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08. März 2009, 16:21 Uhr

Wirtschaftsweiser Schmidt

"2010 ist ein ganz langsamer Aufschwung möglich"

Der neue Wirtschaftsweise Christoph Schmidt empfiehlt für Opel eine "geordnete Abwicklung". Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht er über Sanierungsfälle, falsche Prognosen - und die neue Angst der Deutschen vor der Marktwirtschaft: In Wahrheit "geht es uns immer noch sehr gut".

SPIEGEL ONLINE: Opel, Schaeffler, die Unterwäschefirma Schiesser - viele Unternehmen rufen nach Hilfe vom Staat...

Schmidt: ... ja, das ist das Problem: Wenn die Regierung einer Firma beispringt, werden andere folgen.

SPIEGEL ONLINE: Soll sich der Staat heraushalten?

Schmidt: Man muss unterscheiden: In der Finanzbranche gibt es große Verflechtungen untereinander. Wenn ein Institut abstürzt, können auch andere in Schieflage geraten. Hier hat der Staat tatsächlich die Aufgabe, für Stabilität zu sorgen.

SPIEGEL ONLINE: Und in anderen Branchen?

Schmidt: Außerhalb des Finanzsektors gibt es keine so engen gegenseitigen Abhängigkeiten. Im Gegenteil: Der Niedergang eines Unternehmens bedeutet, dass andere Marktanteile gewinnen.

SPIEGEL ONLINE: Soll die Regierung Opel fallenlassen, weil das VW nützt?

Schmidt: Auf dem Automarkt gibt es eine bestimmte Nachfrage - unabhängig von der Zahl der Anbieter. Momentan ist die Produktionskapazität zu hoch. Man wird also Kapazitäten abbauen müssen. Diese Strukturanpassung ist für den einzelnen Mitarbeiter nicht schön, es muss sie aber geben.

SPIEGEL ONLINE: Sie plädieren für eine Opel-Pleite?

Schmidt: Eine geordnete Abwicklung heißt nicht, dass auf einmal alles weg ist. Das Know-how der Mitarbeiter, die Maschinen - all das bleibt ja vorhanden. Eine Restrukturierung ist in der Regel nicht das Ende, sondern ein Neuanfang.

SPIEGEL ONLINE: Für die Betroffenen ist so etwas trotzdem hart.

Schmidt: Natürlich. Deshalb darf der Staat nicht nur einfach "nein" sagen. Er muss jeden Einzelfall prüfen. Die Prüfung muss aber eine Frage beinhalten: Wenn ich einer einzelnen Firma helfe, welchen anderen schade ich dann? Es kann nicht sein, dass der Staat nur den großen Unternehmen beispringt, die Tausende Mitarbeiter mobilisieren. Dann würden die Mittelständler zu Recht fragen, was mit ihnen ist.

SPIEGEL ONLINE: Ein generelles Dilemma der Politik: auf der einen Seite die ökonomische Vernunft - auf der anderen der Wunsch nach einer sozialen Lösung.

Schmidt: Allerdings - vor allem in einem Wahljahr wie diesem.

SPIEGEL ONLINE: Stecken nicht auch die Ökonomen in diesem Dilemma? Ihre Zunft formuliert oft wirtschaftsorientierte Theorien, die in der Gesellschaft kaum durchsetzbar sind.

Schmidt: Vielleicht argumentieren wir manchmal abstrakt. Aber es geht immer um ganz konkrete Probleme.

SPIEGEL ONLINE: Sie sprechen im Fall Opel von "Strukturanpassung" - die Arbeiter fürchten dagegen um ihre Jobs. Wie passen diese beiden Welten zusammen?

Schmidt: Wenn Unternehmen vom Markt verschwinden, dann bedeutet das vor Ort natürlich Turbulenzen. Das gehört aber zum Strukturwandel dazu. Nehmen Sie Nordrhein-Westfalen: Hier gibt es praktisch keine Textilindustrie mehr, und auch der Bergbau spielt kaum noch eine Rolle - dafür sind bei innovativen Firmen viele Arbeitsplätze entstanden.

SPIEGEL ONLINE: Wo sehen Sie Chancen für Opel-Mitarbeiter, denen der Jobverlust droht?

Schmidt: Wer gut ausgebildet ist, wird in anderen Betrieben relativ leicht eine neue Stelle finden. Die Statistik belegt, dass gut Qualifizierte nicht lange arbeitslos sind.

SPIEGEL ONLINE: Umfragen zeigen, dass das Vertrauen der Deutschen in die Marktwirtschaft schwindet.

Schmidt: Das beunruhigt mich. Natürlich gibt es aktuell eine Krise. Aber wir haben seit Bestehen der Bundesrepublik ein Maß an Wohlstand erreicht, das wir noch nie hatten. Der Grund ist, dass wir Arbeitsteilung zugelassen haben, Eigentumsrechte garantieren, wirtschaftliche Aktivitäten auf dem Markt koordiniert werden - all das, was Marktwirtschaft ausmacht.

SPIEGEL ONLINE: Heute ist die Marktwirtschaft für viele mit Enttäuschungen verbunden: Industriearbeiter verlieren ihren Job, weil sich Banker mit Milliardenbeträgen verzockt haben.

Schmidt: Die soziale Marktwirtschaft ist nicht schuld an der Finanzkrise. Die aktuellen Verwerfungen sind in den USA entstanden, weil die Banken dort Kredite an Leute vergeben haben, die nicht kreditwürdig waren. Und die Ratingagenturen haben versagt: Sie haben beim Weiterverkauf der Kredite nicht erkannt, welche Risiken darin schlummern. All dies hat aber nichts mit der Marktwirtschaft als solcher zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Hätte die Wirtschaftswissenschaft die Krise voraussehen müssen?

Schmidt: Diese Frage müssen wir uns tatsächlich stellen. Manche Ökonomen haben rechtzeitig gewarnt, auch wir vom RWI haben in unseren Prognosen gewisse Risikoszenarien mit veröffentlicht. Aber wir haben diese nicht laut genug vorgetragen. Das war ein Fehler. Wir hätten manche Hinweise ernster nehmen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Hinweise?

Schmidt: Jeder wusste, dass das Leistungsbilanzdefizit der USA zu hoch ist. Nur wann es nicht mehr weitergehen würde - das konnte keiner sagen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Lehren ziehen Sie daraus?

Schmidt: Man darf sich keinen Illusionen hingeben. Wenn es längere Zeit bergauf geht, ist das keine Garantie dafür, dass das immer so sein muss. Im Gegenteil: Irgendwann platzt jede Blase. Diese Botschaft müssen wir ernster nehmen.

"Man wird Krisen nie ganz verhindern können"

SPIEGEL ONLINE: Unser Eindruck ist, dass die Regierung viel gegen die aktuelle Krise unternimmt - aber kaum etwas, um künftige Krisen zu verhindern.

Schmidt: Das sehe ich anders. Wenn das Haus brennt, muss erst einmal gelöscht werden. Das Konjunkturprogramm der Bundesregierung ist deshalb richtig - von Detailfragen abgesehen. In einem zweiten Schritt kann man sich die Finanzarchitektur vornehmen. Dort gibt es in einzelnen Punkten Verbesserungsbedarf. Aber daran wird ja gearbeitet, zum Beispiel auf Ebene der G-20-Staaten.

SPIEGEL ONLINE: Was ist nötig, um ähnliche Krisen künftig zu verhindern?

Schmidt: Um ehrlich zu sein: Man wird sie nie ganz verhindern können. In der Vergangenheit gab es an den Finanzmärkten jede Menge Verwerfungen. Es ist immer das gleiche Auf und Ab - ein ständiger Wechsel von Euphorie und Angst ...

SPIEGEL ONLINE: ... und dem sind wir einfach ausgeliefert?

Schmidt: Wer hohes Wachstum will, muss bereit sein, Risiken einzugehen. Das ist das Wesen unserer prosperierenden Wirtschaft.

SPIEGEL ONLINE: Sie begrüßen das Konjunkturpaket der Bundesregierung. In früheren Jahren wäre ein solches Programm ein Tabu gewesen - die meisten Ökonomen lehnten staatliche Eingriffe in die Wirtschaft ab.

Schmidt: Ich sehe da keinen Widerspruch. Unser Hauptargument gegen staatliche Programme war, dass keiner genau wusste, wo man sich im Konjunkturzyklus befand. Für die Regierung war also unklar, wo sie Impulse setzen sollte. Heute stellt niemand in Zweifel, dass wir es mit einer Rezession zu tun haben. Und da sollte der Staat gegensteuern.

SPIEGEL ONLINE: Klingt nach John Maynard Keynes - dem berühmten Ökonomen, der die Wirtschaft durch Staatseingriffe steuern wollte. Sind Sie auf einmal Keynesianer?

Schmidt: Ich halte nichts von diesem Schubladendenken. Es kommt auf die Situation an: Aktuell bricht die Nachfrage aus dem Ausland weg, also macht es Sinn, wenn der Staat die heimische Nachfrage stärkt. Wenn wir aber auf unseren Wachstumspfad zurückgekehrt sind, wären weitere Konjunkturprogramme falsch. Dann müssen wir an der Angebotsseite ansetzen, durch eine Deregulierung der Arbeitsmärkte oder Bürokratieabbau.

SPIEGEL ONLINE: Vor ein paar Jahren hieß der Guru der Wirtschaftswissenschaften Milton Friedman - ein Ökonom, der auf fast alle Probleme nur eine Antwort kannte: Der Markt soll es richten. Ist der Neoliberalismus jetzt out?

Schmidt: Ein guter Makroökonom kann nie nur angebotsorientiert sein oder nur nachfrageorientiert. Ich möchte auf keinen der beiden verzichten - weder auf Keynes noch auf Friedman.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind ein anerkannter Arbeitsmarktexperte. Was erwarten Sie für dieses Jahr?

Schmidt: Als wir im Dezember unsere Prognose für 2009 veröffentlicht haben, sind wir von einem Schrumpfen der Wirtschaft um zwei Prozent ausgegangen. Das würde einem Verlust von 600.000 Arbeitsplätzen in diesem Jahr entsprechen. Aus heutiger Sicht war diese Annahme zu optimistisch.

SPIEGEL ONLINE: Es wird in diesem Jahr also mehr als vier Millionen Arbeitslose geben?

Schmidt: Das ist leider wahrscheinlich. Das Konjunkturpaket setzt einen kleinen Gegenimpuls, vermutlich gehen 100.000 Stellen weniger verloren. Gleichzeitig lässt aber die Wirtschaftsleistung stärker nach als befürchtet - und der Arbeitsmarkt folgt immer mit Verzögerung. Selbst wenn die Unternehmen wieder mehr Aufträge erhalten, wird es am Arbeitsmarkt nicht sofort eine Entspannung geben.

SPIEGEL ONLINE: Und wann kommt die Wende?

Schmidt: Das können wir nicht genau voraussagen. Wir hoffen, dass es in der zweiten Jahreshälfte dazu kommt. Das hieße: Im Jahr 2010 wäre ein ganz langsamer, flacher Aufschwung möglich.

SPIEGEL ONLINE: Klingt nicht gut.

Schmidt: Die Rezession wird ihre Zeit brauchen, daran kommen wir nicht vorbei. Wir sollten aber eines beachten: Uns geht es immer noch sehr gut - selbst wenn wir von unserem Lebensstandard zwei oder drei Prozent abgeben. Natürlich werden diese drei Prozent für manche sehr viel bedeuten, zum Beispiel wenn sie ihren Arbeitsplatz verlieren. Für sehr viele wird die Krise aber überhaupt nicht spürbar sein. Das sollten wir bei aller Dramatik nicht vergessen.

Das Interview führte Anselm Waldermann

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