Wirtschaftskrisen-Management "Der inkompetenteste Kanzler wäre der beste"

Alles spricht von der Wirtschaftsflaute, aber weil die Krise noch nicht schlimm genug ist, tut sich nichts. Ein Webfehler der Demokratie - behauptet zumindest das Kieler Institut für Krisenforschung und rät Kanzler Schröder, er solle das Land sanieren und seine Wiederwahl abschreiben.

Von Domenika Ahlrichs


Krisenmanager Schröder: Kein persönliches Interesse
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Krisenmanager Schröder: Kein persönliches Interesse

Berlin - Die gute Nachricht zuerst: Deutschlands Wirtschaftsprobleme sind gar nicht so schwerwiegend. Und nun die schlechte: Da ist genau das Problem. So lautet zumindest das Fazit einer Veranstaltung des Kieler Instituts für Krisenforschung "Krisennavigator" in Berlin.

Dessen Gründer Frank Roselieb, Rechtsanwalt Utz Brömmekamp und Diplom-Wirtschaftsingenieur Werner Gleißner suchten als Experten-Trio nach Antworten auf die Frage, "was die Bundesregierung aus erfolgreichen Unternehmenssanierungen lernen kann" - und landeten letztlich immer wieder nur bei der Feststellung: Es ist alles noch längst nicht schlimm genug, um irgendjemanden wirklich zum Handeln zu bewegen. Oder, um es mit Gleißnerscher Paradoxie zu formulieren: "Vielleicht wäre der inkompetenteste Kanzler derzeit der beste."

Denn, so die Theorie des Risikomanagers, erst wenn ein Land richtig heruntergewirtschaftet ist, die Arbeitslosenquote die 20-Prozent-Marke überschritten und das Volk die Grenze der Leidensfähigkeit erreicht haben, erst dann besteht eine Chance auf radikale Veränderungen und damit einen Ausweg aus der Krise. Noch sei es "zu früh, um den Druck richtig anzusetzen", sagte Gleißner. "Wenn der Niedergang so langsam fortschreitet wie bisher, kann das noch gut 20 Jahre so weitergehen."

Dass es eine Krise gebe, darüber waren sich Referenten und die meisten der 20 Gäste aus Politik und Wirtschaft einig. Gleißner machte sie an Stichpunkten fest: Das Pro-Kopf-Einkommen sinke, vormals bedeutende deutsche Pharma- und Finanzunternehmen rutschten im internationalen Vergleich von Bilanzdaten auf hintere Ranglistenplätze ab, hiesige Börsen seien im Weltvergleich kaum noch wichtig, so zumindest behauptet er. "Deutschlands Erfolgspotenziale zerbröckeln langsam", stellte der Wirtschaftsingenieur fest, diagnostizierte jedoch zugleich ein deutsches "Klagen auf hohem Niveau". Ein Klagen immerhin. Grund genug, eine Veränderung der Lage herbeizuwünschen.

Einmütig watschten die Referenten Bundeskanzler Gerhard Schröder als täppischen Krisenmanager ab, der "die ruhige Hand zu lange im Schoß" gehalten (Brömmekamp), die Krise "zu lange ignoriert" (Roselieb) und eigentlich gar "nicht genug persönliches Interesse an deren Bewältigung" (Gleißner) habe.

Wer wolle schon unliebsame Entscheidungen fällen, wenn Landtags- und Bundestagswahlen anstünden, der Regierungschef und seine Mannschaft also die eigene Wiederwahl im Auge behalten müssten. "Demokratie ist die denkbar ungeeignetste Staatsform, wenn es um die Bewältigung von Krisen geht", sagte Gleißner. Vielleicht müsse Deutschland sich an einem Konstrukt wie der unabhängigen Bundesbank orientieren, wirtschaftlichen Sachverstand bündeln und den aus demokratischen Entscheidungsprozessen ausgliedern. Doch hier, wiegelte Gleißner ab, bewege man sich zu sehr auf Glatteis, wolle man doch die Demokratie grundsätzlich bewahren.

Es könnte alles so einfach sein, wenn die Bundesregierung nicht auf den Tiefpunkt der Krise warten, sondern jetzt schon dem Vorbild erfolgreicher Krisenmanager folgen würde, sagte der Wirtschaftsingenieur. Zum Beispiel der Eisernen Lady Maggie Thatcher, der es in England gelang, das Ruder herumzureißen, und Schwedens Göran Persson, der sein Land Anfang der Neunziger sanierte. Der Kanzler müsse sich nur trauen, unpopuläre Maßnahmen durchzusetzen. Aber, so Gleißner, "er dürfte dann kein Interesse daran haben, wiedergewählt zu werden".



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