Wetterkatastrophe Frankreichs Bauern fürchten Jahrhundertdürre

Blauer Himmel und Badewetter nonstop: Seit Wochen ächzen die Franzosen unter ungewöhnlich heißen Temperaturen. Inzwischen drohen den Bauern massive Ernteausfälle, auch Tierfutter wird knapp. Schon verkaufen die ersten Landwirte ihr Vieh.

AP

Von , Lafarre


Von seinem Hof auf einem Hügel in gut 800 Meter Höhe hat Stéphane Roche einen weiten Blick auf die kleine Gemeinde Lafarre: Rund um die Dorfkirche, wo sonst fette Weiden und dichte Grün die Hänge zum Tal des Flüsschens Doux einrahmen, nichts als gelbe Wiesen, verbrannte Äcker, welkende Pflanzungen. "Dieses Jahr werden uns bis zu siebzig Prozent an Viehfutter fehlen", sagt der Bauer im Norden des Departements Ardèche, gut zwei Autostunden südlich von Lyon. Roche, der vor gut zehn Jahren die 100 Hektar große Farm seines Vaters übernahm, ist sich sicher: "Es wird dramatisch."

Am Abend zuvor hatte sich der 37-Jährige mit seinen Kollegen im Nachbarort Saint Félicien getroffen. Das "Komitee SOS" des Kantons überlegte, wo sich noch Futter finden lassen würde. Roche hatte immerhin einen Produzenten im südfranzösischen Vaucluse aufgetan, der bereit wäre, nach der Ernte das Stroh von 200 Hektar Getreideanbau in den Norden zu schaffen anstatt es zu häckseln. "Besser als nichts, denn die Knappheit hat längst ganz Frankreich erreicht", weiß Roche, der große Sorgen hat, wie er seine Herde von 70 Rindern und 35 Pferdefohlen über den Sommer bringen soll.

Roche, der letzte Bauer der Gemeinde mit rund drei Dutzend Einwohnern, ist kein Einzelfall: Seit dem Frühjahr erlebt Frankreich zuweilen hochsommerliche Temperaturen. Blauer Himmel und Badewetter an den Küsten der Bretagne und der Normandie bescherten Gastronomie und Hotelgewerbe volle Terrassen und ausgebuchte Wochenenden. Doch die ungewöhnlich boomende Vorsaison hat eine Kehrseite - die ausbleibenden Regenfälle bedrohen die Landwirtschaft, mit bereits jetzt dramatischen Auswirkungen.

In einigen Regionen wie der Picardie, Bretagne oder der Tourraine fielen im April 25 Prozent der saisonalen Niederschläge, in den Talsperren und Stauseen sinken wegen der ausbleibenden Frühjahrsgüsse die Pegel: 68 Prozent der unterirdischen Grundwasservorräte liegen unter "Normal", vor allem rund um Paris und im Südwesten Frankreichs. In der Poitou-Charente haben die unterirdischen Reserven bereits eine "kritische Lage" erreicht, ortsweise ist - zwei Monate früher als sonst - die Bewässerung verboten.

Die Angst vorm Jahr 1976

Zwischen Mosel und Loire, so berichtet auch die Regionalzeitung "L'Est Républicain", zähle die Lage zu den drei "trockensten Jahresanfängen seit 1946". Im Rhône-Tal schrumpelt das Obst an den Bäumen, auf staubigen Feldern verkümmern trockene Maispflanzen. Und in den Weingegenden zwischen der Champagne, Bordeaux und Burgund, richten sich die Winzer bereits auf eine vorgezogene Lese ein.

Zum 31. Mai hatten die Präfekten in 55 der insgesamt Departements wegen des Mangels bereits Einschränkungen beim Wasserverbrauch verhängt - etwas für Auto-Wäsche, Schwimmbecken oder das Gießen von Gemüsegärten. Landwirtschaftsminister Bruno Le Maire lud Anfang der Woche in Paris zum Krisengipfel: Frankreich erlebt den "heißesten Frühling seit 50 Jahren, vielleicht sogar seit 1900", sagte Frédéric Nathan vom staatlichen Wetterdienst der Zeitung "Le Monde". Und für den Sommer droht eine Jahrhundert-Trockenheit.

Viele Citoyens fühlen sich bereits an 1976 erinnert, als eine andauernde Hitzewelle Europa überrollte und Frankreich von einer Dürre getroffen wurde, mit langfristigen Folgen für die Landwirtschaft. Während der Streit noch anhielt, ob dies die verheerendste Trockenheit seit 1921 oder gar seit 1783 sei, berichtete der SPIEGEL seinerzeit, eilten vor allem in den am schlimmsten betroffenen Gebieten im Norden Pfarrer in die Gotteshäuser, um Regen herbeizuflehen.

Für das "nationale Unglück" waren schwache Niederschläge und hohe Temperaturen zusammengekommen - eine meteorologische Gemengelage, die sich in diesem Jahr wiederholen könnte. Denn damals wie heute waren die Grundwasserreserven durch schwache Niederschläge im Herbst und Winter noch nicht ausreichend aufgefüllt; die Menge des Oberflächenwasser aber durch ein überdurchschnittliches warmes Frühjahr geschwunden. "Es mangelt an Regen und mit der Hitze entsteht Verdunstung", so Meteorologe Nathan. "Deswegen ist der Zustand der Böden derzeit bisweilen noch schlimmer als 1976."

Und wieder trifft es die Bauern am härtesten - Frankreichs Landwirtschaft ist für 70 Prozent des Wasserverbrauchs verantwortlich. Derzeit sind vor allem die Viehzüchter und Milchviehhalter betroffen und zwar doppelt, so Landwirtschaftsminister Le Maire: Die gestiegenen Getreidepreise haben die Kosten für das Futter in die Höhe getrieben, die Dürre sorgt nun zusätzlich für steigende Preise von Heu und Stroh. Der Minister forderte die Bauern auf, alles verfügbare Brachland zu nutzen und mahnte zur gegenseitigen Unterstützung. Futterhersteller sollten nicht die Knappheit nutzen, um auf Kosten ihrer Kollegen höhere Profite zu erwirtschaften.

Jetzt muss Heu aus Spanien her

Die sind freilich gleichermaßen in Bredouille. Die ersten Schnitte auf den trockenen Wiesen liegen unter der Hälfte des Durchschnitts und jede Form von Bewässerung schlägt sich in höheren Kosten nieder. Frankreichs Nationaler Bauernverband (FNSEA) hat seine Getreideproduzenten daher aufgefordert, das Stroh nach den Ernten zu lagern - und nicht wie sonst zu häckseln. Dennoch drohen die Preise für solches Futter kräftig in die Höhe zu gehen - zwischen 100 bis 120 Euro für eine Tonne Stroh. "Bei der letzten Dürre 2003 konnten wir uns mit Heu aus anderen Teilen Frankreichs versorgen", sagte Archèche-Bauer Roche.

"Jetzt wird Heu aus Spanien herangekarrt, gute Qualität, aber bis zu 250 Euro pro Tonne." Angesichts dieser Entwicklung ziehen einige Bauern bereits die Notbremse und "verkaufen einen Teil ihrer Herde, solange die Preise noch stimmen". Und Roche, der für seinen Betrieb mit einer Einbusse von 20.000 Euro rechnet, weiß viele seiner Kollegen am Rande des Ruins. "Milchbauern mit umfangreichen Investitionen, hohen Bankbelastungen kommen nicht aus der Klemme - sie müssen Futter zukaufen und bekommen obendrein nur lausige Preise für ihre Milch."

Die Regierung hat derweil Entschädigung für die betroffenen Landwirte in Aussicht gestellt. Schon im Juli sollen die Ausfälle erhoben werden, damit Vergütungen ab September fließen können. Kein Pappenstiel - "auf mehrere hundert Millionen Euro", beziffert Le Maire die Nothilfe. Auf eine Sondersteuer wegen der Dürre, wie einst 1976, will der Landwirtschaftsminister jedoch verzichten.

Trotz der angekündigten Unterstützung, kann Paris die wichtigste Vorraussetzung für eine Wende zum Besseren nicht bewerkstelligen - üppige, nachhaltige Niederschläge. Und trotz durchziehender Tiefdruckgebiete, unruhiger Wetterfronten mit gelegentlichen Gewittern, bleiben die Vorhersagen der Meteorologen düster. Die Experten sagen für Mai, Juni und Juli "Durchschnittstemperaturen deutlich heißer als normal" voraus.

"Da hilft", sagt Roche, "wie 1976 nur noch Beten."



© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.