Witze als Führungsinstrument: Schenkelklopfen mit dem Chef

Von Anne Seith

Gezieltes Gackern, konstruktives Kalauern: Management-Trainer raten Führungspersonal zum gezielten Einsatz von Ironie, Humor und Sarkasmus im Arbeitsalltag. Büro-Humor lässt sich regelrecht trainieren, sagen sie - wenn's sein muss mit einem Lach-Yoga-Kurs.

Hamburg - Der TV-Abteilungsleiter Stromberg sprach in einer der ersten Folgen Tausenden aus der Seele: "Büro ist wie Achterbahn fahren", sinnierte er da. "Ein ständiges auf und ab. Wenn man das acht Stunden machen muss, TÄGLICH, dann kotzt man irgendwann."

Umfragen zufolge sind fast 20 Prozent der Angestellten so frustriert, dass sie innerlich gekündigt haben. Rund 70 Prozent der Arbeitnehmer arbeiten nur das Nötigste. Die schlechte Stimmung hat einen einfachen Grund, so glauben inzwischen viele Managementexperten: Es wird zu wenig gelacht. Erst abends vor dem Fernseher oder in der Kneipe entdecken Angestellte die komische Seite ihres Berufsalltags. Tagsüber herrscht feierliche Ernsthaftigkeit. Zu viel Heiterkeit lenkt ab, so die Devise vieler Chefs.

Dabei sorgt Humor nicht nur für gute Stimmung, predigen Management-Berater seit neuestem - er kann auch ganz gezielt als Führungsinstrument eingesetzt werden. In einem ausführlichen Artikel in der jüngsten Ausgabe des Fachmagazins "Business Horizons" etwa gibt der amerikanische Betriebswirt Jim Lyttle Tipps zum strategischen Lustigsein im Büro. Der österreichische Personal-Berater und Philosophie-Professor Gerhard Schwarz hat dem Thema sogar ein ganzes Buch gewidmet ("Führen mit Humor. Ein gruppendynamisches Erfolgskonzept").

Kern der Lehre: Mitarbeiter, die viel lachen, sind stressresistenter, selbstbewusster und sehr viel kreativer. Witze können Konfliktsituationen die Schärfe nehmen, Kritik besonders pointiert zusammenfassen, Teams zusammenschweißen.

Anti-Held Stromberg: Büro-Humor bizarrster Art - Kalauern bis zum Feierabend
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Fehlende Ausgelassenheit dagegen führt zu fatalen und oft teuren Folgen, wie Schwarz gern am Beispiel eines Autokonzerns darstellt, den er einmal beriet. Das Unternehmen hatte einen Wagen entwickelt, dessen Motor beim Stehen sofort ausging und erst beim Antippen des Gaspedals wieder ansprang. Eine äußerst spritsparende Technologie – die beim Kunden aber durchfiel. Ein Großteil der Testfahrer stellte den Mechanismus schon nach kurzer Zeit ab, an der Ampel brummte der Motor weiter. Dabei hätte der Flop vermieden werden können: Eines Abends erkannten die Mitarbeiter in der Kneipe beim Rumwitzeln selbst, dass die Technologie eine Schnapsidee war. Ein Motor sei die Potenz des Autos, das Herz, hieß es da. "100 PS zwischen den Beinen. Da darf der Motor natürlich nicht ausgehen - hätten die Ingenieure derart bei der Entwicklung rumgeblödelt, wäre der Wagen nie gebaut worden", erzählt Schwarz im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Deshalb muss im Betrieb auch mal ordentlich gekalauert und gegackert werden. Die Aufgabe, entsprechend heitere Stimmung zu verbreiten, ist Sache des Chefs. Und der mache am besten erst einmal Witzchen über sich selbst, so die Autoren einmütig. Die Angst, die eigene Autorität dadurch zu untergraben, sei unbegründet: "Wenn wir erlauben, dass wir selbst Objekt des Humors werden", erklärt Lyttle, "wirken wir nahbar, selbstbewusst und aufgeschlossen". Und letztlich werde sowieso immer über den Chef gelacht, fügt Schwarz hinzu - ob der nun mitmache oder nicht. "Eigene Fehler auf heitere Weise einzugestehen, hilft fast immer, eine gespannte Atmosphäre zu entkrampfen, und führt meist dazu, dass auch andere in sich den Clown entdecken", schreibt er in seinem Ratgeber.

Während Lyttle noch vor allzu vernichtendem Sarkasmus warnt, darf es für Schwarz beim Arbeiten auch ruhig mal deftiger zugehen. "Natürlich darf niemand gedemütigt werden, dann wird der Humor zum Herrschaftsinstrument", sagt er. "Aber manchmal beißen sich Mitarbeiter so fest, dass nur noch blanker Zynismus hilft." Notorischen Miesmachern dürfe man schon mal ein "ich dachte schon, Sie würden mit was Positivem aus der Rolle fallen" entgegen pfeffern und dem Besserwisser sagen: "Wenn wir Sie nicht hätten, müssten wir glatt selber denken."

Letzter Ausweg: Lach-Yoga

Auch dem Boss könne man ruhig mal eine freche Antwort geben, rät Schwarz. Wer Angst hat, deshalb seinen Job zu verlieren, solle seinen Chef eben ganz langsam an den humoristischen Ton heranführen. "Ein Vorgesetzter, den ich kannte, bügelte zum Beispiel jeden Verbesserungsvorschlag ab mit den Worten ab: 'Das war schon immer so.' Dem habe ich gesagt: 'Sie kommen mir vor wie jemand, der in einem Aufzug steht, bei dem das Seil gerissen ist. Während der Lift nach unten rast, sagt der bei jedem Stockwerk: Bis hierher ging's ja ganz gut.'" Da habe der Mann gelacht – und nachgedacht.

Solche und ähnliche Witzeleien finden sich haufenweise in Schwarz' Werk – schließlich soll es auch ein Lehrbuch sein für die, denen die Natur nicht allzu viel Humor mitgegeben hat.

Doch was tun, um beim Scherzen nicht derart über das Ziel hinaus zu schießen, wie es TV-Abteilungsleiter Stromberg gern mal tut? Lyttle empfiehlt, zum Training spaßige Fernsehsendungen zu schauen und sich Sprüche, die gut ankamen, sorgsam für spätere Verwendung zu notieren. Schwarz rät für den Anfang zu bewährten Bonmots oder Schüttelreimen. Die führten beim Gegenüber fast immer zu einem Lächeln. Auch der Besuch eines Lach-Yoga-Seminars könne helfen – mit Atem- und Dehnübungen würden dort die Lachmuskeln und das "Freudenzentrum" im Hirn trainiert.

Die Tipps sind vollkommen ernst gemeint, auch wenn sie reichlich albern klingen. Letztendlich ist eben auch das strategische Witzemachen eine Führungsqualität, die man sich erarbeiten muss. "Am Anfang der Humoristenkarriere wird die Floprate recht hoch sein!", warnt Schwarz. Da hilft nur eins: Geduld haben – und die ganze Sache nicht so ernst nehmen.

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