Wirtschaftsabschwung Autobauer entlassen Tausende Zeitarbeiter

Die Zeitarbeitsbranche bekommt den Einbruch des Wirtschaftsabschwung als Erste zu spüren: Tausende Leiharbeiter in der Autoindustrie haben ihre Jobs bereits verloren, Experten rechnen mit weiteren Massenentlassungen. Doch in der Krise steckt auch eine Chance.

Von Kathrin Fichtel


Hamburg - Zeitarbeiter haben in der Regel keinen guten Ruf. Als "Stiefkinder auf dem Arbeitsmarkt", "flexible Parallelbelegschaft", sogar "Manövriermasse" werden sie bezeichnet. Vor allem aber dienen sie als Frühindikator für den Zustand des Arbeitsmarkts. Denn nach Expertenmeinung lässt sich an der Situation der Personal-Leasing-Branche viel über die Zukunft der übrigen Jobs in Deutschland ablesen.

BMW-Werk Leipzig (Archivbild): 550 Zeitarbeiter nicht mehr gebraucht
DDP

BMW-Werk Leipzig (Archivbild): 550 Zeitarbeiter nicht mehr gebraucht

Wenn das stimmt, dann stehen die Zeichen auf Sturm - zumindest in der Auto-Industrie. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE wollen zahlreiche Fahrzeughersteller und ihre Zulieferer ihre Verträge mit Zeitarbeitsfirmen nicht verlängern oder haben ihre Leiharbeiter bereits zurück zum Personaldienstleister geschickt.

So hat sich etwa Ford Ende Oktober von 200 Leiharbeitern in den Produktionsstätten in Saarlouis getrennt, bis Ende des Jahres sollen 300 weitere das Kölner Werk verlassen. Bei Volkswagen laufen bis Ende des Jahres die Verträge von 750 Leiharbeitern aus. Ob und welche Verträge von den verbleibenden 2750 verlängert würden, werde sorgfältig geprüft, heißt es aus dem Unternehmen.

BMW will bis Ende Dezember auf rund 2500 Zeitarbeitskräfte verzichten. Auch Daimler bestätigte, dass die Zahl von etwa 2500 Leiharbeitern reduziert werde, machte aber keine genaueren Angaben. MAN baut ebenfalls 2200 Zeitarbeitsstellen im Bereich der Nutzfahrzeuge ab; die übrigen 800 geliehenen Arbeitskräfte könne man dank voller Auftragsbücher bei Schiffsmotoren und Turbomaschinen behalten. Auch die Zulieferfirma Continental soll nach Medienberichten auf 5000 Zeitarbeiter verzichten.

Feste Belegschaft bleibt erst mal verschont

Doch diese Zahlen sind vermutlich nur der Anfang: Auto-Experte Ferdinand Dudenhöffer rechnet damit, dass von den momentan geschätzt 100.000 bei Autoherstellern und Zulieferfirmen beschäftigten Zeitarbeitern bis Mitte kommenden Jahres nur 20.000 übrig bleiben. "Vielleicht auch weniger, vielleicht auch gar keine", sagt Dudenhöffer. "Das ist der Fluch der Flexibilität in der Zeitarbeit." Dieser Fluch habe allerdings auch eine positive Seite: "Wenn es die Zeitarbeit nicht gäbe, würden die Unternehmen kaputtgehen", sagt Dudenhöffer.

Auch Arbeitsmarktexperte Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hält den Boom der Zeitarbeit seit dem Jahr 2004, als die gesetzlichen Vorgaben gelockert wurden, für grundsätzlich positiv. Die Betriebe seien flexibler geworden, dank den Zeitarbeitnehmern werde die feste Belegschaft erst einmal verschont. "Die Leiharbeiter waren schon immer der konjunkturelle Puffer", sagt auch Hartmut Seifert von der Hans-Böckler-Stiftung. Er geht davon aus, dass die Gesamtzahl aller deutschen Zeitarbeitnehmer von zuletzt 745.000 im Juni 2008 um ein Drittel zurückgehen könnte.

Bei den Zeitarbeitern selbst hält man das für das Worst-Case-Szenario: "Natürlich können wir uns nicht von der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung abkoppeln", sagt Ludger Hinsen, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Zeitarbeit. "Aber im Allgemeinen geht die Branche zumindest für dieses Jahr weiterhin von Wachstum aus - wenn auch nur im unteren einstelligen Bereich." Während der vergangenen Jahre war die Zeitarbeitsbranche stetig gewachsen, besonders in Baden-Württemberg, Sachsen und Hessen. Dort hatte die Zahl der entliehenen Beschäftigten zwischen Juni 2007 und Juni 2008 jeweils um knapp sechs Prozent zugelegt.

Dass aber knapp ein Viertel aller deutschen Leiharbeiter in der Metall- und Elektrobranche beschäftigt ist, könnte jetzt vor allem für die Zeitarbeitsfirmen selbst zum Problem werden. Denn ihr externes Personal, die Leiharbeiter, haben oft unbefristete Verträge mit gesetzlich vorgeschriebener Kündigungsfrist. Arbeitnehmer, die vom Auftraggeber zum Personaldienstleister zurückgeschickt werden, werden deshalb nach Möglichkeit neu vermittelt - bei der momentanen Wirtschaftslage in vielen Fällen eine Herausforderung.

Umsatz bricht auch bei Branchenriesen ein

So ist zum Beispiel beim Branchenriesen Randstad der Umsatz bereits eingebrochen - nach einem Wachstum von zwölf Prozent im ersten Halbjahr meldete der Personaldienstleister nur noch ein Prozent Umsatzsteigerung im dritten Quartal. "Das Wachstum in der Branche hat sich verlangsamt", sagt Sprecherin Petra Timm. Denn auch die Großen der Branche bekommen die Flaute der Automobilindustrie zu spüren: So sind etwa 125 von 550 Zeitarbeitern, die das Leipziger BMW-Werk entlassen hat, bei Randstad unter Vertrag. "Jetzt laufen Gespräche mit unseren Betriebsräten, der Niederlassungsleiter bemüht sich, die Leute woanders einzusetzen", sagt Timm. Insgesamt gebe es bei Randstad aber immer noch 8500 Stellenangebote; gerade für Höherqualifizierte sowie im IT-Bereich sei die Nachfrage stabil.

Doch nicht einmal das gilt für alle in der Branche. So berichtet Thomas Reitz, Geschäftsführer bei Manpower, von einer sinkenden Anzahl der offenen Stellen. Die im Sommer noch vorhandenen 5000 Angebote hätten sich mehr als halbiert - obwohl Manpower einer der drei größten Personaldienstleister weltweit ist.

"Die Krise wird wohl zu einer Marktbereinigung führen", sagt Hinsen vom Bundesverband Zeitarbeit. Andererseits glaubt er, dass der Abschwung seiner Branche auch in die Hände spielen könnte: "Ein Unternehmer auf Expansionskurs würde doch in unsicheren Zeiten eher flexible Zeitarbeiter einstellen."

In einem Punkt immerhin zieht das geleaste Personal mit anderen Arbeitnehmern gleich: Auf Betreiben des Verbands können nun auch Leiharbeiter das auf 18 Monate verlängerte Kurzarbeitergeld der Bundesagentur für Arbeit beziehen. Immerhin ein kleiner Trost in Zeiten der Krise.



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