat positive seiten!!!
fschille 26.01.2016
Geld kann mann innerhalb von 24h an fast jeden punkt der welt bekommen der empfaenger braucht sich nur auszuweisen Probieren sie mal eine auslans überweisung!!!! Mit vielen codes ( iban, etc). Und inerhalb von 3 tagen, etc. für den kleinen mann, frau ist western union die einzige funktionierende sichere art schnell geld zu seinen angehörigen zu überweisen
3. Banken bieten keine Alternativen
Iro 26.01.2016
Selbst wenn man ein Girokonto besitzt, ist dies oft keine Alternative. Internationale Überweisungen dauern teilweise bis zu ZWEI WOCHEN! Das Bankensystem ist völlig veraltet. Mit Western Union ist das Geld in einer Minute abholbereit. Dafür sind die Gebühren nicht so viel teurer. Das Beispiel mit 15 Euro für 50 Euro Überweisung mag zwar korrekt sein. Die Gebühren sind aber nicht prozentual, sondern in Intervallen gestaffelt. Dies bedeutet, das man bei 200 Euro ebenfalls eine Gebühr von 15 Euro hat. Es wurde als der denkbar schlechteste Wert als Beispiel herausgepickt. Bei 49 Euro wäre die Gebühr wahrscheinlich 5 Euro.
4. Menschen in Not...
mukulele 26.01.2016
... sind die besten Kunden. Sie können es sich meistens nicht leisten lange zu vergleichen oder sich ausgiebig zu informieren. Oft haben sie auch einfach keine Wahl und werden dadurch abgezockt. Die wiederum, die sich höhere Preise und Gebühren locker leisten könnten, haben die besten Beziehungen und Berater und zahlen wenig bis nichts. So läuft es bei Banken, der Steuer, beim Job... überall!
5. Ausgenutzt wird da niemand
globalundnichtanders 26.01.2016
Die Firmen bieten eine Dienstleistung an. Die kann man nutzen oder auch nicht. In vielen Fällen sind diese Firmen die einzige Lösung, aber vorwerfen kann man ihnen das nicht.
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