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Deutschlands Daueraufschwung: Wir machen uns was vor

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Überall Wirtschaftskrise - nur wir Deutschen machen alles richtig: wenig Arbeitslose, wenig Schulden, starker Export. Klingt alles richtig gut. Genau darin liegt die Gefahr.

Hamburger Hafen: Gewissheit von schier unkaputtbarer wirtschaftlicher Stärke Zur Großansicht
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Hamburger Hafen: Gewissheit von schier unkaputtbarer wirtschaftlicher Stärke

Es ist noch gar nicht so lange her, da fürchteten die Deutschen nichts so sehr wie den Verlust ihres Arbeitsplatzes. Job-Angst - das war das prägende Lebensgefühl, zwei Jahrzehnte lang. Wenn Demoskopen die Bundesbürger danach fragten, was ihnen die größten Sorgen bereite, dann stand der Verlust des Arbeitsplatzes stets auf Platz eins, weit vor Inflation, Zuwanderung oder Klimawandel. Es galt die Formel: Jobverlust gleich Absturz.

Heute sind die Deutschen das Volk Europas, das sich am wenigsten um Arbeitslosigkeit sorgt, wie die regelmäßigen Eurobarometer-Umfragen zeigen. Inzwischen ängstigen sie sich eher vor hohen Staatsschulden und Inflation - was gemessen an der aktuellen Stabilität im Land eher abstrakte Befürchtungen sind. Wer sich vor derart vagen Problemen fürchtet, dessen gegenwärtiges Leben ist offenbar ziemlich gut.

Das verführt zu Sorglosigkeit.

Die lange vorherrschende Absturzstimmung, die Deutschland im unaufhaltsamen Niedergang sah, ist einer neuen Gewissheit von schier unkaputtbarer wirtschaftlicher Stärke gewichen. Entsprechend verschiebt sich die politische Agenda. Nicht mehr die (falsche) Annahme der unausweichlichen Massenarbeitslosigkeit bestimmt den Kurs. Nun herrscht die (ebenso falsche) Erwartung, der Weg in die Vollbeschäftigung sei sicher. Also rücken andere Themen auf die Agenda. Die Politik ergeht sich in Aussagen, welche Jobs man nicht mehr will: keine Billigjobs, keine Zweitjobs, keine befristete Arbeit, keine Leiharbeit...

So ändert sich der Zeitgeist. So wird die Saat für die nächste Krise gelegt.

Das deutsche Beispiel zeigt, wie mächtig ökonomische Narrative sind. Vorherrschende Erzählungen über die Wirtschaft prägen unsere Wahrnehmung der Realität. Diese Erzählungen sind nützlich und gefährlich zugleich. Nützlich, weil sie die große, abstrakte Ökonomie überhaupt erst erfassbar machen. Gefährlich, weil dominante Narrative ganze Gesellschaften dazu verleiten, heraufziehende Risiken zu übersehen und über längere Zeit in die falsche Richtung zu steuern.

Ganze Nationen ruinierten sich in absurden Baubooms

Auch die noch immer andauernde Schuldenkrise ist ein Beispiel für die Macht der großen ökonomischen Erzählungen. Im Rückblick muss man sich fragen, wie es möglich war, so lange Zeit eigentlich offensichtliche Fehlentwicklungen zu übersehen. Über Jahre stieg in vielen Ländern - in den USA, in Großbritannien, in vielen Euro-Volkswirtschaften - die private Verschuldung immer weiter. Ganze Nationen ruinierten sich in absurden Baubooms. Bis die Schuldenberge schließlich untragbare Höhen erreicht hatten und das Kartenhaus 2008 zusammenbrach.

Typischerweise produzieren dominante ökonomische Narrative zuerst Illusionen und dann große Probleme. Wo eine Geschichte von Marktteilnehmern, Regulierern und Beobachtern vorbehaltlos akzeptiert wird, ist der Boden bereitet für Irrtümer, die uns am Ende Kopf und Kragen kosten können, wie ich meinem neuen Buch argumentiere.

Auch wir angeblich so nüchternen Deutschen sind keineswegs immun gegen die Verführungskraft der Narrative. In den Neunzigerjahren übersah die wiedervereinigte Kohl-Republik allzu lange den aufgestauten Reformbedarf, um dann angesichts von Massenarbeitslosigkeit, Wachstumsschwäche und Staatsschuldenrekorden ein Jahrzehnt lang in Depression und Lethargie zu verfallen. Mitte des vorigen Jahrzehnts hatte ein spezifischer deutscher Blues die Nation erfasst - der uns wiederum über Jahre daran hinderte zu erkennen, wie viel sich damals schon zum Positiven gewandelt hatte.

Seit 2006 hat sich das deutsche Selbstbild abermals gewandelt. Nicht nur die Deutschen selbst glauben inzwischen, sie seien so wirtschaftsstark und wettbewerbsfähig wie kaum ein anderes Land auf dem Globus. Auch viele andere Nationen betrachten uns mit einer Mischung aus Anerkennung, Bewunderung und Neid. Kaum jemand zweifelt noch an Deutschlands ökonomischer Power.

Die Politik des billigen Geldes verzerrt die Wirtschaftsstrukturen

Vordergründig gibt es natürlich jede Menge Indizien dafür, dass die glänzend schwarzrotgoldene Erzählung wahr ist. Die Exportstärke der Industrie, der in Teilen leergefegte Arbeitsmarkt, der Immobilienmarkt, der sich angeblich nach einem langen Durchhänger normalisiert - das sind Kernelemente des derzeitigen Hurra-Deutschland-Narrativs. Was nicht ins Bild passt, wird ausgeblendet:

  • Dass die Erfolge unserer Industrie vor allem auf dem raschen Wachstum der Schwellenländer fußen, das gerade im Abflauen begriffen ist.
  • Dass die Globalisierung aufgrund von Krisen, Krieg und Terror auf dem Rückzug ist - was Deutschlands außenhandelsorientierte Wirtschaft bedroht.
  • Dass die deutsche Wirtschaft unterfinanziert ist nach fast einem Jahrzehnt mit gigantischen außenwirtschaftlichen Überschüssen.
  • Dass die Politik des ultrabilligen Geldes die Wirtschaftsstrukturen verzerrt, auch hierzulande.
  • Dass die Euro-Krise keineswegs vorbei ist und Deutschland deutlich mehr wird tun müssen, um zur Stabilisierung des europäischen Heimatmarktes beizutragen.
  • Dass die Digitalisierung auch die produktionslastige deutsche Wirtschaft fundamental durcheinanderwirbeln wird.

All das ist seit Jahren sichtbar. Aber es sickert bestenfalls mit erheblicher Zeitverzögerung ins kollektive Bewusstsein.

Die Rechnung wird nicht lange auf sich warten lassen.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der Woche

MONTAG,

BERLIN - Zukunft? Start des bundesweiten Forschungsprogramms "Innovationen für die Produktion, Dienstleistung und Arbeit von morgen".

WIESBADEN/PEKING - Großexporteure - Neue Zahlen zum Außenhandel von den Statistikern Deutschlands und Chinas.

DIENSTAG

MAILAND Flaggen zeigen (1) - Informelles Treffen der EU-Verteidigungsminister in Zeiten der Ukraine-Krise.

BERLIN - Bilanz in Schwarz und Rot - Der Bundestag debattiert den Bundeshaushalt 2015 und startet mit einer allgemeinen Debatte zur Finanzlage. Dann geht es in die Details - bis Freitag.

TOKIO - Glaubenssachen - Neue Zahlen zum Vertrauen der japanischen Verbraucher geben Aufschluss darüber, ob Premier Abe mit seinem Jede-Menge-Yen-Programm die Bürger überzeugen kann.

MITTWOCH,

BERLIN - Nullen und Einsen - Kongress der Gewerkschaft Verdi zum Thema "Arbeitswelt, Selbstbestimmung und Demokratie im digitalen Zeitalter!"

FRANKFURT - Klarer Blick im Zorn - Axel Weber, Ex-Bundesbank-Chef und jetzt UBS-Verwaltungsratspräsident, hat immer wieder Bankern und Notenbankern die Leviten gelesen. Nun spricht er in Frankfurt über die "Zukunftsperspektiven des Europäischen Bankensystems".

DONNERSTAG,

DÜSSELDORF/ESSEN - Abbruch oder Aufbruch? - Voraussichtlich trifft sich der Karstadt-Aufsichtsrat, um über die neuen Sanierungspläne zu beraten. Währenddessen steht Ex-Karstadt-Chef Thomas Middelhoff wieder mal wegen des Vorwurfs der Untreue vor Gericht.

VIHULA - Flaggen zeigen (2) - Treffen der Außenminister der baltischen und nordischen Staaten in der estnischen Stadt in Zeiten russischer Expansionsgebärden.

PEKING - Preisfragen - Chinas Statistiker zeigen neue Zahlen zur Inflationsentwicklung.

FREITAG

MAILAND - Wider die Krise - Gerade hat EZB-Chef Draghi der Euro-Zone attestiert, sie stehe am Rande einer Dauermalaise. Nun treffen sich im Anschluss ans Asia-Europe Meeting (ASEM) die Finanzminister der Eurogruppe.

BERLIN - Schlussrunde - Noch einmal Luftholen zum Ende der Haushaltsdebatte: Es geht um den Verkehrsetat - und damit um die absurde Mautdiskussion.

KIEW - Flaggen zeigen (3) - Besuch von EU-Noch-Kommissionspräsident Barroso in der Ukraine, bis Samstag.

RIGA- Flaggen zeigen (4) - Konferenz mit OECD-Generalsekretär Gurria und den Verteidigungsministern von Polen und Norwegen in der baltischen Hauptstadt.

SAMSTAG,

MAILAND - Europas Gelder - Informelles Treffen der EU-Finanzminister.

PEKING - Abkühlung - Neue Zahlen zu Chinas Industrieproduktion

SONNTAG

POTSDAM/Erfurt - Zwischen Linken und AfD - Landtagswahlen in Brandenburg und Thüringen

STOCKHOLM - Ende der Gemütlichkeit? - Wahlen zum schwedischen Reichstag

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Müllers Memo
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insgesamt 68 Beiträge
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1.
marthaimschnee 07.09.2014
"Die Politik ergeht sich in Aussagen, welche Jobs man nicht mehr will: keine Billigjobs, keine Zweitjobs, keine befristete Arbeit, keine Leiharbeit..." Wo, Wo, Wo?
2. Sehr interessanter
ingenör79 07.09.2014
Artikel, dem ich voll zustimme. In der Regierung Merkel/Gabriel ist ja wirtschaftlicher Sachverstand auch nicht vertreten. Soweit ich weiß hat auch kein Minister ein BWL oder VWL Studium absolviert. Und wie ein anderer Artikel hier zeigt richtet Merkel sich mehr nach Umfragen wie den Vorschlägen der "Wirtschaftsweisen"
3.
schlawa 07.09.2014
Deutsche Firmen verbrennen zu viel Geld im Ausland, würde das abgestellt und die erwirtschafteten Überschüsse aus dem Export würden gewinnbringend angelegt müssten wir uns tatsächlich wenig Sorgen machen. In der Realität versenkt Krupp Milliarden im Brasilianischen Sumpf, die Telekom verliert zich milliarden durch ihr Amerikageschäft (naja der Verkauf von Delfi hat ja nicht geklappt vielleicht haben se in 10 Jahren ihr Geld ja wieder ...) Beim Standortranking hat D. jedenfalls dieses Jahr einen Platz verloren, was aber beim anziehen der Weltkonjunktur wieder ausgeglichen wird. Der Autor lässt außer acht das es momentan nicht gut läuft auf dem Weltmarkt.
4. Wieso soll Dtl.
mka1983 07.09.2014
sich um den europäischen Heimatmarkt kümmern? Soll daß heißen, den Südeuropäern Geld zu schenken, damit sie einkaufen können? Wir können nicht die Politik der anderen Staaten beeinflussen, als sollten diese auch sich selbst überlassen werden. Interessant wäre es, die Zusammenarbeit mit Russland und Ostasien zu verbessern, da und in Südamerika liegt wohl momentan noch die Zukunft. Das südliche Afrika dürfte in 10 Jahren ebenfalls interessant werden.
5. Trends erkennen
ruhepuls 07.09.2014
Menschen tun sich generell schwer, die "Veränderbarkeit der Verhältnisse" (an)zu er kennen. Wir denken - und vor allem fühlen - sehr kurzfristig. Schnell entwickeln wir ein "Normalitätsgefühl", eine Gewohnheit. Drei schneereiche Winter hinter einander - und wir werden zu einem Volk von Skifahrern, das dann vom vierten - schneearmen - Winter überrascht wird - dann im fünften - auch warmen - Winter die Ski auf den Sperrmüll trägt. Um sie dann nach zwei bis drei schneereichen Wintern wieder neu zu kaufen... Ähnlich machen wir das in Sachen Wirtschaftszyklen. Geht es uns ein paar Jahre gut, dann halten wir das für normal für alle Zeiten. Kracht es dann mal wieder, sagen wir den Untergang des Abendlandes voraus. Bis zum nächsten Hype. Hat man das selbst ein paarmal erlebt, dann betrachtet man die Hysterie der einen, wie der anderen Phase etwas gelassener.
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Zum Autor
  • Roland Bäge
    Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor arbeitete der promovierte Volkswirt als Vizechefredakteur des manager magazin. Außerdem ist Müller Autor zahlreicher Bücher zu wirtschafts- und währungspolitischen Themen. Für SPIEGEL ONLINE gibt er jede Woche einen pointierten Ausblick auf die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der Woche.
16:46 Uhr Kurs absolut in %
DAX 10.337,50 +62,57 0,61
MDax 21.083,98 -4,51 -0,02
TecDax 1.712,52 +9,25 0,54
E-Stoxx 2.971,94 +5,84 0,20
Dow 18.380,16 -76,19 -0,41
Nasdaq 100 4.726,89 +5,48 0,12
Nikkei (late) 0,00 +0,00 0,00
€ in $ 1,1173 +0,0096 0,87
€ in £ 0,8460 +0,0036 0,42
€ in sfr 1,0846 -0,0017 -0,16
Öl ($) (late) 42,00 -0,83 -1,94
Gold ($) (late) 1.341,75 +12,75 0,96

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