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Wirtschaftsweiser Bofinger: "Die Euro-Aufwertung trifft die Wirtschaft am kritischen Punkt"

Der Euro hat erneut eine Rekordmarke übersprungen, ist so teuer wie noch nie - und wird zur akuten Gefahr für Aufschwung und Arbeitsplätze, warnt der Wirtschaftsweise Peter Bofinger im SPIEGEL-ONLINE-Interview. Seine Forderung: Die EZB muss dringend intervenieren.

SPIEGEL ONLINE: Herr Bofinger, der Euro Chart zeigen ist heute über die Marke von 1,48 Dollar geklettert und dürfte weiter steigen. Anders als beim letzten großen Aufwertungsschub ab 2001 gibt aber es relativ wenige Politiker und Manager, die über die starke Währung klagen. Wie kommt's?

Ökonom Bofinger: "Diese Aufwertung macht wirklich Arbeitsplätze kaputt"
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Ökonom Bofinger: "Diese Aufwertung macht wirklich Arbeitsplätze kaputt"

Bofinger: Das frage ich mich auch. In der Wirtschafts- und Finanzpolitik befassen wir uns im Moment mit vielen kleinteiligen Fragen - mit der Fortzahldauer des Arbeitslosengeldes und der Pendlerpauschale. Gleichzeitig wertet der Euro beständig auf. Nicht nur gegenüber dem Dollar, sondern absurderweise auch gegenüber dem Yen - obwohl Japan einen der höchsten Leistungsbilanzüberschüsse der Welt hat. Diese Aufwertung macht wirklich Arbeitsplätze kaputt, wird aber kaum mehr registriert - eine komische Verzerrung der Perspektiven. Dabei ist der Wechselkurs derzeit die zentrale Größe für unsere weitere wirtschaftliche Entwicklung.

SPIEGEL ONLINE: Der Euro steigt aber seit Jahren. Hat sich die Wirtschaft nicht längst damit arrangiert?

Bofinger: In den letzten Jahren ging die Aufwertung in der Regel mit einer immer dynamischeren Weltkonjunktur einher. Die dämpfenden Effekte wurden deutlich kompensiert. Jetzt trifft die Aufwertung auf eine sich abkühlende Weltnachfrage - das ist eine neue Qualität.

SPIEGEL ONLINE: Finanzminister Peer Steinbrück sieht den steigenden Euro-Kurs gelassen. Sogar der Industrieverband BDI teilt mit, die Exporteure hätten sich gewappnet.

Bofinger: Wer das sagt, argumentiert inkonsistent. Man kann nicht einerseits sinkende Lohnnebenkosten fordern, um Unternehmen wettbewerbsfähiger zu machen – und andererseits beteuern, die Wirtschaft könne steigende Euro-Kurse locker verkraften. In Yen und in Dollar gerechnet erhöht die Aufwertung des Euro die Kosten der Unternehmen genauso wie ein Anstieg von Löhnen oder Sozialabgaben. Und seit wann sind steigende Kosten für Unternehmen irrelevant? Bei BMW hat die Euro-Aufwertung schon kräftig reingeschlagen. Oder nehmen Sie Airbus. Auch bei anderen Exporteuren wird man die Effekte bald sehen. Das wirkt direkt auf die Gewinne.

Euro im Aufwärtstrend: "Seit wann sind höhere Kosten für Unternehmen irrelevant?"
DER SPIEGEL

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SPIEGEL ONLINE: Die Euro-Stärke hat aber auch angenehme Folgen: Der Preis für Benzin steigt bei uns weniger massiv als im Dollar–Raum. Importe aus Asien oder den USA verbilligen sich.

Bofinger: Das Öl-Argument ist nicht ganz falsch - aber der Anstieg der in Dollar festgelegten Ölpreise ist zumindest teilweise eine Auswirkung der Dollar-Schwäche. Außerdem: Unsere wirtschaftliche Dynamik hängt immer noch sehr stark am Außenhandel. In diesem Jahr haben wir zwar relativ kräftige Investitionen, aber einen Rückgang des privaten Verbrauchs – in einem Aufschwungjahr! Die Konjunktur läuft von innen heraus nicht rund. Gerade deswegen trifft die Euro-Aufwertung die Wirtschaft an einem so kritischen Punkt.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es weiter mit dem Euro-Kurs?

Bofinger: Ein Potential bis 1,60 Dollar ist sicherlich da. Ich will aber nichts vorhersagen, denn der Devisenmarkt ist ein spekulativer Markt. Er hat keine innere Verankerung und deswegen die Tendenz, eine schwer abschätzbare Eigendynamik zu entwickeln.

SPIEGEL ONLINE: Angenommen, wir erreichen bald die 1,60 Dollar – wie wirkt sich das aus?

Bofinger: Das wären noch einmal rund zehn Prozent Aufwertung - nach unseren Daumenregeln kostet das in einem Jahr einen halben Prozentpunkt Wachstum. Es gibt sicher keine sofortige Bremsung der Konjunktur. Gerade die Exportwirtschaft sitzt noch auf hohen Auftragsbeständen. Der Verlust an Wettbewerbsfähigkeit zeigt sich aber, sobald es um neue Verträge geht. Mittelfristig schlägt das auch auf den Arbeitsmarkt durch.

SPIEGEL ONLINE: Bei welchem Euro-Kurs wird es wirklich gefährlich, wo liegt die Schmerzgrenze?

Bofinger: Es geht nicht um bestimmte Niveaus, sondern um das Tempo der Steigerung. Grundsätzlich sind Veränderungen beim Wechselkurs, die über die Inflationsratenunterschiede zwischen den Währungsräumen hinausgehen, ein Problem. Im Moment ist der Kursauftrieb zu schnell, und irgendwann wird die Stimmung der relativen Gelassenheit kippen. Ich sehe die Gefahr ein bisschen anders ...

SPIEGEL ONLINE: Nämlich wie?

Bofinger: Wenn man die Aufwertung laufen lässt, kriegen wir bald wieder eine neue Runde der Standortdebatte. So wie 2003 und 2004, als der Euro über 1,30 Dollar stieg und Hans-Werner Sinn sein Buch "Ist Deutschland noch zu retten?" schrieb. Wir reden dann wieder über Jobverlagerung, die "Gefahr China" und Lohnzurückhaltung. Es gibt neue Kostensenkungsprogramme. Und die Folge ist, dass der private Verbrauch abermals wegbricht. Die Binnenschwäche der deutschen Wirtschaft geht so immer weiter.

SPIEGEL ONLINE: Welches Gegenmittel empfehlen Sie? Zinssenkungen der Zentralbank EZB kommen ja wohl kaum ernsthaft in Frage.

Bofinger: Sie sind theoretisch ein Instrument - aber in der Tat stellt sich die Frage, ob sie zur binnenwirtschaftlichen Entwicklung passen. Die USA werden ihre Zinsen wohl noch weiter absenken. Die EZB kann da kaum mithalten, ohne Preisauftrieb zu riskieren. Eine viel bessere Lösung wäre es, am Devisenmarkt zu intervenieren.

SPIEGEL ONLINE: Würde nicht jede Intervention der EZB sofort verpuffen? Es spricht überwältigend viel dafür, dass die Euro-Aufwertung so oder so weiter geht: Länder wie China schichten Reserven von Dollar in Euro um, die Probleme der USA verschwinden nicht über Nacht.

Bofinger: Ich würde das nicht einfach von der Hand weisen. Bei uns wird immer so getan, als seien Devisenkurse schicksalhaft, so wie ein unabweisliches Naturereignis. Ein Jammer. Man kann erfolgreich intervenieren. Die Japaner haben es in den Jahren 2002 bis 2004 gemacht, die Chinesen sind massiv am Devisenmarkt tätig. Nur die Westeuropäer definieren ihre nationalen Interessen nicht.

SPIEGEL ONLINE: Sie übertreiben.

Bofinger: Keinesfalls. Wir hatten in den vergangenen Jahren einen enormen Anstieg der Währungsreserven weltweit. Das reflektiert, dass viele Länder Dollar kaufen, um ihre eigenen Währungen niedrig zu halten. Das gilt nicht nur für Asien. Auch in Südamerika, in Südafrika, in Osteuropa wird auf diese Weise interveniert, um die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Wirtschaft zu schützen.

SPIEGEL ONLINE: Die EZB hat aber gar nicht den Auftrag, den Wechselkurs zu beeinflussen – sie soll vor allem die Inflation in Schach halten.

Bofinger: In ihrem Statut steht, das Hauptziel sei Preisstabilität. Solange sie das erreicht, darf sie aber sehr wohl dafür sorgen, dass die Euro-Aufwertung nicht die Wettbewerbsfähigkeit kaputt macht. Beides ist kompatibel.

SPIEGEL ONLINE: Sobald die EZB in großem Stil Dollar kauft, wächst doch automatisch die Inflationsgefahr.

Bofinger: Das wird von Laien oft so gesagt, ist aber ein Irrtum. Wie funktioniert denn eine Intervention am Devisenmarkt? Die Notenbank kauft Dollar-Bestände und stellt den Banken im Gegenzug Guthaben in der eigenen Währung zur Verfügung. Das Zentralbankgeld dafür kann sie selber schaffen. Es gibt für eine Notenbank, die eine Aufwertung ihrer Währung verhindern will, im Grunde keine Grenze. Deswegen sitzen die Japaner und Chinesen ja auf Reserven im Eintausend-Milliarden-Dollar-Bereich. Der Trick ist, den Banken gleichzeitig weniger Liquidität für ihre normalen Refinanzierungsgeschäfte zur Verfügung zu stellen, so dass die Geldmenge nicht zu stark wächst. Das nennt man Sterilisation.

SPIEGEL ONLINE: Aber mal ehrlich: Dass die Euro-Zentralbanker auf einmal mit Lust in den Devisenmarkt eingreifen, ist nicht realistisch.

Bofinger: Es ist leider unwahrscheinlich. Mittelfristig bräuchten wir ohnehin eine multilaterale Wechselkurspolitik. Das könnte der Weltwährungsfonds übernehmen. Im aktuellen Fall müsste man wegen der Dollar-Schwäche vor allem China, Japan, Südkorea, Russland und andere Länder mit ins Boot holen, die massiv Dollar-Reserven aufgebaut haben. Mit ihren Notenbanken müsste man ein Abkommen schließen, damit keine von ihnen im großen Stil Dollar in den Markt schmeißt. Ein ähnliches Abkommen gibt es zwischen den europäischen Notenbanken bereits für den Gold-Markt.

SPIEGEL ONLINE: Ende des Monats reist EZB-Chef Jean-Claude Trichet zusammen mit Jean-Claude Juncker und Joaquín Almunia nach China - man will Peking zu einer Aufwertung seiner Währung drängen. Eine vergleichbare Reise der Euro-Diplomaten hat es bis dato nie gegeben. Versprechen Sie sich etwas davon?

Bofinger: Ich könnte mir vorstellen, dass die Chinesen das witzig finden. Weil sie sagen: Was kommt Ihr zu uns und beklagt Euch? Wir haben schon aufgewertet – jetzt wäre vor allem Japan dran, das seine Währung ungehindert abwerten lässt. Wenn ich Chinese wäre, würde ich Ihnen sagen: Warum interveniert Ihr Europäer nicht auch? Es steht Euch doch frei.

Das Interview führte Matthias Streitz

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