Spanische Finanzkunden: Wie die Bankenkrise Spaniens Bürger trifft

Aus Madrid berichtet

99.000 Euro hat José Maria del Rio Garcia in Vorzugsaktien seiner Bank gesteckt, heute sind sie nur noch die Hälfte wert. Spanische Banken, geschwächt durch das Platzen der Immobilienblase, operierten wie Drückerkolonnen - und nahmen Hunderttausenden gutgläubigen Kunden rund 30 Milliarden Euro ab.

Protest vor Bankia-Zentrale: Aus Sparern wurden Demonstranten Zur Großansicht
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Protest vor Bankia-Zentrale: Aus Sparern wurden Demonstranten

An seinem eigenen Vater erlebte José Maria del Rio Garcia, wohin es führt, wenn man nicht fürs Alter spart. Als der Vater einen Herzinfarkt erlitt, reichte seine Rente nicht, um die Pflege zu zahlen. Die Söhne mussten einspringen. Das Geld wurde knapp.

Garcia will seinen Kindern später nicht zur Last fallen. Also baute er vor: Jahr für Jahr legte er etwas von seinem Lohn beiseite. Als Absicherung für die Eventualitäten des Alters.

Den Direktor seiner Bankfiliale kennt Garcia seit über 35 Jahren. Wenn er in dessen Büro kam, erkundigte sich der Mann nach Garcias Familie. Sie hatten ein freundschaftliches Verhältnis, und so stutzte Garcia nur kurz, als ihm der Bankdirektor ein Angebot machte, das zu gut schien, um wahr zu sein. Sieben Prozent Rendite sollten die Vorzugsaktien der Caja Madrid abwerfen, stimmrechtslose Anteile an der Bank, die damals schon unter der platzenden Immobilienblase litt. Nur dass Garcia davon nichts wusste.

Im Mai 2009 investierte José Maria del Rio Garcia 99.000 Euro. Heute sind die Aktien noch rund die Hälfte wert.

Es gibt in Spanien etwa 700.000 solcher Geschichten. Sie alle handeln von Menschen, die in Aktien ihrer Banken investierten, gelockt von hohen Renditen. Sie wollten mit dem Investment ihre Zukunft absichern. Stattdessen haben sie viel Geld verloren und sind nun voller Wut und Sorge.

Die neuen Aktien, die rund 50 spanische Banken seit 2007 verstärkt ausgaben, waren nichts anderes als Spaniens erstes Rettungspaket. Eine Geldspritze, die sich die angeschlagenen Institute selbst verpassten. Die Banken hatten im Immobilienboom zu leichtfertig Kredite vergeben und saßen nach dem Platzen der Immobilienblase auf Milliardenverlusten. Indem sie kleine Anleger anzapften, nahmen sie insgesamt 30 Milliarden Euro an ein. Hätten sie es nicht getan, hätte Spanien wahrscheinlich schon viel früher Europa um Hilfe für seine Banken bitten müssen.

Unterschrift per Daumenabdruck

In ihrer Geldnot nutzten die Banken aggressive Vertriebsmethoden. Manche operierten wie Drückerkolonnen, ließen Kunden Papiere in deren Freundeskreis verkaufen. Und oft profitierten die Banken vom lange aufgebauten Vertrauensverhältnis zu ihren Kunden - und von deren Gier nach hohen Renditen.

Das Büro der Verbraucherorganisation Adicae befindet sich hinter einer hellbraunen Tür mit goldenem Griff. Viele Anleger, die durch diese Tür gehen, überschreiten eine Schwelle der Scham. Es ist in Spanien nicht üblich, über Geldangelegenheiten zu sprechen. Schon gar nicht, wenn diese Geldangelegenheiten schlecht laufen. Inzwischen kommen täglich gut 300 Leute zu Adicae. Die meisten sehen nicht mehr wütend aus, sondern müde.

Viele Kleinanleger sitzen auf Aktien mit sinkendem Wert, die sie kaum wieder loswerden. Denn Käufer für die Papiere spanischer Krisenbanken lassen sich inzwischen allenfalls noch zu Niedrigpreisen finden.

Antonio Pulido, weißes Shirt, schmale rote Krawatte, ist der Chef von Adicae Madrid. Er zeigt Anlageverträge, die per Daumenabdruck unterschrieben sind, und andere mit einer Laufzeit von rund tausend Jahren. Er zeigt automatisch ausgefüllte Fragebögen, auf denen Banken weitgehend ahnungslose Kunden als "Finanzexperten" einstuften, um sich aus der Verantwortung zu stehlen. "Es ist Unglaubliches passiert", sagt Pulido. "Das Vertrauen ist zerstört."

Bei den Banken heißt es, kein Kunde sei gezwungen worden, Vorzugsaktien zu kaufen. Man habe die Kunden über Risiken aufgeklärt, und viele hätten deswegen nicht investiert. Verträge mit Daumenabdrücken seien inakzeptable Ausnahmen, denen man nachgegangen sei und die nicht wieder vorkommen dürften.

Die Vorzugsaktien haben die Anleger gegen die Banken aufgebracht; gerettet haben sie die Institute nicht. Dafür war deren Loch in der Bilanz viel zu groß. Am 30. Juli 2010 standen mehrere Sparkassen am Rande der Pleite. Da verschmolz die Regierung Caja Madrid, Bankja, La Caja de Canarias, Caja de Ávila, Caixa Laietana, Caja Segovia und Caja Rioja zum Finanzkonzern Bankia. Das Institut logiert in einem schräg stehenden, gläsernen Büroturm am Plaza de Castilla im Norden Madrids. Es setzte auf Größe, doch schon bald zeigte sich, dass aus sieben schwachen Zwergen kein starker Riese wird.

Hoffen auf Europa

2011 wollte das Institut an die Börse, konnte aber kaum große Investoren dafür gewinnen. Also verkaufte die Bank ihre Aktien vor allem an Kleinanleger. Im Juli 2011 investierten sie 3,1 Milliarden Euro in die Bank. Es war kurz bevor die Vorzugsaktien anderer Banken rapide an Wert verloren - und den Preis für Bankia-Anteile mit in die Tiefe rissen. Bankia-Aktien haben inzwischen rund drei Viertel ihres Werts verloren, und der schiefe Turm von Bankia ist Symbol für Spaniens Krise geworden.

José Maria del Rio Garcia, der doch eigentlich nur für sein Alter vorsorgen wollte, ist jetzt Demonstrant gegen den internationalen Finanzkapitalismus. Der 58-Jährige steht in einem Menschenpulk vor dem Bankia-Turm, sie brüllen den Finanzmanagern ihre Wut entgegen: "Lügner, Diebe." Auf einem Protestbanner prangt eine Ratte mit Fliege und Zylinder. Es ist die Karikatur des wohl am meisten gehassten Bank-Managers Spaniens: Rodrigo Rato, der bis vor kurzen Bankia-Chef war. Rata heißt auf Spanisch Ratte.

Rato war Wirtschaftsminister unter Aznar, er ermöglichte es Gemeinden mit seiner "Ley del suelo", Bauland auszuschreiben; das Gesetz gilt als Startschuss für den verhängnisvollen Immobilienboom. Später wurde Rato Chef des Internationalen Währungsfonds.

Ratos Zeit bei Bankia war nicht gerade von Erfolg gekrönt. Fusionsverhandlungen mit der recht stabilen katalonischen Sparkasse La Caixa scheiterten. Der Börsengang konnte Bankia ebenfalls nicht retten. Anfang Mai wurde der Finanzkonzern verstaatlicht, und Rato trat von seinem Chefposten zurück. Während kleine Anleger einen Großteil ihres Geldes verloren, kassierte Rato 1,75 Millionen Euro Abfindung.

Rato ist für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Eine entsprechende Anfrage ließ sein früherer Arbeitgeber Bankia unbeantwortet. Garcia sagt: "Rato hat Spanien ruiniert. Und er hat Bankia ruiniert." Wie so viele Anleger, die sich im Immobilienboom riskante Papiere haben andrehen lassen, wünscht er sich, dass die Hilfen aus dem Euro-Rettungsfonds bald an Spaniens Banken fließen. Vielleicht, so hoffen die Anleger, hätten sie es dann leichter, einen Teil ihres Geldes zurückzubekommen.

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1. Wann wird es endlich verstanden, wann?
restauradores 03.07.2012
Zitat von sysopAPDie spanische Bankenkrise war absehbar - trotzdem schwatzten viele Geldhäuser ihren Kunden bis vor kurzem Bankaktien auf. Die Papiere verloren rapide an Wert, aber die Institute verdienten noch rasch 30 Milliarden Euro. Hunderttausende Anleger fühlen sich betrogen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,841791,00.html
Das wir aus DREI Gründen eine Krise haben: 1. dem Banken- und Finanzsystem 2. der Verschuldung der Staaten 3. der sehr unterschiedlichen Wirtschaftskräfte der einzelnen Länder Alle drei greifen nur bedingt in einander über und auch wenn alle "behandelt" werden müssen, so kann man doch jedes einzelne Problem unabhängig angehen. Ich habe den Eindruck Punkt 2 hatte bisher und augenblicklich für viele absolute Priorität. Das sie dabei Punkt 3 noch weiter problematisieren scheint mittlerweile, aber sehr langsam, gesehen zu werden. Nur zu Punkt 1 höre ich und sehe ich nichts. Sie, unsere gewählten Politiker, werden uns noch völlig zu Grunde richten, und Deutschland wird ganz und gar nicht davon verschont bleiben. Wer das glaubt lässt sich von den vollen Cafés, den teureren Wagen auf den Strassen, der "niedrigen" Arbeitslosenzahl blenden. Uns wird es treffen, mit Verzögerung, weil wir aus einer besseren Ausgangslage kommen - später, einfach nur später!
2. kein Mitleid
c_c 03.07.2012
dass Banken Abzocker sind, wußte schon meine Oma. Wer sich mit Aktien x% Rendite vcorstellt ohne das Risiko zu kennen, dem ist nicht mehr zu helfen. Den Bankberater sowie seine Vorgesetzten muß man allerdings wegen Betrugs einknasten. Die wissen, was sie tun!
3. Griechenland frisierte Bilanzen, Spanien betrügte sogar sein eigenes Volk
TSTS 03.07.2012
Alle sitzen in einem Boot. Bereits im Vorfeld der Euro-Einführung hatten Staaten getäuscht und getrickst. Keines der beteiligten Mitgliedsländer verhielt sich damals ökonomisch stringent. Helmut Kohl ließ Belgien und Italien in die Euro-Zone, ohne ökonomische Rechtfertigung. Die deutschen Bundesbanker wurden mit ihren Einwendungen kalt gestellt. Die Fehlerkette die folgte, ist ellenlang. Jeder hatte etwas zu verbergen und sich für eine kreative Bilanzierung des Haushalts stark gemacht. Sollte das mit dem neuen Fiskal- und Wachstumspakt anders werden? Berechunungsmethoden unterliegen einer Konvention. Wenn eine solche gegen ökonomische Vernunft und nur nach politischem Kalkül zustande kommt, bleibt alles beim Alten. Frau Merkel sprach vor ihrer Abreise zu den Gipfelbeschlüssen, sie werde die deutschen Vorstellungen von richtiger Methodenanwendung dort mit Vehemenz vertreten. Welche genau hat sie gemeint, etwa die Anwendung falscher Methoden? Das Volk und die Medien stellen Fragen, nur kommt im Rahmen dieses Krisenmanagements keine stichhaltige Erklärung.
4. Also Bitte
Incubus6 03.07.2012
Falls Spanier keine Zeitung lesen, so könnte man sich wenigstens übers Fernsehen informieren. Wer 2009 noch Bankaktien kaufte und jetzt wütend über die Verluste ist, ist echt nicht mehr zu helfen. Die Gier auf fette Rendite vernebeln halt den Geist, nicht nur derer in der Finanzindustrie.
5.
B.Lebowski 03.07.2012
Wenn Banken legal oder illegal Milliarden Gewinne einstreichen, halten sie die Füße still. Bei Verlusten hingegen schließen sie einfach die Türen und das wars dann. Und letzten Endes kann wieder der Steuerzahler oder Kleinanleger die Bank sanieren, damit sie wieder Milliarden Gewinne einfährt. Das ist das System in dem wir stecken und aus dem wir uns niemals befreien werden. Ein Buch von 1998 hat das alles vorausgesagt. Die Globalisierungsfalle (http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Globalisierungsfalle)
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Gedränge unter dem Rettungsschirm
Griechenland
Im April 2010 beschloss der EU-Gipfel das erste Rettungspaket in Höhe von 110 Milliarden Euro für drei Jahre, bestehend aus bilateralen Krediten unter Beteiligung des Internationalen Währungsfonds (IWF). Ein Jahr später legten die Staats- und Regierungschefs ein zweites Rettungspaket nach, an dem sich neben dem IWF auch die privaten Gläubiger mit einem Forderungsverzicht beteiligten. Das später ausgehandelte Gesamtvolumen: 172,6 Milliarden Euro (inklusive 24,4 Milliarden aus dem alten Programm) für die kommenden zwei Jahre. 30 Milliarden Euro davon gehen indes nicht an Athen, sondern zur Absicherung an die Banken. Deren Verlust aus dem Schuldenschnitt: 107 Milliarden Euro.
Irland
Dublin hatte Ende 2010 Beistand der Euro-Partner beantragt, Anfang 2011 flossen die ersten Hilfsmilliarden. Insgesamt ist das Rettungspaket 85 Milliarden Euro schwer, wobei 35 Milliarden zur Rekapitalisierung des Bankensektors vorgesehen sind und Dublin 17,5 Milliarden selbst stemmt. Die letzte Tranche von drei Milliarden Euro ist für Ende 2013 vorgesehen.
Portugal
Im Mai 2011 vereinbarten die EU-Finanzminister Hilfszahlungen in Höhe von 78 Milliarden Euro für das Land. Das über drei Jahre bereitgestellte Geld fließt zu zwei Dritteln aus dem Euro-Rettungsfonds und zu einem Drittel aus dem IWF-Budget.
Spanien
Nach langem Zögern und auf Druck seiner europäischen Partner hat Ende Juni auch die Regierung in Madrid Finanzhilfen für den heimischen Bankensektor beantragt. Den Kapitalbedarf muss ein Team aus Experten aber noch beziffern. Zwei Beratungsfirmen haben ein Volumen von maximal 52 bis 62 Milliarden Euro ermittelt, damit die Kreditinstitute bei einer Zuspitzung der Krise nicht kollabieren. Der IWF geht von mindestens 40 Milliarden Euro aus, bliebe als Geldgeber bei einer reinen Bankenrettung ohne Spardiktat indes außen vor. Grundsätzlich hatten die Euro-Finanzminister Spanien schon vor zwei Wochen bis zu 100 Milliarden Euro zugesagt.
Zypern
Nur wenige Stunden nach Madrid schlüpfte auch Nikosia unter den Rettungsschirm. Wie im Falle Spaniens ist der genaue Kapitalbedarf noch offen und muss zunächst von einem Expertenteam geklärt werden. Diplomatenkreisen zufolge dürfte er sich aber deutlich unter zehn Milliarden Euro bewegen. Ähnlich wie Spanien liebäugelt auch Zypern mit einer "Bankenrettung light", um seine eng mit der krisengeschüttelten griechischen Wirtschaft verbandelten Geldhäuser zu rekapitalisieren. (dapd)