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Müllers Memo: Der Weltmeister-Faktor

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Sommermärchen 2006: Das Bild von Deutschland nachhaltig aufgehellt Zur Großansicht
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Sommermärchen 2006: Das Bild von Deutschland nachhaltig aufgehellt

Patriotismus ist ein Wirtschaftsfaktor. Deshalb ist Fußball mehr als nur ein Spiel. Gerade in Deutschland. Da verlaufen Erfolge der Nationalmannschaft und Wirtschaftsstärke erstaunlich synchron. Das wird auch nach dem WM-Finale gelten.

Im Herbst 2006, als das "Sommermärchen" der Fußballweltmeisterschaft gerade ein paar Monate hinter uns lag, traf ich Stephen Schwarzman, den Gründer von Blackstone, einer der größten Investmentfirmen der Welt. Schwarzman ist ein äußerst unterkühlter Mann. Doch damals geriet er regelrecht ins Schwärmen: Das schwarzrotgoldene Fußballfest, das seien Erlebnisse gewesen, die sich bestimmt in künftigen wirtschaftlichen Entscheidungen niederschlagen würden: "Die Weltmeisterschaft hat Deutschland in einen neuen Glanz gehüllt." Es sei schwierig, Leute dazu zu bringen, an Orten zu investieren, an denen sie niemals gewesen seien, von denen sie nichts wüssten, mit denen sie keine Bilder verbänden. Das alles habe sich im Sommer 2006 geändert: Der Fußball habe "das Bild von Deutschland nachhaltig" aufgehellt.

Die derzeitige deutsche Fußball-Euphorie lässt sich durchaus mit dem Rausch von 2006 vergleichen. So stellt sich vor dem Endspiel am Sonntag die Frage: Was würde ein deutscher Sieg eigentlich ökonomisch bedeuten? Würde auch die Wirtschaft dadurch noch mehr Schwung bekommen? Und wenn ja, warum eigentlich?

Patriotismus ist ein Wirtschaftsfaktor

In der weitgehend abstrakten Welt der Wirtschaft sind große Symbole rar. Wie sich eine Nation im globalen Wettbewerb schlägt, welche Eigenschaften sie prägen, welche Gefühle sie treiben - all das bleibt für gewöhnlich unsichtbar. Die nationalökonomische Erzählung aber braucht Bilder. Eine Fußball-WM liefert Bilder. Starke Bilder. Sie versinnbildlicht, wie sich die Nationen selbst sehen und wie sie gesehen werden.

Patriotismus ist ein Wirtschaftsfaktor. Selbstbild und Fremdwahrnehmung eines Landes sind mitentscheidend für seinen ökonomischen Erfolg. Es kann attraktiv wirken auf Investoren und Handelspartner - oder abstoßend. Es kann hochqualifizierte, leistungswillige Menschen anziehen - oder abschrecken. Die Bürger können sich gegenseitig zu Hochleistungen anfeuern - oder sich gegenseitig ausbremsen.

Nicht nur harte Fakten wie Kosten, Produktivitätsentwicklung oder die Größe des Bruttoinlandsprodukts sind für den Erfolg im internationalen Wettbewerb entscheidend. Patriotismus, kollektive Identität, nationale Erzählungen, Mythen der Zeitgeschichte - all das wirkt auf wirtschaftliche Entscheidungen ein. Gerade im Nachkriegsdeutschland, das auf emotionale Bilder und nationale Symbolik weitgehend verzichtet hat, ist der Fußball der wichtigste verbliebene Kristallisationspunkt nationaler Identität. Entsprechend eng sind ökonomische und fußballerische Erfolge miteinander verwoben - beginnend mit dem "Wunder von Bern", das das frühe Wirtschaftswunder versinnbildlichte.

Umgekehrt Ende der Neunzigerjahre: Als der deutsche Standort-Blues die Gemüter bedrückte -jene Erzählung vom (angeblich) unausweichlichen Abstieg einer satten, alternden, nicht mehr leistungswilligen Gesellschaft, die sich selbst keine großen Chancen mehr einräumte -, da blieben auch die Erfolge des Nationalteams aus.

Deutschland gilt derzeit als gnadenlos wettbewerbsfähig

Dann der Wendepunkt 2006: Deutschlands Wirtschaft begann wieder zu wachsen, es wurde investiert, Jobs entstanden, das kollektive Selbstvertrauen kehrte zurück, und das Image änderte sich radikal. Der ökonomische Wiederaufstieg ist verbunden mit eben jenem "Sommermärchen", das Blackstone-Häuptling Schwarzman so nachhaltig beeindruckt hatte.

Und heute? Deutschland gilt derzeit als gnadenlos wettbewerbsfähig. Kein Land der Erde erwirtschaftet einen so großen Überschuss gegenüber dem Rest der Welt - nicht mal China oder die Öl-Supermacht Saudi-Arabien. Keine andere große westliche Volkswirtschaft hat sich seit der Weltrezession ab Herbst 2008 besser entwickelt, obwohl sie doch umgeben ist vom tieferschütterten übrigen Euro-Raum. Kein anderes westliches Land, außer den USA, lockt derzeit so viele Einwanderer an wie die Bundesrepublik.

Wenn dieses Team Sonntag im Finale gewinnt, dürfte das als weiterer Beweis für überlegene deutsche Effizienz gelten. Im Rest der Welt, aber auch bei uns im Lande. Eine schöne Sache, die den Nimbus bestätigt, den Deutschland auch auf anderen Feldern von Wirtschaft und Politik genießt. Als Investitionsstandort, als Verhandlungspartner, als Zuwanderungsland, vielleicht auch als Vorbild nachhaltiger Wirtschaftspolitik könnte die Bundesrepublik davon mittelbar profitieren.

Natürlich birgt breitbeinig präsentierte Stärke auch Risiken: Die Angst vor erdrückender deutscher Überlegenheit kann Widerstände provozieren - siehe Forderungen aus Italien und Frankreich nach einer laschen Auslegung des Stabilitäts- und Wachstumspakts, die beim EU-Gipfel am Mittwoch wieder mal laut erschallen dürften. Allzu großes Selbstvertrauen in die eigene wirtschaftliche Leistungsfähigkeit kann zu Nachlässigkeit verführen - siehe die Rentenbeschlüsse der Bundesregierung, die einen dreistelligen Milliardenbetrag kosten und den Standort D. nachhaltig belasten werden.

Und wenn Deutschland verliert? Dann - ist ja wohl klar - werden wir uns am Montag umso entschlossener in die Arbeitswoche stürzen.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der Woche

Montag

Brüssel - Westwestliche Streitpunkte - Beginn der sechsten Verhandlungsrunde für das US-EU-Freihandelsabkommen TTIP.

Brüssel - Wie geht's, Euro-Land? - Neue Zahlen zur Industrieproduktion.

Dienstag

Straßburg - Gute Vorsätze - Der designierte Chef der EU-Kommission, Jean-Claude Juncker, erklärt sich und sein Programm vor dem EU-Parlament.

Fortaleza - Weltniveau - Kurz nach der WM lädt Brasilien zum Gipfel der BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika). Unter anderem wollen sie einen eigenen Währungsfonds gründen. Hauptkapitalgeber: China.

Tokio - Vollgas-Politik - Die Bank von Japan entscheidet über ihren Kurs und bleibt auf Kurs.

New York - Berichtssaison - Die US-Großbanken JPMorgan und Goldman Sachs legen Zahlen fürs zweite Quartal vor.

Mittwoch

Brüssel - Personal-Entscheidungen - EU-Gipfel in Brüssel: Unter italienischer Präsidentschaft sollen die wichtigsten Posten besetzt werden.

Washington - Weltkonjunkturvorzeichen I - Neue Zahlen zur US-amerikanischen Industrieproduktion im Juni.

Peking - Weltkonjunkturvorzeichen II - Neue Zahlen zur chinesischen Industrieproduktion im Juni.

Donnerstag

Buenos Aires/Caracas/Havanna - Ausweitung der Einflusszone - Chinas Präsident Xi besucht Argentinien, Venezuela und Kuba.

Walldorf - Hohe Erwartungen - SAP, Deutschlands Softwarekonzern Nummer eins, zeigt Zahlen fürs zweite Quartal.

Freitag

Brüssel - Vorläufiges Endspiel - Abschlusstag der sechsten TTIP-Runde.

Frankfurt - Stabil im Überschuss - Neue Zahlen zur Leistungsbilanz der Euro-Zone.

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Müllers Memo
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insgesamt 9 Beiträge
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1. Korrelation Fußballerfolge-Wirtschaftskraft?
Attila 12.07.2014
Gut, dass es Menschen wie den Autor des Artikels und Investmentbanker Mr Blackman von Schwarzstone gibt, die uns die wichtigen Zusammenhänge aufzeigen. Also: Erfolg im Fussball = Erfolg in allem. Alles klar. Mal gucken: Nationalmannschaften, die in den vergangenen 10 Jahren Fußball-Welt- oder Europameisterschaften gewonnen haben: Griechenland, Italien & Spanien. Prost Malzeit.
2. Selten so einen Stuss gelesen
skon 12.07.2014
In Fussball ist die Glueckskomponente sehr hoch, wo glueckliche Einzelaktionen den Unterschied machen koennen. Bei Millionen von Aktionen in der Wirtschaft ist Glueck wohl kaum ein Faktor. Auch ist Argentinien wohl das perfekte Gegenbeispiel: Fussball spielen koennen, wirtschaften in den letzten Jahrzehnten wohl eher weniger.
3. Lesen Sie doch nicht so...
sappelkopp 12.07.2014
Zitat von AttilaGut, dass es Menschen wie den Autor des Artikels und Investmentbanker Mr Blackman von Schwarzstone gibt, die uns die wichtigen Zusammenhänge aufzeigen. Also: Erfolg im Fussball = Erfolg in allem. Alles klar. Mal gucken: Nationalmannschaften, die in den vergangenen 10 Jahren Fußball-Welt- oder Europameisterschaften gewonnen haben: Griechenland, Italien & Spanien. Prost Malzeit.
...oberflächlich. Er sprach davon, dass es in Deutschland so ist und er hat auch erklärt, warum es so ist. Von Griechenland, Italien oder Spanien war gar nicht die Rede.
4. tja
snake-4 12.07.2014
selten einen dermaßen überflüßigen und dummen artikel gelesen. weiter so spon, ihr adelt die bild noch. *thumbsup*
5. stimmt
tjivi 12.07.2014
Zitat von snake-4selten einen dermaßen überflüßigen und dummen artikel gelesen. weiter so spon, ihr adelt die bild noch. *thumbsup*
Habe den Artikel fassungslos zur Kenntnis genommen. Das kann man doch nicht wirklich glauben. Hier wird Fußball maßlos überbewertet. Es scheint eher die Sinne zu vernebeln als die Wirtschaft Deutschlands erwähnenswert zu unterstützen. Aktuell wird vielleicht mehr Umsatz im Handel gemacht. Aber Fußball wird nicht die Eurokrise beeinflussen. Auch Deutschland ist überschuldet. Werden reale Zahlungen an EU Länder verlangt, wird man sehr schnell in die Realität zurückfinden.
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