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Wirtschaftskrise: Haltet den Arbeitsmarkt flexibel!

Die Konjunkturdaten weisen wieder leicht nach oben, doch dem Arbeitsmarkt steht das Schlimmste noch bevor. Die Politik muss deshalb alles tun, um den Jobmarkt flexibel zu gestalten - und das bedeutet ein klares Nein zu Mindestlöhnen, kommentieren die Ökonomen Christoph M. Schmidt und Jochen Kluve.

Egal, ob es Managerbefragungen, Frühindikatoren oder Ökonomenmeinungen sind: Derzeit mehren sich die Zeichen, dass die Rezession langsam zum Ende kommt. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) könnte im zweiten Halbjahr 2009 sogar wieder wachsen - wenn auch verhalten.

Arbeitsagentur in Potsdam: Niedrigqualifizierte sind die Verlierer der Krise Zur Großansicht
ddp

Arbeitsagentur in Potsdam: Niedrigqualifizierte sind die Verlierer der Krise

Allerdings dürfte eine für das Exportland Deutschland wichtige Triebfeder des Wachstums - die starke Nachfrage nach Investitionsgütern aus dem Ausland - in den nächsten Jahren wohl eher schleppend in Gang kommen. Auch von der staatlichen Nachfrage dürfte kein dauerhafter Impuls ausgehen - denn angesichts der immensen Schuldenberge wird mittelfristig die Haushaltskonsolidierung im Vordergrund stehen.

Kurzarbeit hat Arbeitslosigkeit bislang verhindert

Im ersten Quartal dieses Jahres war an den Arbeitslosenzahlen kaum eine Krise abzulesen. Jetzt aber deuten alle Zeichen auf eine massive Verschlechterung auf dem Arbeitsmarkt hin. Zum einen hinkt dieser den konjunkturellen Schwankungen zeitlich meist hinterher. Zum anderen ist das verhaltene Durchschlagen der Rezession auf den Arbeitsmarkt ein Verdienst der Kurzarbeit: Im März 2009 erhielten 1,124 Millionen Arbeitnehmer konjunkturelles Kurzarbeitergeld, ein deutlicher Anstieg um 923.000 Menschen seit Dezember 2008. Ein erheblicher Teil dieser Arbeitnehmer wäre wahrscheinlich arbeitslos, wenn die Kurzarbeit nicht so konsequent angewendet worden wäre. Sie hat es für Unternehmen attraktiver gemacht, Mitarbeiter im Betrieb zu halten.

Klar ist aber: Beschäftigung kann bei gleichzeitigen Lohnerhöhungen nur stabil bleiben, wenn die Arbeitsproduktivität entsprechend steigt. Das aber ist bei einer stagnierenden Wirtschaft nicht gegeben. Trotzdem sind Lohnsteigerungen zum Teil bereits verhandelt und weitere werden gefordert - was für die Arbeitslosenzahlen wenig Gutes ahnen lässt. Käme dazu noch ein flächendeckender Mindestlohn, wäre das Gift für die Erwerbstätigkeit in Deutschland. Denn selbst in wirtschaftlich besseren Zeiten würde ein solcher je nach Höhe nennenswerte bis massive Beschäftigungsverluste verursachen - und das vor allem bei Arbeitnehmern mit geringer Qualifikation.

Dabei sind diese ohnehin die Verlierer dieser Krise. Denn sie sind - das zeigt die Forschung - generell stärker von konjunkturellen Schwankungen betroffen: Zwar erhalten sie im Aufschwung vergleichsweise schnell einen neuen Job, aber sie verlieren ihn im Abschwung auch ebenso häufig wieder. Gleichzeitig ist ihr Arbeitslosigkeitsrisiko im Durchschnitt stärker ausgeprägt als das der höher Qualifizierten. Und nicht zuletzt richten sich die Flexibilisierungsmaßnahmen der Hartz-Reformen gerade an Langzeitarbeitslose, deren Qualifikationen während ihrer Arbeitslosigkeit zumindest zum Teil verlorengingen. Aber genau diese Flexibilisierung macht eben auch die einfachere Beendigung von Arbeitsverhältnissen möglich.

Krise nutzen, um Arbeitsmarkt flexibler zu machen

Zwar sind das normale und notwendige Prozesse im wirtschaftlichen Abschwung. Die Arbeitsmarktpolitik muss dann aber dafür sorgen, dass es im Aufschwung eine spiegelbildliche "Eskalation in Beschäftigung hinein" geben kann: Durch Zeitarbeitsregelungen, durch den Abbau von Marktbarrieren und durch Anreize zur Beschäftigungssuche. Das heißt: Verzicht auf Mindestlöhne und eine Flexibilisierung des Kündigungsschutzes und keine Verlängerung des ALG-I-Bezugs.

Denn es besteht kein Zweifel, dass Länder mit sehr flexiblem Arbeitsmarkt wie die USA, in denen die Krise sehr schnell zum Anstieg der Arbeitslosigkeit führt, diese bei beginnendem Aufschwung ebenso schnell wieder abbauen. Ein Land wie Deutschland aber, in dem flexible Regelungen nur für Teile der Beschäftigungsverhältnisse - Zeitarbeit, geringfügige Beschäftigung - gelten, werden Anpassungsprozesse nach unten, aber eben auch nach oben viel, viel länger dauern.

Deshalb sollte man die Krise wenn überhaupt dazu nutzen, den deutschen Arbeitsmarkt flexibler zu gestalten - und dabei kann die Arbeitsmarktpolitik zwei Wege beschreiten, die sich gegenseitig nicht ausschließen: Über das Instrument der Kurzarbeit kann sie den Stellenabbau zwar nicht verhindern, aber immerhin verzögern. Damit wird Humankapital vor der Abschreibung gerettet - auch wenn es den notwendigen Strukturwandel behindert. Denn Unternehmen, die erfolgreich aus der Krise gekommen wären, erreichen dies vielleicht nicht, weil an sich nicht-überlebensfähige Konkurrenten durch zu großzügige Kurzarbeitsregelungen künstlich im Markt gehalten werden. Und innovative Unternehmen können aus der Krise heraus nicht hinreichend expandieren, weil benötigte Fachkräfte durch Kurzarbeit in anderen, weniger innovativen Unternehmen gebunden werden. Deshalb kann die vermeintliche Rettung heute also einen Wohlfahrtsverlust in der Zukunft bedeuten.

Deshalb ist der zweite Weg für die Arbeitsmarktpolitik wichtig: Jetzt müssen die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass im beginnenden Aufschwung der Abbau der Arbeitslosigkeit möglichst schnell verläuft - gerade bei den niedrig Qualifizierten. Das bedeutet, die Debatte über Mindestlöhne jedweder Form einzustellen. Auch der Bezug von ALG I darf nicht konjunkturell verlängert werden. Und es bedeutet zudem, die vorhandenen flexiblen Elemente des Arbeitsmarkts wie Zeitarbeit und geringfügige Beschäftigung nicht nur zu erhalten, sondern darüber nachzudenken, wie mehr Flexibilität in die normalen Beschäftigungsverhältnisse gebracht werden könnte. Etwa durch eine Lockerung des Kündigungsschutzes mit klareren Abfindungsregelungen. Nur so wird auch der deutsche Arbeitsmarkt zeitnah ein Licht am Ende des Tunnels erkennen können.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Guter Artikel
Bettelmönch, 05.08.2009
Zitat von sysopDie Konjunkturdaten weisen wieder leicht nach oben, doch dem Arbeitsmarkt steht das Schlimmste noch bevor. Die Politik muss deshalb alles tun, um den Jobmarkt flexibel zu gestalten - und das bedeutet ein klares Nein zu Mindestlöhnen, kommentieren die Ökonomen Christoph M. Schmidt und Jochen Kluve. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,640037,00.html
Ein guter Artikel! Mindestlöhne wären ein Todesstoß vor allem für die Binnennachfrage. Man sollte am besten die Löhne flächendeckend halbieren, aus den Einsparungen kann die Wirtschaft wieder in Schwung kommen und die Renten erhöht werden.
2. So ein Denkansatz.
Michael Giertz, 05.08.2009
Zitat von sysopDie Konjunkturdaten weisen wieder leicht nach oben, doch dem Arbeitsmarkt steht das Schlimmste noch bevor. Die Politik muss deshalb alles tun, um den Jobmarkt flexibel zu gestalten - und das bedeutet ein klares Nein zu Mindestlöhnen, kommentieren die Ökonomen Christoph M. Schmidt und Jochen Kluve. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,640037,00.html
Und ich sag: Genug der Flexibilität! Daumenschrauben eng ziehen und endlich mal den Arbeitgebern diktieren: "so nicht!" Wenn Steinmeier von 4 Millionen Jobs fabuliert, meint er genau das: 4 Millionen "Jobs". Keine Arbeitsplätze. Ein Job is aber immer irgendeine Pauschalstelle, ein 1-Euro-Job - nur nix, wovon man leben kann. Das sind Arbeitsplätze. Und davon hat Steinmeier nix erzählt. Was Deutschland braucht sind Arbeitsplätze und keine Jobs. Was Deutschland auch braucht sind Mindestlöhne, um den Konsum am Laufen zu halten, die Sozialsysteme zu finanzieren und auch Steuern einzunehmen; ohne Mindestlohn werden dagegen immer mehr Leute zu Aufstockern: also jene, die beim Amt vorstellig werden und um Wohngeld u.ä. betteln müssen. Diese Leute arbeiten auch - zahlen aber kaum Steuern (außer MWST gar keine) und leisten auch keine / stark reduzierte Sozialabgaben. Und wenn das nicht endlich in die Köppe unserer Ökonomen, Politiker usw hineingeht, ist das Land schneller runtergewirtschaftet als uns lieb sein kann. Weil jeder "Job" der entsteht, einen Arbeitsplatz vernichtet und damit den Sozialstaat weiter aushöhlt.
3.
frubi 05.08.2009
Flexibilität ist toll und Zeitarbeiter sind bis zu einem bestimmten Prozentsatz auch eine tolle Sache aber ich habe die Befürchtung, dass sich die Wirtschaft den Arbeitsmarkt so zurecht legt wie es ihnen gerade passt. In der Vergangenheit war es doch oftmals so, dass Unternehmen z. B. bei Gewinnrückgängen trotzdem Mitarbeiter entlassen haben damit Sie trotzdem genug Mittel zur Verfügung hatten um ihren Aktionären Geld auszuzahlen. Wenn dann wieder eine etwas bessere Phase kommt und neue STellen benötigt werden kommen die Zeitarbeiter ins Spiel. An feste Mitarbeiter wird dann meist gar nicht gedacht (natürlich nur bei Stellen die sich felixbel austauschen lassen). Meiner Meinung nach muss Deutschland sich nicht zwingend den internationalen Gegebenheiten anpassen. Es sollte lieber mal darauf geachtet werden, dass die 80 Millionen Bundesbürger zurecht kommen anstatt die sich Gedanken machen was wohl die restlichen 6 Milliarden über uns denken.
4. Gier
ecce homo 05.08.2009
---Zitat--- Denn es besteht kein Zweifel, dass Länder mit sehr flexiblem Arbeitsmarkt wie die USA, in denen die Krise sehr schnell zum Anstieg der Arbeitslosigkeit führt, diese bei beginnendem Aufschwung ebenso schnell wieder abbauen. Ein Land wie Deutschland aber, in dem flexible Regelungen nur für Teile der Beschäftigungsverhältnisse - Zeitarbeit, geringfügige Beschäftigung - gelten, werden Anpassungsprozesse nach unten, aber eben auch nach oben viel, viel länger dauern ---Zitatende--- Warum bestehen da keine Zweifel? Und außerdem: Hier geht es ja wohl mehr um die Kündigungszeiten und nicht um Mindestlöhne. Und welcher Deutscher will wirklich amerikanische Verhältnisse, wo man zwei Jobs braucht um zu überleben? Und wo sind die Argumente - wie wir die Hypothese, daß flexible Arbeitsbedingungen schneller zur einer wirtschaftlichen Erholung empirisch belegt (wird dabei auch zwischen Korrelation und Kausalität unterschieden?). Und wenn überhaupt, dann ist die geforderte Flexibilität doch nur für den Übergang nötig, daher zur Beschleunigung des Aufschwungs - für die Zeit der Stabilität und auch für die Zeit des Abschwungs wäre sie kontraproduktiv! Und wo sind die Garantien, daß der Preis, den man damit zahlt, sich dann auch auszahlt - Rückblickend läßt sich doch feststellen, daß viele solche Vorschläge, nur negative Folgen aber nicht die angekündigten Vorteile mit sich brachten! Im Grunde will man hier nur wider Unsicherheiten und Ängste ausnutzen um die Gier der Wirtschaft, die uns mit dieser Gier die Probleme erst gebracht hat, weiter zu stellen. Na wenn ein "weiter so!" das Heilmittel sein soll, wenn man pfuscht, dann kommt dabei sicherlich nichts gescheites rauß!
5. wie ensteht ein arbeitsplatz?
seit1973 05.08.2009
Zitat von Michael GiertzUnd ich sag: Genug der Flexibilität! Daumenschrauben eng ziehen und endlich mal den Arbeitgebern diktieren: "so nicht!" Wenn Steinmeier von 4 Millionen Jobs fabuliert, meint er genau das: 4 Millionen "Jobs". Keine Arbeitsplätze. Ein Job is aber immer irgendeine Pauschalstelle, ein 1-Euro-Job - nur nix, wovon man leben kann. Das sind Arbeitsplätze. Und davon hat Steinmeier nix erzählt. Was Deutschland braucht sind Arbeitsplätze und keine Jobs. Was Deutschland auch braucht sind Mindestlöhne, um den Konsum am Laufen zu halten, die Sozialsysteme zu finanzieren und auch Steuern einzunehmen; ohne Mindestlohn werden dagegen immer mehr Leute zu Aufstockern: also jene, die beim Amt vorstellig werden und um Wohngeld u.ä. betteln müssen. Diese Leute arbeiten auch - zahlen aber kaum Steuern (außer MWST gar keine) und leisten auch keine / stark reduzierte Sozialabgaben. Und wenn das nicht endlich in die Köppe unserer Ökonomen, Politiker usw hineingeht, ist das Land schneller runtergewirtschaftet als uns lieb sein kann. Weil jeder "Job" der entsteht, einen Arbeitsplatz vernichtet und damit den Sozialstaat weiter aushöhlt.
Erklären Sie bitte dem geneigten Publikum, wie ein Arbeitsplatz in unserer Republik entsteht, also welche Voraussetztungen dazu notwendig sind (ausser den Arbeitsplätzen im öffentlichen Dienst, die ja von der Privatwirtschaft und den dort beschäftigten finanziert werden).
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