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02. September 2012, 12:44 Uhr

Verschwörungstheorien

Wie Porsche den Manta erledigte

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Pssst! Haben Sie es schon gewusst? In kaum einem anderen Lebensbereich kursieren so viele Verschwörungstheorien wie in der Wirtschaft. SPIEGEL ONLINE stellt die wichtigsten vor. Diesmal: Wie Porsche die Manta-Witze erfand, um dem Proll-Boliden den Garaus zu machen.

Treffen sich zwei Manta-Fahrer. Sagt der eine: "Du, stell dir vor, ich hab mir einen Duden gekauft!" - "Ehrlich?", fragt der andere. "Und, hast du ihn schon eingebaut?"

Die Theorie

Fans des Opel Manta haben es immer gewusst: Das Verschwinden ihres Kultautos muss eine Verschwörung gewesen sein. Wichtigster Beleg: Ein Internetfilm, der scheinbar aufdeckt, dass Porsche die Manta-Witze erfand - und so den Ruf der Marke ruinierte.

Der entscheidende Mann der Manta-Verschwörung ist Herbert R. Im gleichnamigen Film taucht er als Schatten auf, mit verfremdeter Stimme. Ein langjähriger Porsche-Manager sei er, heißt es. Offenherzig, mit breitem schwäbischem Akzent erzählt R., wie er in den achtziger Jahren den Opel Manta vom Markt fegte: "Eigentlich ja ein wunderschönes Auto, der Manta. Für unsere Firma aber eine Riesenkonkurrenz." Darum habe er die Idee gehabt: Witze über die angebliche Dummheit der Manta-Fahrer zu streuen. Mit dem Ziel, allmählich das Image des Rivalen zu zerstören.

Herbert R. startete also das "Projekt 1450", "unter Eingeweihten bekannt als die Manta-Verschwörung", raunt die Sprecherin aus dem Off. Demnach hat Porsche die Manta-Witze erfunden. Präziser: Das Unternehmen bezahlte den Komiker Karl Dall dafür. Er sollte die Gags schreiben.

Der Film über die angebliche aggressive Porsche-Strategie tauchte erstmals vor vier Jahren in Internetforen auf. Aufgeregt diskutierten Tuning-Fans, ob das wirklich wahr sein könne. Immerhin taucht auch Dall in dem Video auf. Der Spaßmacher hat ein erkennbar schlechtes Gewissen und verteidigt sich damit, das Geld schlicht gebraucht zu haben: "Ich hatte mir damals gerade ein Haus gekauft, und das Entertainment lief nicht mehr so gut." Hundert Manta-Witze habe er selbst geschrieben und dafür ordentlich Gage kassiert. Dann habe sich das Ganze verselbständigt.

"Im Nachhinein tut mir das unheimlich leid", sagt Dall. Immerhin verschwand nicht nur der Manta vom Markt. Auch das Image von Opel insgesamt habe unter den Gags gelitten.

Was dahinter steckt

Man ahnt es fast: Die Geschichte ist zu schön, um wahr zu sein. In Wahrheit handelt es sich bei der Manta-Verschwörung um ein Projekt der Filmstudenten Johannes Kümmel und Max Penk. "Unsere Aufgabe war, ein Viral in die Welt zu setzen", erzählt Penk. Eine erfundene Geschichte also, ein Video, das sich im Internet wie ein Virus verbreitet.

Die Idee kam den beiden Studenten bei der Heimfahrt von einem Dreh auf Sylt. "Unser Mietwagen war ein Opel, eigentlich ein echt ordentliches Auto", sagt Penk. "Wir haben überlegt, warum die eigentlich so ein schlechtes Image haben." Von den Manta-Witzen und der Komödie "Manta Manta" mit Til Schweiger kamen sie schnell auf die Idee mit Porsche.

Für die Rolle von Herbert R. hatten Kümmel und Penk schnell den geeigneten Schauspieler parat. Und Dall? "Der hat sofort zugesagt." Die Aufnahmen fanden dann in Dalls Wohnzimmer statt.

Ein wenig Angst hatten die Nachwuchsfilmemacher vor der Reaktion von Porsche. "Wir wussten nicht so genau, wie die reagieren würden. Verklagen sie uns vielleicht sogar wegen Rufschädigung?" Doch die Manager des Sportwagenherstellers nahmen es locker. "Irgendwann rief ein Porsche-Sprecher in der Filmhochschule an und gab Entwarnung", erzählt Penk. "Im Konzern hätten sich alle über den Film totgelacht."

Aus Angst vor möglichen Rechtsstreitigkeiten hatten die beiden auch extra dick aufgetragen. Zwar erinnert der Film von der Machart an investigative Magazine wie "Frontal 21" und "Panorama". Doch vor allem der Schluss ist so überzeichnet, dass der Fake offenkundig wird. "Dennoch haben echt viele Leute das geglaubt", erinnert sich Kümmel. Sogar als SPIEGEL ONLINE 2008 erstmals über den Film berichtete und am Ende des Artikels den Schwindel aufdeckte, hielten viele Nutzer an der Theorie fest. "Ich habe damals ein wenig an der Menschheit gezweifelt", sagt Kümmel.

Was, wenn es wahr wäre

Mal angenommen, die Geschichte würde stimmen: Vermutlich wäre die Verschwörung irgendwann aufgeflogen und Porsche zu einer milliardenschweren Schadensersatzzahlung verurteilt worden. Derart geschwächt, wäre Porsche zum Übernahmekandidaten abgesunken und nicht etwa von Volkswagen, sondern vom finanzstarken Opel-Imperium geschluckt worden. Die Rüsselsheimer hätten daraufhin ihren Manta zu einer ganzen Produktlinie von Supersportwagen ausgebaut - während Porsche als billige Zweitmarke des Konzerns dahingekümmert wäre, mit dem "Hausfrauenporsche" 924 als einzigem verbleibenden Modell.

Und heute? Heute stünden vor der Sylter Sansibar, dem Casino in Baden-Baden und dem Bayreuther Festspielhaus stolze Reihen von Manta-Boliden. Während sich die letzten unbeugsamen Porschefans vor den Großraumdiscotheken dieser Republik illegale Straßenrennen liefern - verspottet vom Rest der Autofahrernation.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch "Das Glühbirnenkomplott".

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