Wirtschaftskrisen 1929/2009 Blamage für die Propheten des Aufschwungs

"Wir haben das Schlimmste ausgestanden und werden uns schnell erholen": In der Großen Depression ab 1929 riefen vermeintliche Finanzexperten immer wieder das Ende des Abschwungs aus - und lagen auf fatale Weise daneben. Werden die Krisenmager von heute Lehren daraus ziehen?

Von Alexander Jung


Die Weltwirtschaftskrise war keinesfalls der kontinuierliche Abstieg, als der sie in der Rückschau oft gesehen wird. Immer wieder gab es in der Dekade nach 1929 Anzeichen für eine Erholung. Die Menschen glaubten fortwährend, das Gröbste überstanden zu haben - doch die Hoffnung trog: Es kam noch schlimmer.

Börsencrash in New York im Herbst 1929: Entwarnungen kamen zu früh
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Börsencrash in New York im Herbst 1929: Entwarnungen kamen zu früh

Die Serie der Fehleinschätzungen begann bereits am Tag nach dem Ausbruch der Börsenpanik, als der Dow-Jones-Index am Schwarzen Donnerstag zwischenzeitlich von 305 auf 272 Punkte gefallen war. "Börsenkrise vorbei", jubelte die "New York Daily Investment News", ein Bankenkonsortium habe den Crash gestoppt. Auch die Leiter der großen Telegrafendienste an der New Yorker Börse versicherten, der Markt sei "von Grund auf gesund". Und der Börsenchef setzte seine Flitterwochen auf Hawaii fort.

Selbst John D. Rockefeller, der reichste Mann Amerikas, lag mit seiner Einschätzung daneben. Er stieg schon zum Ende der Crashwoche wieder in den Markt ein und kaufte Aktien "im Glauben, dass die Situation des Landes gesund ist". Ähnlich vorschnell agierte vergangenen September Warren Buffett, einer der reichsten Männer der USA, als er nur gut eine Woche nach der Lehman-Pleite im großen Stil bei Goldman Sachs investierte.

Damals erreichten die Aktienmärkte den tatsächlichen Tiefpunkt erst drei Jahre später, im Juli 1932 verzeichnete der Index 42 Punkte. Es sollte noch 22 Jahre dauern, bis die Börse wieder auf Vorkrisen-Niveau gelangte. "Was an einem Tag aussah wie das Ende des Verfalls, stellte sich am nächsten Tag als dessen Beginn heraus", schrieb der US-Ökonom John Kenneth Galbraith später.

Blamierte Politiker und Ökonomen

Auch die Politiker waren in der Bewertung des Krisenverlaufs von keiner tieferen Erkenntnis geleitet. Sie zogen es vor, sich die desolate Situation schönzureden. US-Präsident Herbert Hoover versicherte im Dezember 1929, dass es "die starke und gesicherte Lage der Banken" gewesen sei, die "das gesamte Kreditsystem ohne Schwächung des Kapitals sicher durch die Krise getragen hat" - da stand die wahre Bankenkrise noch bevor. Und im Mai 1930 erklärte der Präsident kühn, dass "wir nun das Schlimmste ausgestanden haben, und nun mit vereinter Kraft fortfahren werden, uns schnell zu erholen".

Mit dieser optimistischen Prognose stand Hoover allerdings nicht allein. Ein Jahr nach dem Crash an der Wall Street glaubten die meisten Zeitgenossen noch, eine normale Rezession zu erleben, weniger gravierend als jene von 1920/21: Zwei Jahre nach dem Ersten Weltkrieg war die Wirtschaft in Amerika, Großbritannien und Frankreich eingebrochen. "Bis zur Bankenkrise vom Juli 1931", so der Bielefelder Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser, "fehlte es den Zeitgenossen der Weltwirtschaftskrise an Phantasie, in dem seit 1928/29 laufenden konjunkturellen Abschwung mehr zu sehen als eine der üblichen zyklischen Schwankungen."

Kennzeichnend dafür ist eine Aussage des deutschen Finanzministers Paul Moldenhauer von Ostern 1930. Er glaube nicht, "dass es noch sehr lange dauern wird, bis die Besserung sich allgemein bemerkbar macht", so der Politiker: "Jedenfalls habe ich den Eindruck, dass das Geschäft bereits anzuziehen beginnt."

Genauso falsch schätzten zur selben Zeit auch die führenden Ökonomen die Lage ein. Ernst Wagemann, Leiter des Berliner Instituts für Konjunkturforschung, hatte keinen Zweifel daran, dass die Volkswirtschaft "in nicht zu ferner Zeit einer Aufwärtsbewegung entgegenstreben wird".

Noch schlimmer blamierten sich die Wirtschaftswissenschaftler der Harvard Economic Society. Die Ökonomen der Elite-Hochschule galten als überaus vorsichtig, bis sie ausgerechnet 1929 ihre skeptische Haltung aufgaben. Eine Depression stehe nicht zu befürchten, meinten sie im November und prognostizierten für das Folgejahr "eine Erholung der Wirtschaft und einen weiteren Aufschwung im Herbst".

So zuversichtlich ging es weiter. Am 19. April 1930 schrieben die Harvard-Wissenschaftler: "Im dritten Quartal tritt dann eine kräftige Erholung ein." Am 30. August hieß es: "Die gegenwärtige Depression läuft langsam aus." Und noch ein Jahr später glaubten sie, dass eine Stabilisierung "durchaus im Bereich des Möglichen" liege. Bald darauf wurde die Gelehrtenrunde aufgelöst.

Am Ende dauerte die Krise viel länger, als fast alle befürchtet hatten. Als Franklin D. Roosevelt 1933 ins Weiße Haus einzog und in den folgenden Jahren der "New Deal" die Wirtschaft wiederbelebte, waren sich selbst erfahrene Beobachter sicher, die Talsohle ertasten zu können. Doch wieder gaben sie voreilig Entwarnung. 1938 schrumpfte die US-Wirtschaft um drei Prozent, die Arbeitslosenrate schoss auf 19 Prozent.

Roosevelt habe die Konjunkturprogramme zu schnell zurückgefahren, meint Christina Romer, Wirtschaftsberaterin der US-Regierung von Barack Obama. Dadurch habe er die Depression um zwei Jahre verlängert. Dies sei auch als Lehre für heute zu verstehen, so die Ökonomin: "Vorsicht vor zu frühen Kürzungen."



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