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27. April 2009, 10:28 Uhr

Wirtschaftswachstum

Das Grauen hinter den sechs Prozent

Von Sebastian Dullien

Minus zwei, minus vier, minus sechs Prozent: Die Konjunkturforscher haben ihre Vorhersagen für die deutsche Wirtschaft kontinuierlich nach unten korrigiert. Für den Durchschnittsmenschen sind die Zahlen ungreifbar - dabei geht es um den ganz konkreten Verlust von Wohlstand und Arbeitsplätzen.

Berlin - Jeder hat schon einmal einen Nachlass von fünf Prozent beim Kauf etwa eines Autos oder eines Kühlschranks bekommen. Der ein oder andere musste schon einmal auf fünf Prozent seines Gehalts verzichten. Das mag schön oder unangenehm gewesen sein - selten aber dramatisch. Sollte man da nicht denken, dass es wenig ausmacht, ob die Wirtschaft um zwei oder fünf Prozent schrumpft?

Altautos in Leverkusen: Bei den Autobauern ist jede zweite Maschine überflüssig
DPA

Altautos in Leverkusen: Bei den Autobauern ist jede zweite Maschine überflüssig

Tatsächlich sind ein Minus von fünf oder sechs Prozent in der jährlichen Wirtschaftsleistung, wie es derzeit für 2009 für die deutsche Wirtschaft prognostiziert wird, viel brutaler, als die nackte Zahl erwarten ließe.

Das Problem ist, dass die Wirtschaft nicht gleichmäßig schrumpft. Ein Teil der Wirtschaft funktioniert zunächst recht normal weiter. Der Staatssektor mit seinen Lehrern, Polizisten und Verwaltungsbeamten etwa ist üblicherweise von der Krise nicht direkt betroffen. Seine Dienstleistungen, die auch in die Berechnung des Bruttoinlandsprodukts einfließen, bleiben unverändert.

Auftragseinbrüche sind existenzbedrohend

Auch eine Reihe von Wirtschaftssektoren wie etwa der Gesundheitsbereich, die Pflege oder die Kinderbetreuung sind von der Krise zunächst wenig getroffen. Damit sich rechnerisch deshalb ein Minus von sechs Prozent für die Gesamtwirtschaft ergibt, muss der Einbruch in den betroffenen Branchen umso brutaler ausfallen. Derzeit sind das in Deutschland in erster Linie das verarbeitende Gewerbe und davon wiederum die Exportunternehmen.

Wie dramatisch der Einbruch in diesen Branchen ist, sieht man an den Auftragszahlen sowie den Produktionsdaten aus der Industrie: Im Februar lag die Produktion in der Industrie insgesamt rund ein Viertel niedriger als vor einem Jahr. Einzelne Teile der Industrie und einzelne Unternehmen sind dabei noch viel stärker betroffen. Die Kraftfahrzeughersteller etwa produzierten im Februar nur noch etwas mehr als 50 Prozent des Wertes aus dem Vorjahresmonat. Geht man davon aus, dass die Autobauer vor einem Jahr zu 90 Prozent ausgelastet waren, ist heute jede zweite Maschine überflüssig. Wenn sich die Nachfrage nicht erholt, ist damit auch jeder zweite Job in diesem Bereich überflüssig.

Dabei dürfte die Produktion noch gar nicht erst die Talsohle erreicht haben. Die Auftragseingänge sind noch stärker eingebrochen. Insgesamt erhielt die deutsche Industrie zuletzt fast 40 Prozent weniger Bestellungen als ein Jahr zuvor. Selbst der einst hocherfolgreiche Maschinenbau verbuchte nur noch etwa halb so viele Bestellungen wie vor einem Jahr. Die Herstellung dürfte deshalb weiter nachgeben.

Auftragseinbrüche von 50 Prozent oder mehr sind für viele Unternehmen existenzbedrohend. Auf diesem Niveau können oft nicht einmal mehr die Abschreibungen und der Kapitaldienst erwirtschaftet werden. Es droht eine Deindustrialisierung ganzer Regionen, wenn die Nachfrage nicht schnell wieder anzieht. Und jene Unternehmen, die den Einbruch überleben, werden massiv Personal abbauen.

Zwei Jahrgänge starten Karriere in die Arbeitslosigkeit

All das wird man auch bald auf dem Arbeitsmarkt merken. Die Zahl der offenen Stellen ist bereits dramatisch zurückgegangen. Wer 2009 oder 2010 sein Studium beendet, wird es schwer haben, überhaupt einen Job zu bekommen. Zwei Jahrgänge starten quasi ihre Karriere in die Arbeitslosigkeit. Die aktuellen Absolventen dürften deshalb wieder verstärkt gezwungen sein, schlecht oder gar nicht bezahlte Praktika anzutreten. Die Lage dürfte noch einmal dramatischer sein als in der letzten Krise 2002/2003. Feste Stellen wird es selbst für vor kurzem händeringend gesuchte Berufe wie den Ingenieuren nicht geben.

Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute rechnen angesichts ihrer Prognose für die Wirtschaftsentwicklung bis Ende 2010 mit einem Verlust von per Saldo rund 1,5 Millionen sozialversicherungspflichtiger Stellen. Andersherum ausgedrückt: Jeder 20. Angestellte in Deutschland wird in den nächsten 18 Monaten seinen Job verlieren, ohne einen neuen zu finden. Eine halbe Million Menschen wird zudem noch andere Jobs wie etwa ihren Minijob verlieren, ohne Ersatz zu finden.

Insgesamt könnte Deutschland damit Ende 2010 wieder mehr als fünf Millionen Arbeitslose erreichen - so viel wie auf dem Höhepunkt der letzten Krisendebatte, als Gerhard Schröders SPD die Wahlen in Nordrhein-Westfalen verlor und sich gezwungen sah, Neuwahlen auszurufen.

2010 wird es nur wenigen besser gehen als im Jahr 2000

Selbst jene, die noch einen Job haben, könnten dann von der Krise getroffen werden: Unter dem Druck schrumpfender Auftragsbücher werden sich die Unternehmen gezwungen sehen, freiwillige Sozialleistungen wie etwa Boni oder 13. und 14. Jahresgehälter zurückzufahren. Mit dem Minus bei der Wirtschaftsleistung von sechs Prozent dürften die Staatseinnahmen kräftig nachgeben. Im Jahr 2010 dürften nach der Prognose der Institute die Staatseinnahmen rund 40 Milliarden Euro niedriger ausfallen als 2008. Allein das entspricht 500 Euro pro Einwohner, die weniger für Ausgaben zur Verfügung stehen.

Da gleichzeitig der Staat gezwungen ist, Hunderte von Milliarden Euro für Rettungspakete und mehr Geld für Arbeitslosenunterstützung auszugeben, dürfte auch bald eine neue Debatte über Einschnitte bei öffentliche Leistungen, über höhere Gebühren oder höhere Steuern starten. Spätestens dann sind auch all jene getroffen, die etwa als Angestellte im Öffentlichen Dienst bislang von der Krise verschont geblieben sind.

Das heißt zusammengefasst: Fällt der Wirtschaftseinbruch so stark aus wie von den Instituten prognostiziert, wird es in Deutschland nur wenigen Menschen 2010 besser gehen als im Jahr 2000, vielen Menschen wird es dagegen spürbar schlechter gehen. Trotz Reformanstrengungen wäre das vergangene Jahrzehnt für Deutschlands Bürger wirtschaftlich ein verlorenes Jahrzehnt gewesen.

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