Windkraft-Antrieb Drachen-Frachter geht auf Jungfernfahrt

Als Spinner und Träumer wurde er verhöhnt, doch jetzt wird sein Traum wahr. Ingenieur Stefan Wrage schickt gemeinsam mit seinem ersten Kunden, dem Reeder Niels Stolberg, in Kürze den ersten Frachter mit Gleitschirm-Antrieb auf die Reise. Die Jungfernfahrt muss zeigen, ob sich die Idee rechnet.

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Hamburg - Stefan Wrage kommt ins Büro gehetzt, setzt sich, knallt einen Stapel Akten auf den Konferenztisch und lehnt sich zurück. Er fährt sich mit der Hand durch das mittlerweile etwas schüttere Haar und lächelt. "Jetzt habe ich Zeit für Sie", sagt er und sitzt doch so da, als wäre er zum Absprung bereit. Es scheint als habe der 34-Jährige verlernt, sich einen Moment der Ruhe zu gönnen. Kein Wunder - sechs harte Jahre liegen hinter dem Jungunternehmer. Jahre, in denen er mehrmals vor dem wirtschaftlichen Ruin stand.

Die schwierigste Zeit habe er hinter sich, sagte Wrage - in den kommenden Wochen werde sich zeigen, ob seine Mühe zum Erfolg geführt habe. Am Samstag tauft Bundespräsidenten-Gattin Eva Köhler im Hamburger Hafen die "MS Beluga Skysails", den ersten Schwergut-Frachter der Welt, der nicht nur von einem Motor, sondern auch von einem Segel angetrieben wird. Es sieht aus wie ein riesiger Gleitschirm und ist am Bug des Schiffs mit einem Seil befestigt. Wenn die Jungfernfahrt gelingt und Wrages Kalkulation stimmt, dass bis zu 50 Prozent an Kraftstoff zu sparen ist, bedeutet das den Durchbruch für den umweltfreundlichen Schiffsantrieb. Womöglich entscheiden sich andere Reedereien für einen Flugdrachen. Reißt das Segel aber, dann wird es schwierig.

Nach der Taufe erhält das Schiff in Bremen eine neu entwickelte Lackschicht, rau wie eine Haifischhaut. Dann, nach einigen Probefahrten, startet das Schiff Anfang Januar zu einer ersten Reise nach Venezuela und in die USA. Der Bremer Reeder Niels Stolberg, 46, Betreiber des Schiffs, sagt: "Wir gehen davon aus, dass wir das Segel auf dem Rückweg nach Bremen voll einsetzen können. Die Windkarte zeigt, dass wir starke Westwinde haben werden."

Dass es überhaupt zu diesem Projekt gekommen ist, hat mit Wrages früher Begeisterung für das Segeln zu tun. "Ja, wo soll ich anfangen?", sagt er, und es scheint, als wolle er lieber über die Zukunft sprechen als über die Vergangenheit. Aber dann holt er aus, erzählt von seiner Idee, die er schon als 15-Jähriger hatte, von der Zeit, als er mit seiner Jolle auf der Alster segelte und mit der Nähmaschine seiner Großmutter Drachen nähte und an der Elbe steigen ließ. Weil die Jolle ihm zu langsam war, benutzte er einen Kitesurf-Drachen, um an Fahrt zu gewinnen - es funktionierte. "Ich dachte mir: Das muss auch mit größeren Schiffen gehen", sagt Wrage.

Seither beschäftigt ihn diese Idee. Und zwar so sehr, dass er Ende 2001, nach einem Wirtschaftsingenieur-Studium, gemeinsam mit dem Schiffbauingenieur Stefan Meyer die Firma Skysails gründete. Seine Idee war, Frachtschiffe mit gigantischen Flugdrachen auszustatten und ihnen somit einen Hilfsantrieb auf offener See zu verpassen - dort, wo es genügend Wind gibt. "Schon damals wusste ich, dass man damit eine Menge Geld sparen kann: Wind ist billiger als Öl", sagt Wrage. "Und Unternehmer investieren nur in klimafreundliche Technologien, wenn es sich auch wirtschaftlich lohnt."

Doch statt Lob kassierte er Häme. "Spinner", "Größenwahnsinniger", "Träumer" bekam er zu hören, manche warfen ihm vor, Geld zu verbrennen. Nur weil er als Jugendlicher auf der Alster herumgekurvt sei, verstehe er noch lange nichts von Seefahrt. Doch Wrage ließ sich nicht beirren: "Ich habe immer an die Idee geglaubt und die Kritik abprallen lassen", erinnert er sich.

Der unerschütterliche Glaube war auch dringend erforderlich. Denn das Jahr 2001 war kein günstiger Zeitpunkt für ungewöhnliche Geschäftsideen - viele Investoren hatten gerade Millionen in der New Economy verloren. "Es war äußerst schwierig, Geldgeber zu finden", erzählt Wrage. Deshalb habe er seine Ersparnisse in die Firma investiert.

Die geringe Kapitaldecke erwies sich öfters als echte Hypothek. Zweimal stand Skysails vor dem Aus - bis 2003 der Schiffsfinanzierer Oltmann aus Leer als Gesellschafter einsprang. "Natürlich gab es Momente, in denen man kurz davor war hinzuschmeißen", sagt Wrage und meint damit zum Beispiel jenen Moment, als eine Windböe einen der ersten Flugdrachen zerfetzte. "Es ist kein schönes Gefühl zu wissen: Das gesamte Geld, das man in die Firma gesteckt hat, und die monatelange Arbeit von hochqualifizierten Mitarbeitern könnte dahin sein." Wrage machte weiter.



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