Wirtschaft


Wirtschaftsweiser Schmidt: "2010 ist ein ganz langsamer Aufschwung möglich"

Der neue Wirtschaftsweise Christoph Schmidt empfiehlt für Opel eine "geordnete Abwicklung". Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht er über Sanierungsfälle, falsche Prognosen - und die neue Angst der Deutschen vor der Marktwirtschaft: In Wahrheit "geht es uns immer noch sehr gut".

SPIEGEL ONLINE: Opel, Schaeffler, die Unterwäschefirma Schiesser - viele Unternehmen rufen nach Hilfe vom Staat...

Schmidt: ... ja, das ist das Problem: Wenn die Regierung einer Firma beispringt, werden andere folgen.

SPIEGEL ONLINE: Soll sich der Staat heraushalten?

Schmidt: Man muss unterscheiden: In der Finanzbranche gibt es große Verflechtungen untereinander. Wenn ein Institut abstürzt, können auch andere in Schieflage geraten. Hier hat der Staat tatsächlich die Aufgabe, für Stabilität zu sorgen.

SPIEGEL ONLINE: Und in anderen Branchen?

Schmidt: Außerhalb des Finanzsektors gibt es keine so engen gegenseitigen Abhängigkeiten. Im Gegenteil: Der Niedergang eines Unternehmens bedeutet, dass andere Marktanteile gewinnen.

SPIEGEL ONLINE: Soll die Regierung Opel fallenlassen, weil das VW nützt?

Schmidt: Auf dem Automarkt gibt es eine bestimmte Nachfrage - unabhängig von der Zahl der Anbieter. Momentan ist die Produktionskapazität zu hoch. Man wird also Kapazitäten abbauen müssen. Diese Strukturanpassung ist für den einzelnen Mitarbeiter nicht schön, es muss sie aber geben.

SPIEGEL ONLINE: Sie plädieren für eine Opel-Pleite?

Schmidt: Eine geordnete Abwicklung heißt nicht, dass auf einmal alles weg ist. Das Know-how der Mitarbeiter, die Maschinen - all das bleibt ja vorhanden. Eine Restrukturierung ist in der Regel nicht das Ende, sondern ein Neuanfang.

SPIEGEL ONLINE: Für die Betroffenen ist so etwas trotzdem hart.

Schmidt: Natürlich. Deshalb darf der Staat nicht nur einfach "nein" sagen. Er muss jeden Einzelfall prüfen. Die Prüfung muss aber eine Frage beinhalten: Wenn ich einer einzelnen Firma helfe, welchen anderen schade ich dann? Es kann nicht sein, dass der Staat nur den großen Unternehmen beispringt, die Tausende Mitarbeiter mobilisieren. Dann würden die Mittelständler zu Recht fragen, was mit ihnen ist.

SPIEGEL ONLINE: Ein generelles Dilemma der Politik: auf der einen Seite die ökonomische Vernunft - auf der anderen der Wunsch nach einer sozialen Lösung.

Schmidt: Allerdings - vor allem in einem Wahljahr wie diesem.

SPIEGEL ONLINE: Stecken nicht auch die Ökonomen in diesem Dilemma? Ihre Zunft formuliert oft wirtschaftsorientierte Theorien, die in der Gesellschaft kaum durchsetzbar sind.

Schmidt: Vielleicht argumentieren wir manchmal abstrakt. Aber es geht immer um ganz konkrete Probleme.

SPIEGEL ONLINE: Sie sprechen im Fall Opel von "Strukturanpassung" - die Arbeiter fürchten dagegen um ihre Jobs. Wie passen diese beiden Welten zusammen?

Schmidt: Wenn Unternehmen vom Markt verschwinden, dann bedeutet das vor Ort natürlich Turbulenzen. Das gehört aber zum Strukturwandel dazu. Nehmen Sie Nordrhein-Westfalen: Hier gibt es praktisch keine Textilindustrie mehr, und auch der Bergbau spielt kaum noch eine Rolle - dafür sind bei innovativen Firmen viele Arbeitsplätze entstanden.

SPIEGEL ONLINE: Wo sehen Sie Chancen für Opel-Mitarbeiter, denen der Jobverlust droht?

Schmidt: Wer gut ausgebildet ist, wird in anderen Betrieben relativ leicht eine neue Stelle finden. Die Statistik belegt, dass gut Qualifizierte nicht lange arbeitslos sind.

SPIEGEL ONLINE: Umfragen zeigen, dass das Vertrauen der Deutschen in die Marktwirtschaft schwindet.

Schmidt: Das beunruhigt mich. Natürlich gibt es aktuell eine Krise. Aber wir haben seit Bestehen der Bundesrepublik ein Maß an Wohlstand erreicht, das wir noch nie hatten. Der Grund ist, dass wir Arbeitsteilung zugelassen haben, Eigentumsrechte garantieren, wirtschaftliche Aktivitäten auf dem Markt koordiniert werden - all das, was Marktwirtschaft ausmacht.

SPIEGEL ONLINE: Heute ist die Marktwirtschaft für viele mit Enttäuschungen verbunden: Industriearbeiter verlieren ihren Job, weil sich Banker mit Milliardenbeträgen verzockt haben.

Schmidt: Die soziale Marktwirtschaft ist nicht schuld an der Finanzkrise. Die aktuellen Verwerfungen sind in den USA entstanden, weil die Banken dort Kredite an Leute vergeben haben, die nicht kreditwürdig waren. Und die Ratingagenturen haben versagt: Sie haben beim Weiterverkauf der Kredite nicht erkannt, welche Risiken darin schlummern. All dies hat aber nichts mit der Marktwirtschaft als solcher zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Hätte die Wirtschaftswissenschaft die Krise voraussehen müssen?

Schmidt: Diese Frage müssen wir uns tatsächlich stellen. Manche Ökonomen haben rechtzeitig gewarnt, auch wir vom RWI haben in unseren Prognosen gewisse Risikoszenarien mit veröffentlicht. Aber wir haben diese nicht laut genug vorgetragen. Das war ein Fehler. Wir hätten manche Hinweise ernster nehmen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Hinweise?

Schmidt: Jeder wusste, dass das Leistungsbilanzdefizit der USA zu hoch ist. Nur wann es nicht mehr weitergehen würde - das konnte keiner sagen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Lehren ziehen Sie daraus?

Schmidt: Man darf sich keinen Illusionen hingeben. Wenn es längere Zeit bergauf geht, ist das keine Garantie dafür, dass das immer so sein muss. Im Gegenteil: Irgendwann platzt jede Blase. Diese Botschaft müssen wir ernster nehmen.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
Auf anderen Social Networks teilen
  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
alles zum Thema Finanzkrise ab 2007

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Sonntag, 08.03.2009 – 16:21 Uhr
  • Drucken Versenden Feedback






TOP



TOP