Wikipedia: Das geschönte Bild vom Daimler-Konzern 

Von Marvin Oppong

Von einer IP-Adresse, die der Daimler AG gehört, wurden Änderungen am Wikipedia-Artikel über das Unternehmen vorgenommen. Dabei verschwanden kritische Informationen über Daimlers Lobbyaktivitäten - doch die Kommunikationsabteilung des Konzerns fühlt sich nicht zuständig.

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Wikipedia-Artikel über die Daimler AG: Details über Lobby-Aktivitäten entfernt

"Wissen ist Macht" lautet ein dem englischen Philosophen Francis Bacon zugeschriebener Ausspruch. Wer Wikipedia beherrscht, dürfte demnach besonders mächtig sein. Rund 40 Millionen Mal wird die deutschsprachige Wikipedia jeden Tag aufgerufen. Die Google-Suchen vieler Internetnutzer enden beim ersten oder zweiten Treffer, darunter meist der Wikipedia-Artikel zu einem bestimmten Begriff.

Doch wer stellt die Informationen in die Wikipedia ein und nach welchen Kriterien geschieht dies? Wer Änderungen an einem Wikipedia-Artikel vornehmen will, kann sich als Benutzer mit seinem echten oder einem ausgedachten Namen registrieren - er muss es aber nicht. Diese Offenheit bildet eine der Grundprinzipien der Wikipedia-Gemeinde. Sie ist jedoch zugleich eine regelrechte Einladung für Unternehmen und PR-Agenturen, die unerkannt ihr eigenes Image oder das eines Kunden aufhübschen wollen. Allerdings lässt sich auch bei anonymen Änderungen anhand der IP-Adressen zurückverfolgen, über welchen Server die Nutzer online waren.

Am 22. Februar wurde von der IP-Adresse 141.113.85.93 aus ein mit "Lobbying" übertitelter Abschnitt aus dem Wikipedia-Artikel "Daimler AG" gelöscht. Das wäre erst einmal nichts Ungewöhnliches - würde diese IP-Adresse nicht zu einem Server der Daimler AG gehören. Es verschwand ein Abschnitt, der sich auf Berichte von tagesschau.de und der Tageszeitung "Die Welt" stützte. Der gelöschte Text informierte darüber, dass Daimler-Benz 2007 zusammen mit den Autoherstellern BMW und Porsche mit dem "Worst EU Lobbying Award" ausgezeichnet worden war - für eine gemeinsame Kampagne, in der die drei Hersteller nach Ansicht der Juroren "für die Verwässerung und Verzögerung von verpflichtenden CO2-Reduktionszielen" eintraten. Weiter war in dem Abschnitt die Rede davon, "dass in der Ausschreibungsphase für das milliardenteure deutsche LKW-Mautsystem ein ranghoher Mitarbeiter von DaimlerChrysler im Verkehrsministerium mitarbeitete." Die Löschungen wurden von einem Wikipedia-Benutzer mit dem Benutzernamen "Inkowik" wieder rückgängig gemacht. Ein durchaus üblicher Vorgang bei Wikipedia: besonders aktive Nutzer wachen darüber, dass Beiträge nicht interessengeleitet manipuliert werden.

Daimler-Pressesprecher Florian Martens betont, die Löschung des Abschnitts sei "nicht im Auftrag der Daimler AG" vorgenommen worden. "Offenbar handelt es sich um eigenständige, private Änderungen von Mitarbeitern", so Martens. Für diese Erklärung spricht, dass über die genannte IP-Adresse im selben Zeitraum auch Einträge zu "Victoria von Schweden" und "Müsli" geändert sowie einen Tag zuvor Diskussionsbeiträge zu den "Zeugen Jehovas" und zu "Raymond Victor Franz" verfasst wurden.

Wer genau sich da an seinem Daimlerarbeitsplatz als Wikipedia-Zensor betätigt, lässt sich laut Martens aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht weiterverfolgen. Zwar gebe es bei Daimler eine Konzern-Richtlinie, gemäß der Mitarbeiter vor Veröffentlichungen aller Art mit der Kommunikationsabteilung Rücksprache halten müssen. Martens sieht aber "keinerlei Grund", Mitarbeitern pauschal die Nutzung von Social-Media-Angeboten zu untersagen, zu denen auch Wikipedia zählt.

Ein ungewöhnliches Laisser-faire, das der Konzern hier an den Tag legt, denn ob mit oder ohne offiziellen Auftrag: Der Wikipedia-Zensor hat zumindest gegen den internen Social-Media-Leitfaden der Daimler AG verstoßen. Denn der verlangt in Punkt acht eindeutig: "Wenn Sie für Daimler im Internet aktiv sind bzw. Daimler-Interessen vertreten, stehen Sie dazu! Transparenz können Sie zum Beispiel durch einen Hinweis (Disclaimer) sicherstellen, welcher an den Diskussionsbeitrag angehangen (sic!) wird: Beispiel: Ich bin Mitarbeiter von Daimler und vertrete hier meine eigene Meinung."

Ulrich Müller ist Vorstand der Organisation LobbyControl, die den "Worst EU Lobbying Award" mit vergibt. Er will sich mit Martens Erklärung nicht zufrieden geben und findet es "problematisch, wenn von Daimler-Rechnern aus kritische Informationen über Daimler aus der Wikipedia gelöscht werden". Daimler solle "dem nachgehen und darauf hinwirken, dass solche Aktionen in Zukunft nicht mehr passieren".

Zumal Manipulationen in Wikipedia, was den Stuttgarter Autokonzern betrifft, eine unselige Tradition haben: Von der IP-Adresse 141.113.100.23 aus, die ebenfalls der Daimler AG gehört, wurden nach Recherchen von SPIEGEL ONLINE bereits in den Jahren 2005 und 2006 insgesamt 24 Änderungen am Wikipedia-Artikel "Daimler AG" vorgenommen, die unter anderem die NS-Vergangenheit des Konzerns betreffen. Es verschwand die Information, dass während des Zweiten Weltkrieges in einem von Daimler-Benz in Ludwigsfelde errichteten Werk für Flugzeugmotoren "Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter für den damaligen nationalsozialistischen Musterbetrieb" arbeiteten und zum Ende des Krieges hin "in der sogenannten Deutschlandhalle ein Außenlager des Konzentrationslagers Ravensbrück" existierte, in dem "1.100 weibliche KZ-Häftlinge" zur "Zwangsarbeit im Flugzeugmotorenwerk eingesetzt" wurden. Auch eine ähnliche Angabe in dem Abschnitt über ein Werk in Berlin-Marienfelde wurde so gelöscht.

Die faktische Richtigkeit all dieser Angaben bestätigt man bei Daimler. Das Unternehmen will die Löschungen jedoch ebenfalls nicht veranlasst haben. Man greife in Wikipedia-Artikel nur ein, wenn man "explizit auf faktische Fehler hingewiesen" werde, erklärte der Daimler-Sprecher. "Wir haben bereits seit Anfang 2007 in der Kommunikation einen hauptamtlichen Social-Media-Manager, der sich schon sehr frühzeitig u. a. auch mit Fragen rund um Wikipedia beschäftigt hat", so Martens weiter. In der Vergangenheit agierte Daimler auch mit dem Benutzeraccount "Daimler Corp. Communications" in der Wikipedia.

Immer wieder wurden in der Vergangenheit Fälle bekannt, in denen Unternehmen ihrem Wikipedia-Eintrag ein wenig nachhalfen. Von einer IP-Adresse aus, die zur RWE AG führt, wurde etwa hinzugefügt, dass das konzerneigene Atomkraftwerk Biblis einen "Meilenstein in puncto Sicherheit" darstelle.

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insgesamt 109 Beiträge
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1. Richtig schlimm wird es
cektop 12.03.2012
wenn von der Spiegel-IP aus über den Spiegel berichtet wird!
2. Wikipedia
hubertrudnick1 12.03.2012
Zitat von sysopVon einer IP-Adresse, die der Daimler AG gehört, wurden Änderungen am Wikipedia-Artikel über das Unternehmen vorgenommen. Dabei verschwanden kritische Informationen über Daimlers Lobbyaktivitäten - doch die Kommunikationsabteilung des Konzerns fühlt sich nicht zuständig. Wikipedia: Das geschönte*Bild*vom Daimler-Konzern* - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,817802,00.html)
Wenn Wikipedia was taugt, dann wird das alles sehr schnell wieder in Ordnung gebracht. Wer Manipulationen zulässt der spielt dann auch mit seinem Vertrauen.
3. Exportweltmeister
spontifex 12.03.2012
Zitat von sysopVon einer IP-Adresse, die der Daimler AG gehört, wurden Änderungen am Wikipedia-Artikel über das Unternehmen vorgenommen. Dabei verschwanden kritische Informationen über Daimlers Lobbyaktivitäten - doch die Kommunikationsabteilung des Konzerns fühlt sich nicht zuständig. Wikipedia: Das geschönte*Bild*vom Daimler-Konzern* - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,817802,00.html)
In der Öffentlichkeitsarbeit richtungweisend ist Daimler bei der Werbung unter Verwendung blonder Frauen (http://www.youtube.com/watch?v=l38blGqVeHc&NR=1) und Taxis (http://www.youtube.com/watch?v=FsP2vEWcn7U). Von Wikipedia sollten die lieber die Finger lassen.
4. Unverschämtheit
abominog 12.03.2012
Das ist nicht nur der Gipfel der Frechheit, sondern möglicherweise auch nur die Spitze des Eisbergs...
5. Und?
kaigue 12.03.2012
Finde ich überhaupt nicht skandalös. Wer Wikipedia mehr glaubt als er soll, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen.
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Wikipedia-Richtlinien: "Schädige niemanden"
Schreibstil
Du solltest in neutraler, unzweideutiger Weise dokumentieren, welche verlässlichen unparteiischen Quellen über den Betroffenen veröffentlicht haben und gegebenenfalls auch, was die Person über sich selbst veröffentlicht hat. Der Schreibstil soll neutral, faktenorientiert und zurückhaltend sein. Es sollten weder hagiografische noch sensationsheischende Töne vorkommen. (…) Wenn du über ein negatives Ereignis schreibst, berücksichtige auch entlastende Informationen, bemühe dich immer um Ausgewogenheit.

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Ohne glaubwürdige Belegangaben ist die Biografie wahrscheinlich Theoriefindung. Im Artikel angegebene Informationen müssen daher unbedingt für jeden einfach zu verifizieren sein. Informationen, die nur auf parteiischen Web-Seiten oder in obskuren Zeitschriften veröffentlicht sind, sollten mit Vorsicht behandelt und nicht verwendet werden, wenn sie tendenziös sind. Informationen aus Büchern und Zeitungen im Selbstverlag, oder von privaten Web-Seiten/Blogs sollten nie benutzt werden, außer sie stammen vom Betroffenen selbst.

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Über öffentlich bekannte Personen gibt es in der Regel eine Vielzahl von verlässlichen Quellen, und die Wikipedia-Biografie sollte einfach wiedergeben, was dort steht. Andererseits haben auch diese Personen ein Recht auf Privatsphäre. Nur wenn ein Vorwurf oder Zwischenfall bedeutsam, und in solchen angesehenen Veröffentlichungen dokumentiert ist, gehört er in den Artikel, und zwar auch, wenn der Betroffene die Erwähnung ablehnt. (…) Grundsätzlich ist – wie bei jedem anderen in einem Artikel erwähnten Faktum – eine Prüfung der enzyklopädischen Relevanz notwendig. In Grenzfällen sollte die Daumenregel lauten "schädige niemanden".

Umgang mit Artikeln über sich selbst
Wir raten zwar davon ab, Artikel über sich selbst zu verfassen (siehe Wikipedia: Eigendarstellung), aber die Betroffenen sind eingeladen, Fehler zu verbessern und ungenaues oder unbelegtes Material zu entfernen. Wenn Sie eine Frage oder ein Problem mit einem Artikel über sich selbst haben, kontaktieren Sie uns bitte über einen der auf Wikipedia: Kontakt angegebenen Wege oder schreiben Sie auf die Diskussionsseite des Artikels. Angaben zum verantwortlichen Betreiber im juristischen Sinn finden Sie im Wikipedia: Impressum.

Wo Wikipedia in die Irre führte
Meist akkurat
Viele Wikipedia-Artikel sind genau so akkurat wie ihre Gegenstücke im Brockhaus oder der Encyclopaedia Britannica. Die Autorengemeinschaft pflegt aktuelle Ereignisse nicht selten binnen kürzester Zeit ein und bügelt Fehler meist schnell wieder aus. Wenn die "Weisheit der Vielen" versagt, kann es allerdings zu peinlichen Pannen kommen.
dpa
Falsche Namen
Der Freiherr zu Guttenberg hat viele Vornamen. Wilhelm gehört aber nicht dazu. Als der CSU-Politiker im Februar 2009 Wirtschaftsminister wurde, mogelte ein anonymer Scherzbold in dessen Wikipedia-Biografie neben den zahlreichen anderen Namen eben auch den Wilhelm rein. Dieser Fehler stand zwar nicht lange auf der Seite, zahlreiche Medien übernahmen ihn aber offenbar ungeprüft aus dem Online-Lexikon.
Falsche Verdächtigungen
Der amerikanische Journalist John Seigenthaler stellte im September 2005 schockiert fest, dass ihm in der Wikipedia eine Verwicklung in die Ermordung von John F. Kennedy und dessen Bruder Bobby unterstellt wurde. Die Behauptung stand monatelang unwidersprochen online. Der Fall führte zu heftigen Kontroversen unter den Wikipedianern, wie das Lexikon zuverlässiger werden kann.
Politische Grabenkämpfe
Die Parteizentralen messen Wikipedia große Bedeutung zu - und legen daher oft selbst Hand an. 2007 wurde von einem Rechner der hessischen CDU-Zentrale aus der Eintrag über den grünen Landespolitiker Tarek Al-Wazir bearbeitet. Die Union verwies auf einen Praktikanten. Ein Jahr später versuchte ein unbekannter Autor, die US-Politikerin Sarah Palin in ein besseres Licht zu rücken, indem er die wenig schmeichelhafte Passage über ihren Spitznamen "Sarah Barracuda" löschte. Die Community sperrte den Eintrag zwischenzeitlich für Bearbeitungen.
Geschöntes Image
Auch Unternehmen haben immer wieder versucht, die Einträge über sich oder ihre Produkte zu schönen. Microsoft etwa löschte eine kritische Passage über die Fehleranfälligkeit seiner Spielkonsole Xbox 360. Der Ölkonzern Chevron-Texaco ließ gleich einen ganzen Text über Biodiesel verschwinden. Die Manipulationen fielen aber auf - ein Instrument namens Wikiscanner konnte die Veränderungen auf die Anbieter zurückführen.