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Fußball-WM in Brasilien: Die Fifa gewinnt immer

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Fifa-Chef Blatter (2007): Weltverband mimt die Unschuld vom Lande Zur Großansicht
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Fifa-Chef Blatter (2007): Weltverband mimt die Unschuld vom Lande

Verschwendung und Profitgier? Vehement weist die Fifa alle Vorwürfe zurück. Doch während Brasiliens Steuerzahler Milliardenkosten stemmen, spült die WM weitere hohe Gewinne auf die Konten des Weltverbands.

Es waren nur noch wenige Stunden bis zur Eröffnung der Fußball-WM in Brasilien, da sah sich die Fifa zu Image-Korrekturen genötigt. Allenorten gilt der Fußballweltverband als Synonym für ein mafiöses System, wie jüngst wieder durch die Enthüllungen der "Sunday Times" deutlich wurde. Der Ruf ist ruiniert. Präsident Joseph Blatter bezeichnete die jüngsten Berichte vor seinem Wahlvolk in einer wirren Argumentation als "rassistisch".

Seine Kommunikationsabteilung beschäftigte sich derweil nicht mit Korruption, sondern mit den Finanzen, und verbreitete einen dreiseitigen Schriftsatz. Einleitend heißt es: "Ein Teil dieser Kritik ist berechtigt." Dann folgen neun Fragen, neun Antworten, sie sollen "die Dinge richtigstellen" und "Klarheit schaffen".

So sei die Fifa weder verantwortlich für Zwangsumsiedlungen an den WM-Orten, noch verdränge sie Straßenhändler. Die Investitionen in Straßen, Flughäfen und Kommunikationssysteme zahlten sich langfristig für Brasilien aus, behauptet die Fifa und weist jede Verantwortung dafür zurück, dass Brasilianer gegen Kürzungen von grundlegenden sozialen Leistungen wie Bildungs- und Gesundheitswesen demonstrieren.

Die Fifa, deren Markenkommissare Verstöße gegen die umfangreichen Pflichtenhefte hart bestrafen, spielt sich plötzlich als die Unschuld vom Lande auf - als Weltverbesserungsanstalt getreu dem unbescheidenen Motto: "Für die Welt".

15 Milliarden Kosten, zwei Milliarden zahlt die Fifa

Das klang in den vergangenen Jahren anders, wenn sich Emissäre wie Gutsherren aufspielten, etwa der skandalfeste Generalsekretär Jérôme Valcke, von Blatter 2006 vorübergehend wegen Betrugs und Belügen von Fifa-Sponsoren entlassen. Mal erklärte Valcke, dass nur jene Fifa-Regeln gelten, die von der Regierung in WM-Gesetzen festgeschrieben wurden. Mal empfahl er, man müsse den Brasilianern mal in den Hintern treten, damit die Vorbereitungen besser laufen. Ein andermal gab er zu Protokoll, in Diktaturen seien Megaevents leichter auszurichten als in Demokratien.

Bislang hat die WM in Brasilien 15 Milliarden US-Dollar gekostet, sagt die Fifa. Die reinen Durchführungskosten betragen zwei Milliarden Dollar. Diese Summe begleiche die Fifa komplett, behauptet sie. Im aktuellen Geschäftszyklus von 2011 bis 2014 wird der Weltverband wahrscheinlich 5,2 Milliarden Dollar einnehmen. Zwei Milliarden davon sollen also für die WM 2014 draufgehen. Darin enthalten sind 576 Millionen Dollar Antrittsgagen, Prämien und Vorbereitungskosten der 32 Teams sowie die Abstellgebühren für die Arbeitgeber der Profis.

Im Gegensatz dazu wird das nicht-operationelle Budget mit allen Infrastrukturmaßnahmen fast vollständig aus Steuermitteln beglichen. Es beträgt den jüngsten Fifa-Angaben zufolge demnach 13 Milliarden Dollar. Niemand habe Brasilien gezwungen, zwölf Stadien nagelneu zu errichten oder aufwendig zu renovieren, sagt die Fifa.

Für die Fifa und ihre Spitzen lohnt sich die WM in jedem Fall

Und das stimmt sogar: Die Fifa legt die Mindestgröße der Stadien fest, würde sich aber auch mit acht oder zehn Arenen begnügen. Es war der damalige brasilianische Präsident Lula, der für die "Weltmeisterschaft aller Weltmeisterschaften" den Bau oder Umbau von zwölf Stadien angeordnet hatte und damit eine gigantische Verschleuderung von Steuermitteln forcierte. Einige Arenen, wie in Manaus, werden nach den WM-Spielen kaum genutzt werden und verrotten. Dessen ungeachtet machte Lulas Nachfolgerin Dilma Rousseff nun die Fifa für die ausufernden Kosten mitverantwortlich.

Für die Fifa, ihre Führungskräfte und einige ihrer Verwandten lohnt sich die WM in Brasilien hingegen in jedem Fall: Wie bereits für das vorige Turnier in Südafrika ließ der Weltverband den Stadionbau vom Schweizer Architekten Charles Botta überwachen. Der ist Ehemann von Blatters Bürochefin und Fifa-Direktorin Christine Salzmann-Botta, die wiederum Tochter von Blatters Jugendfreund Walter Salzmann ist und wie der Fifa-Präsident aus dem Dorf Visp im Wallis stammt.

Für die Vermarktung von WM-Fernsehrechten, für die Produktion des TV-Signals aus Brasilien sowie über eine Firmenbeteiligung teilweise auch für den Verkauf von WM-Tickets und Hospitality-Paketen verantwortlich ist die Firma Infront Sports & Media. Sie wird von Philippe Blatter geführt, Neffe des Fifa-Präsidenten. Botta, Salzmann, Blatter - es bleibt alles in der Familie.

Der gestrenge Fifa-General Valcke wiederum hat im Frühjahr 2007, nachdem er von Blatter gefeuert worden war, für eine sechsstellige Summe seinen schwer korrupten Kumpel Ricardo Teixeira, damals Brasiliens Verbandschef und Fifa-Exekutivmitglied, bei der WM-Bewerbung beraten. Nach diesem fürstlich bezahlten Arbeitsurlaub wurde er von Blatter wieder eingestellt.

Ein Konzern als Verein

Valckes Sohn Sébastien arbeitet bei der WM 2014 als "Assistant General Coordinator" der Fifa im Maracanã-Stadion von Rio. Nur Teixeira musste nach gerichtsfest belegter Millionenkorruption und auf Druck von Rousseff seine Posten abgeben. Dafür werkelt seine Tochter Joana für 37.000 Euro Monatsgage noch als Direktorin des Organisationskomitees.

Auf dem Fifa-Kongress kurz vor der WM verkündete Blatter Bonuszahlungen für die 209 Nationalverbände und die sechs Kontinental-Föderationen: Jeder Verband erhält 750.000 Dollar zusätzlich zu den jährlichen Überweisungen von 250.000 Dollar. Jede Konföderation bekommt sieben Millionen zusätzlich. Und die "Sunday Times" enthüllte gerade, dass sich das Exekutivkomitee unlängst heimlich die Bezüge verdoppelt hat: Jedes der 25 Mitglieder erhält demnach 200.000 Dollar jährlich sowie eine pauschale Aufwandsentschädigung von 700 Dollar pro Tag, etwa für die Zeit, die die Funktionäre bei der WM in Brasilien verbringen.

In ihrer "Richtigstellung" schreibt die Fifa, sie sei "eine nicht gewinnorientierte Organisation". Korrekt ist: Die Fifa, obwohl wie ein Konzern aufgestellt und auch auf dem Kapitalmarkt aktiv, unterliegt dem Schweizer Vereinsrecht. Das ist alles sehr skurril. Als Holding verschiedener Gesellschaften zahlt dieser Super-Verein aus Zürich natürlich keine Einkommensteuer. Die milliardenschweren TV- und Sponsorenverträge sind als sogenannter Dienstleistungsexport von der Umsatzsteuer befreit. Gleiches gilt auch für das in Lausanne beheimatete Internationale Olympische Komitee (IOC), das in Rio die Sommerspiele 2016 vorbereiten lässt.

Rücklagen von FIFA und IOC
Jahr
FIFA
IOC
2007 643 358
2008 902 423
2009 1061 466
2010 1280 567
2011 1253 562
2012 1378 901
2013 1432 932
Angaben in Millionen US-­Dollar
Fifa und IOC sind im Grunde globale Franchiseunternehmen. Als Vereine aber sind sie weder vom Schweizer Antikorruptionsstrafrecht noch vom Geldwäschegesetz richtig zu packen. Das soll sich ändern, die Schweizer Regierung hat nach vielen Jahren und andauernden Korruptionsskandalen Gesetzesnovellen vorgelegt.

Die beiden Vereine haben sich wohlig eingerichtet in ihrer Schweizer Idylle: Wie die Fifa verzeichnet das IOC in seinem Vierjahreszyklus von 2013 bis 2016 derzeit rund 5,2 Milliarden Dollar Umsatz. Per 31. Dezember 2013 meldete die Fifa Reserven von 1,432 Milliarden Dollar, das IOC verfügt in seiner Olympic Foundation über 932 Millionen Dollar Rücklagen.

Was immer bei der WM 2014 und den Sommerspielen 2016 in Brasilien passiert - die beiden Sport-Giganten werden ihre Reserven voraussichtlich um dreistellige Millionensummen erhöhen.

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insgesamt 53 Beiträge
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1.
Social_Distortion 24.06.2014
Zitat von sysopREUTERSVerschwendung und Profitgier? Vehement weist die Fifa alle Vorwürfe zurück. Doch während Brasiliens Steuerzahler Milliardenkosten stemmen, spült die WM weitere hohe Gewinne auf die Konten des Weltverbands. http://www.spiegel.de/wirtschaft/wm-in-brasilien-hoher-profit-der-fifa-a-974785.html
FIFA, IOC, EU.... die Funktionäre gewinnen immer.
2. GottseiDank
chuckal 24.06.2014
ist der Fussball trotz der Milliardensummen sauber geblieben. Kein Doping, keine Spielmanipulationen oder andere Sauereien. Ausser kleinster Wettprobleme im unterklassigen Ligen immer noch eine ehrliche Sache. Prima.
3. Nieder mit der FIFA...
camacho 24.06.2014
Hierzu kann ich die "Anstalt" vom 27.05.2014 empfehlen (zu finden in der ZDF Mediathek: http://anstalt.zdf.de/die-anstalt/die-anstalt-31443710.html) Es wird endlich Zeit die FIFA aufzulösen, zu ersetzen und wegen ihrer Machenschaften zur Verantwortung zu ziehen. Möglichst noch vor 2018.
4. Selbstbedienungsladen
karlsiegfried 24.06.2014
Wozu braucht die Fifa aber auch der IOC diese Unmengen Geld? Zum Zocken, für Bestechungen, als Selbstbedienungskonto oder was? Wie im Mittelalter. Die Masse der Armen muss darben und schuften damit sich einige Raffschlünde auf die faule Haut legen können. Der einzigige Trost, sterben müssen alle.
5.
townsville 24.06.2014
Wer hat eigentlich die krude Idee in die Welt gesetzt, die FIFA sei eine Entwicklungshilfeorgsnisation oder ein Sozialverband? Die sind nicht da, um die sozialen Probleme Brasiliens zu lösen, was soll der Unfug? Die wollen eine weltweit erfolgreiche WM abwickeln und damit Geld verdienen und ihre Irganisation stärken. Es erwartet ja auch keiner, dass die Wimbeldon-Ausrichter die Arbeitslosigkeit in London bekämpfen oder die der FIA-Grand Prix in Indien für soziale Reformen sorgt. Man muss die FIFA nicht mögen, aber die an sie gestellten Ansprüche laufen langsam ins absurde.
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