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Wirtschaftskrise: Notenbank bangt um den Euro

Deutliche Worte von der Zentralbank: EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark warnt die EU-Regierungen, immer neue Milliarden in die Wirtschaft zu pumpen - und sieht schon die Stabilität des Euro in Gefahr. Deutsche Exporteure fürchten dagegen, dass das aktuelle Dollar-Tief ihnen das Geschäft kaputtmacht.

Hamburg/Brüssel/Berlin/Frankfurt am Main - Die Europäische Zentralbank (EZB) sorgt sich angesichts der staatlichen Programme zur Eindämmung der Wirtschaftskrise um die Stabilität des Euro. Die Politik sei nun so expansiv ausgerichtet, dass sie womöglich den Keim künftiger Probleme in sich trage, sagte Jürgen Stark, Mitglied des Direktoriums und Chefvolkswirt der EZB, dem manager magazin.

EZB in Frankfurt: "Wir müssen sehr aufpassen"
DPA

EZB in Frankfurt: "Wir müssen sehr aufpassen"

"Die Regierungen haben Ausgabenprogramme aufgelegt, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen." Auch die Geldpolitik sei weltweit "massiv gelockert" worden. "Wir müssen sehr aufpassen, dass eine solche Politik nicht zu erneuten Übertreibungen und steigender Inflation führt", warnte Stark - er gilt als stabilitätspolitischer "Falke".

Stark forderte, Notenbanken und Regierungen bräuchten eine "Exit-Strategie"; sie müssten "auf einen restriktiveren Kurs umschwenken", sobald die unmittelbare Krise vorbei sei. In den vergangenen Wochen hatten verschiedene Organisationen, unter anderem die OECD, vor einer bevorstehenden Deflation gewarnt. Dies würde für eine lange Phase sehr niedriger Leitzinsen sprechen. Stark widersprach dieser Auffassung: Für die Eurozone sei ein dauerhaftes Sinken des Preisniveaus unwahrscheinlich.

Äußerst kritisch sieht Stark die Solidität der Staatsfinanzen in der Eurozone: "Es geht um das Vertrauen der breiten Öffentlichkeit und der Finanzmärkte in die mittel- bis längerfristige Solidität der öffentlichen Finanzen und darüber hinaus in die Stabilität des Euro." In den vergangenen Wochen war an den Finanzmärkten verstärkt die Bonität der Euro-Mitgliedstaaten Griechenland, Italien und Portugal in Zweifel gezogen worden.

Stabilitätspakt in Gefahr

Tatsächlich gerät der EU-Stabilitätspakt angesichts der expansiven Finanzpolitik vieler Länder erneut in den Fokus. Wie die "Süddeutsche Zeitung" unter Berufung auf Kreise der EU-Mitgliedstaaten berichtet, wollen einige Länder die derzeitige Lage offenbar nutzen, um die in dem Pakt festgelegten Grenzen für das Haushaltsdefizit zu lockern. Genannt wurden Frankreich, Italien, Griechenland und Irland.

Expansive Ausgabenpolitik: Die Neuverschuldung steigt weiter
DDP

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Nach Angaben aus der EU-Kommission sind die aktuellen Zahlen in den Ländern dramatisch. So könnte das irische Defizit 2009 bis zu sieben Prozent erreichen, für Spanien werden fünf, für Frankreich vier bis fünf Prozent erwartet. In Großbritannien, das allerdings nicht zur Eurozone gehört, rechnet man sogar mit einem Minus von acht Prozent. Immer mehr Staaten würden deshalb darauf dringen, den Stabilitätspakt zu lockern oder auszusetzen.

Die Bundesregierung warnte am Donnerstag vor einem Aufweichen des Stabilitätspaktes. Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier (SPD) sagte in einer Regierungserklärung vor dem Bundestag, dass zusätzliche Konjunkturhilfen den Pakt nicht unterlaufen dürften.

Der Stabilitäts- und Wachstumspakt war Ende der neunziger Jahre auf Druck Deutschlands vereinbart worden. Die damalige Regierung unter Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) wollte den Bundesbürgern damit die Einführung des Euro schmackhaft machen. Um die Stabilität der neuen Währung zu gewährleisten, darf das Haushaltsdefizit in Krisenphasen drei Prozent der Wirtschaftsleistung nicht überschreiten.

Euro legt zu

Bislang profitierte der Euro allerdings von der wirtschaftlich schwierigen Situation in den USA. So hat die Gemeinschaftswährung ihren Höhenflug der vergangenen Tage auch am Donnerstag fortgesetzt und ist zeitweise über 1,47 Dollar gestiegen. Innerhalb nur weniger Minuten kletterte die europäische Gemeinschaftswährung am Vormittag um rund zweieinhalb Cent auf bis zu 1,4719 Dollar. Dies ist der höchste Stand des Euro seit dem 25. September dieses Jahres.

Allerdings ist der Kurssprung auch der hohen Volatilität geschuldet. "Der kräftige Kurssprung des Euro ist vor allem auf eine sehr geringe Liquidität im Markt zurückzuführen", sagte Devisenexpertin Antje Praefcke von der Commerzbank. So hätten sich zahlreiche Marktteilnehmer vor dem Jahresende bereits aus dem Handel verabschiedet, was drastische Kursbewegungen begünstige. Darüber hinaus leide der Dollar unter den schwachen Konjunkturaussichten für die USA und der faktischen Nullzinspolitik der US-Notenbank (Fed).

Die deutsche Wirtschaft reagiert besorgt auf den derzeitigen Höhenflug des Euro. "Das kommt zur Unzeit", sagte der Konjunkturexperte des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagebau (VDMA), Olaf Wortmann, der Nachrichtenagentur Reuters. "Das ist eine zusätzliche Belastung für die gesamte Exportwirtschaft." Sie stehe wegen der weltweit sinkenden Nachfrage ohnehin unter Druck. Der VDMA forderte die Europäische Zentralbank deshalb zu raschen weiteren Zinssenkungen auf. "Sie täte gut daran, die Zinsen zu senken", sagte Wortmann. "Das könnte die Wechselkurse entspannen."

suc/Reuters/AFP

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Forum - Euro in Gefahr?
insgesamt 1411 Beiträge
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1. Alles Schrottwaehrungen
kollateralschaden 18.12.2008
Und ein neuer Katastrophen-Thread! Jippieh, danke, sysop ;-) Zum Thema: Erst kollabiert das Pfund, dann der Dollar und dann der Euro. D waere im Grunde gut beraten, die Euro-Zone zu verlassen, wenn das so weiter geht. Die Italiener koennen ja zusammen mit den Briten, den Spaniern und den Griechen eine Waehrung aufmachen.
2.
Rainer Helmbrecht 18.12.2008
Zitat von sysopEuropaweit verschulden sich Staaten, um die Finanzkrise in den Griff zu bekommen. Die EZB sieht deswegen die Stabilität des Euro gefährdet. Bedroht die Schuldenpolitik der Regierungen die Gemeinschaftswährung?
Darf ich die Frage so verstehen, dass wir unsere gute, alte DM wiederbekommen. Das wäre ja ein Geniestreich von unserer Frau Kanzlerin. Dann hätte ich sie ja total unterschätzt;o). MfG. Rainer
3.
affordable, 18.12.2008
Zitat von Rainer HelmbrechtDarf ich die Frage so verstehen, dass wir unsere gute, alte DM wiederbekommen. Das wäre ja ein Geniestreich von unserer Frau Kanzlerin. Dann hätte ich sie ja total unterschätzt;o). MfG. Rainer
Vieleicht wird's ja MDN - Mark der Notenbank der DDR... ;-)
4.
querdenker13 18.12.2008
Zitat von sysopEuropaweit verschulden sich Staaten, um die Finanzkrise in den Griff zu bekommen. Die EZB sieht deswegen die Stabilität des Euro gefährdet. Bedroht die Schuldenpolitik der Regierungen die Gemeinschaftswährung?
Die Staaten der Eurozone sind doch nur wegen der Geldgeilheit einiger Bankstermanager in diese Situation gekommen. Und da man anscheinend Angst vor diesen 'Wirtschaftskriminellen' hatte und hat werden leider nicht an die Leine genommen sondern auch noch mit Hunderten von Milliarden belobigt. Und anstatt diese Beträge an den Kunden weiter zu geben teilen die sich dass Geld unter sich auf und erhöhen mit allergrößter Wahrscheinlichkeit ihre Gehälter.
5.
vanton 18.12.2008
Zitat von Rainer HelmbrechtDarf ich die Frage so verstehen, dass wir unsere gute, alte DM wiederbekommen. Das wäre ja ein Geniestreich von unserer Frau Kanzlerin. Dann hätte ich sie ja total unterschätzt;o). MfG. Rainer
ROFL! Wieviel Euro diese Wiedereinführung der DM wohl kosten mag?!
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