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"Wired"-Gründer Kevin Kelly: Kampf den Roboterjobs

Sieht die Zukunft aus wie der Science-Fiction-Film "Minority Report"? Oder doch ganz anders? SPIEGEL ONLINE sprach mit dem Internet-Visionär und "Wired"-Gründer Kevin Kelly über die vernetzte Gesellschaft, den gläsernen Konsumenten und die Segnungen der Ineffizienz.

SPIEGEL ONLINE:

Mr. Kelly, sie haben sich die Szene in dem Science-Fiction-Film "Minority Report" ausgedacht, in der Tom Cruise von maßgeschneiderten Werbe-Hologrammen attackiert wird. Blüht so etwas dem Konsumenten der Zukunft?

Kevin Kelly: Ja, ich glaube immer noch, dass dies ein wahrscheinliches Szenario ist. Die Einstellung, in der Cruise durch die Gegend läuft und mit Werbung bombardiert wird, könnte Wirklichkeit werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie werden sich die Menschen gegen solch ein Dauerwerbefeuer zur Wehr setzen können?

Kelly: Eine Sache, die ihnen helfen wird, ist das so genannte räumliche Web, ein Internet das mit der Geographie der realen Welt verknüpft ist. Zum Beispiel würde Ihr Handy wissen, dass sie zu Hause sind, es würde wissen, dass es mehr Nummern herausfiltern kann, als wenn sie woanders wären. Der Ort wird wichtig sein. Das gleiche wird mit Werbeanzeigen passieren. Menschen werden zugänglicher sein, aber nur an bestimmten Orten.

SPIEGEL ONLINE: Und darüber wird man sich dauernd Gedanken machen müssen?

Kevin Kelly: Wenn wir mit allem verknüpft sind, werden wir ständig mit uns selbst und mit der Gesellschaft darüber diskutieren, in welchen Ausmaß wir Ideen zu uns kommen lassen und in welchem Ausmaß wir sie selber suchen möchten. Es ist zwar möglich, so zu leben, dass nie etwas Unerwünschtes passiert. Aber das ist sowohl langweilig als auch gefährlich. Die meisten Leute sitzen gerne abwechselnd am Steuer und auf dem Beifahrersitz.

SPIEGEL ONLINE: Werden Unternehmen unsere Handlungen und Gewohnheiten in großen Datenbanken speichern?

Kelly: Vermutlich. Es wird sich alles um Beziehungen drehen. Das ist ja auch der Grund, warum Amazon Chart zeigen funktioniert: Weil man freiwillig in eine Beziehung zu dem Unternehmen tritt und ihm erlaubt, einen beim Shoppen zu beobachten. Und nach einiger Zeit wird Amazon richtig gut darin, einem Vorschläge zu machen. Weil man einige Informationen preisgegeben hat. Das wird auch in anderen Bereichen passieren. Sie werden langfristige Beziehungen zu Unternehmen aufbauen und ihnen einige Aspekte Ihres Lebens offenbaren.

SPIEGEL ONLINE: Einige werden mit dieser so genannten Interkonnektivität besser zurechtkommen, andere schlechter. Wer werden die Gewinner sein, wer die Verlierer?

Kelly: Manche Menschen suchen vor allem Stabilität und sind zufrieden, wenn sie jeden Tag das gleiche machen. Ich glaube, das System ist in der Lage, diesen Leuten Jobs zur Verfügung zu stellen und gleichzeitig Möglichkeiten für jene zu bieten, die sich ständig anpassen und nach neuen Erfahrungen suchen wollen. Die verdrahtete Welt wird kein Entweder-Oder sein. Es gibt nicht notwendigerweise Gewinner und Verlierer. Sondern verschiedene Arten zu gewinnen.

SPIEGEL ONLINE: Die meisten Technologie- und Unternehmensberater sehen Interkonnektivität aber vor allem als Möglichkeit, die Welt ganz schrecklich effizient zu gestalten. Heißt das, wir müssen demnächst länger und härter arbeiten?

Kelly: Dass Unternehmen nach immer größerer Effizienz streben, ist doch ganz natürlich. Aber wir als Menschen sollten uns dagegen wehren. Wir sollten die Effizienzfrage auf die Technologie beschränken und sie von uns fern halten. Nehmen Sie als Beispiel Kassierer im Supermarkt - jeder will, dass die möglichst effizient funktionieren, aber letztlich ist das doch ein Job für Maschinen. Die gleiche Überlegung trifft etwa auf Leute zu, die in einem Buchladen Bücher in Kisten packen. Besser wäre es, wenn so etwas von Robotern erledigt wird.

SPIEGEL ONLINE: Und was machen diejenigen, deren Arbeit von Maschinen übernommen wird?

Kelly: Kreative Dinge, Sachen für die man flexibel sein muss. Aber dafür braucht man Spielraum, dafür braucht man Zeit. Man muss ineffizient arbeiten. Effizienz tötet Kreativität.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Effizienzgurus von der Wall Street werden bald Echtzeit-Informationen zur Verfügung haben, anhand derer sie nachvollziehen können, ob unsere Handlungen finanziell gesehen Sinn machen. Finden Sie das nicht gruselig?

Tom Cruise in "Minority Report": "Wahrscheinliches Szenario"
20th Century Fox

Tom Cruise in "Minority Report": "Wahrscheinliches Szenario"

Kelly: Gegen Effizienz für Roboter habe ich nichts. Das derzeitige Problem ist doch, dass Jobs nach Effizienzkriterien konstruiert worden sind. Und dann stecken wir Menschen anstelle von Maschinen in diese Jobs, weil die entsprechende Technologie noch nicht verfügbar oder zu teuer ist. Dagegen sollten wir protestieren. Menschen sollten keine Roboterjobs machen, denn auf diese Weise nutzen wir ihre besonderen Fähigkeiten nicht optimal aus. Wir könnten alle gewinnen. Wall Street kann gewinnen, indem sie die Unternehmen effizienter macht, und Menschen können gewinnen, weil sie weniger langweilige, monotone Jobs machen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist der Boom denn trotz all dieser tollen Technologie verendet?

Kelly: Der Boom liegt noch vor uns. Man sollte nicht den Fehler machen zu glauben, dass wegen der Hysterie und dem Wahnsinn während der Dotcom-Blase und dem anschließenden Absturz all die Dinge, die damals prognostiziert wurden, nicht passieren werden. Ich denke, dass all die Trends, die wir heute sehen, klar darauf hindeuten, dass diese Entwicklungen eintreten werden. Die Leute werden auch in der Zukunft nicht mit 25 Millionäre sein. Aber Dinge wie Bandbreite, drahtloses Internet, kleinere und schlauere Computer und Interkonnektivität werden große Veränderungen auslösen. Sie können solche Technologien nicht in eine Kultur einführen, ohne tief greifende Umbrüche auszulösen.

Die Fragen stellte Thomas Hillenbrand

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