Wirtschaftsbericht OECD prangert Deutschlands Schulsystem an

Arbeitsmarkt, Netzindustrie und Gesundheitswesen: Will die Bundesregierung das hohe Wirtschaftswachstum halten, muss sie auf vielen Gebieten mehr tun. Dies geht aus dem neuen Wirtschaftsbericht der OECD hervor. Besonders problematisch sehen die Experten das Thema Bildung.


Hamburg - Die Sprache ist sachlich, der Ton moderat - doch in der Sache lässt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) keinen Zweifel: In ihrem heute an Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) übergebenen Wirtschaftsbericht beschreibt sie auf insgesamt 189 Seiten den Status quo der Bundesrepublik und ihrer Wirtschaftskraft. Das Ergebnis: gut, aber nicht gut genug.

Grundschüler in Deutschland: OECD fordert weitere Bildungsreformen
DPA

Grundschüler in Deutschland: OECD fordert weitere Bildungsreformen

"Nach einer längeren Phase der Stagnation hat Deutschland eine kräftige Erholung erlebt", heißt es in der Zusammenfassung. Trotz der Finanzkrise traue man Deutschland in diesem Jahr ein Wirtschaftswachstum von 1,8 Prozent zu - um aber gleich hinterherzuschieben: "Damit das hohe Wirtschaftswachstum über den Konjunkturaufschwung hinaus andauern kann, muss allerdings die Wachstumsrate des Produktionspotentials angehoben werden."

Wie das geschehen soll, daran lässt die OECD keinen Zweifel: Die bisherigen Erfolge bei der Haushaltskonsolidierung müssten gewahrt bleiben, die Reformdynamik auf dem Arbeitsmarkt müsse anhalten, der Wettbewerb im Energie und Schienenverkehr gestärkt und die Gesundheitsreform weitergeführt werden. Aber es ist vor allem ein Thema, das der OECD auf den Nägeln brennt: "Es bedarf weiterer Bildungsreformen, um Bildungserträge und Bildungsniveaus anzuheben und den Effekt des sozioökonomischen Hintergrunds auf die Bildungsergebnisse zu verringern", heißt es dazu in dem Bericht. Was im Klartext heißt: bessere vorschulische Erziehung, vor allem für Kinder mit Migrationshintergrund.

15 Punkte für bessere Bildung

Im Zentrum der Kritik stehen - mal wieder - die mangelnde Teilnahme an frühkindlicher Bildung, die geringe Qualität der Lehrer und das dreigliedrige Schulsystem. "Die Entwicklung des Humankapitals ist für die langfristige Wirtschaftsleistung von größter Bedeutung. Seine Verteilung ist auch ein wichtiger Faktor für die Wahrung des sozialen Zusammenhalts", heißt es dazu in dem Bericht. Zwar seien die Leistungen 15-jähriger Schülerinnen und Schüler in Deutschland je nach Kompetenzbereich im oder über dem OECD-Durchschnitt. "Sie werden jedoch in starkem Maße durch den sozioökonomischen und/oder den Migrationshintergrund beeinflusst."

Selten deutlich fordert die OECD deshalb schnelle Reformen, insgesamt 15 Punkte hat sie dafür in ihren "Politikempfehlungen" aufgelistet. So soll die Bundesrepublik künftig davon Abstand nehmen, Kinder bereits im Alter von zehn Jahren auf verschiedene Schulformen aufzuteilen und auch seine Haupt- und Realschulen zu einer Schulform zusammenlegen. Außerdem fordert die OECD Pilotprogramme "zur Kompensierung von Mängeln im häuslichen Umfeld", eine bessere Ausbildung für die Erzieher von Kindern unter drei Jahren, mehr und bessere Kinderbetreuung und eine leistungsorientiertere Bezahlung von Lehrern.

OECD fordert Festhalten an Reformen

Die bessere Kinderbetreuung könnte auch dem zweiten großen Themenkomplex zugute kommen, den die OECD der Bundesregierung ans Herz legt: "Das Hauptaugenmerk muss auf der Erhöhung der geringen Zahl von Arbeitsstunden je Beschäftigtem liegen, insbesondere bei den Frauen", heißt es in dem Bericht. Generell fordert die OECD ein Festhalten an den Reformen - und gibt auch dazu klare Empfehlungen: Wichtige Herausforderungen für die Bundesregierung auf dem Arbeitsmarkt seien die "Lockerung der strengen Beschäftigungsschutzbestimmungen für reguläre Arbeitsverhältnisse und die Vermeidung zu hoher Mindestlöhne", heißt es weiter.

Gleichzeitig forderte die OECD mehr Wettbewerb im Energie- und Bahnbereich. Im Falle der Bahn sprach sich die Organisation für eine Trennung von Betrieb und Netz aus. Das Netz solle dabei "vorläufig" in Staatshand bleiben, der Betrieb dagegen vollständig privatisiert werden.

Generell stellte die OECD fest, dass die deutschen Staats- und Unternehmensfinanzen nach der wirtschaftlichen Erholung der vergangenen Jahre robust sind. Damit sei ein solides Fundament für eine Fortsetzung des Aufschwungs gegeben, "sofern die von den globalen Finanzmarktturbulenzen ausgehenden Bremseffekte nicht zu stark werden", wie es warnend in dem Bericht heißt.

sam



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 55 Beiträge
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Seite 1
kdshp 09.04.2008
1. Aw: ...
Zitat von sysopArbeitsmarkt, Netzindustrie und Gesundheitswesen: Will die Bundesregierung das hohe Wirtschaftswachstum halten, muss sie auf vielen Gebieten mehr tun. Dies geht aus dem neuen Wirtschaftsbericht der OECD hervor. Besonders problematisch sehen die Experten das Thema Bildung. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,546328,00.html
Hallo, ja liebe CDU/CSU/FDP dann ändert mal eure einstellung denn dann hätten wir schon lange das was die OECD zu recht fordert. Legt endlich eure haltung gegen die gesmatschulen ab anstatt immer noch in "klassen" zu denken.
yk_inc, 09.04.2008
2. Auch dieser Appell wird am Politik abprallen wie viele anrede zuvor auch.
Bereits mindestens ein Jahrzehnt früher hätte man das System reformieren sollen. Heute sind 80% der Schulen dringend renovierungsbedürftig, viele Lehrer sind alt, noch mehr davon verschlafen den Zeitgeist oder die neuen Informationswege. Die hälfte von ihnen unterqualifiziert.Kaum Lehrer mit Migrationshintergrund. Schubladensystem, chaotische Schulregulungen, etc. etc. wenn nicht bald was geschieht, dann häufen sich nur noch mehr Probleme, und nicht einmal die Konservativen werden das Ganze schönreden können.
glad07 09.04.2008
3. Natürlich muss man mehr für die Bildung tun,
... gar keine Frage! Wir sollen uns schließlich weiter entwickeln und nicht auf demselben Stand bleiben. Jedoch kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass ah so gelobte Bildung in den Skandinavischen Ländern (zumindest an der Uni), vor allem in Finnland!!! noch lange brauchen wird bis sie unseren Stand erreicht.
Axelino, 09.04.2008
4. Wirtschaft über alles
Die OECD mischt sich vielleicht bald in alle Bereiche des täglichen Lebens ein. Als Auftraggeber der PISA-Studie wird ein Ziel aber ganz deutlich, wie auch im SPON-Artikel beschrieben: Für die OECD ist "Die Entwicklung des Humankapitals ist für die langfristige Wirtschaftsleistung von größter Bedeutung...". Menschen als Humankapital? Worte wie "Bildungserträge" wecken in mir Übelkeit. Letzendlich scheint mir das Ziel der OECD zu sein, Menschen optimal auf ihre Funktion als späteres Rädchen im Wirtschaftsgetriebe vorzubereiten. Menschen sind aber nicht nur Produktionsfaktoren - und dienen auch nicht nur zur Kapitalvermehrung. Weitaus glaubwürdiger und menschlicher wäre die Bildung im Ethik und Humanbereich. Denn daran fehlt es weitaus mehr. Aber das dürfte der OECD egal sein, Ethik bringt ja keinen Gewinn.
elmard, 09.04.2008
5. Klassendenken in der Bildungspolitik - wie lange noch?
Wir in Deutschland müssen künftig davon Abstand nehmen, Kinder bereits im Alter von zehn Jahren auf verschiedene Schulformen aufzuteilen und auch unsere Haupt- und Realschulen zu einer Schulform zusammenlegen. Was ich nicht kapiere: Aus welchem Grund halten unsere Politiker an diesen überkommenen Klassendenken fest?
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