Wohlfühl-Inflation Selfness löst Wellnepp ab

Gleitgel und Kloster-Urlaub, Katzenklo und Kuchenteig - alles firmiert unter dem diffusen Label "Wellness". Das Geschäft mit dem Wohlfühlen wächst - noch. Denn die Marketingstrategen arbeiten schon am nächsten Hype.

Von Manuel J. Hartung


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Hamburg - Burkhard Kersebohm verspricht einen "unvergesslichen Wellness-Urlaub" zum Abnehmen und Bewegen in einem "exklusiven Ferienparadies". Doch der Mann redet nicht von der Luxus-Kur für fitte Senioren oder dem Wohlfühl-Wochenende für gestresste Besserverdiener. Kersebohm ist Tierarzt in Lünen, und er hat einen neuen Markt erschlossen: Er bietet Wellness für Katzen und Schildkröten, Hunde und Hasen an. Für acht Euro pro Tag können Katzenbesitzer ihr Tier verwöhnen lassen - durch Massagen, Streicheln und Spielen. Die Resonanz ist groß: Schon für 2005 sind Katzen eingebucht.

Wellness für die Katz: Noch nie wurde ein Begriff so sehr bis zur Beliebigkeit gestreut. Aber was ist überhaupt Wellness? "Wellness ist Konsum gewordene Esoterik", sagt der Werber Marc Schwieger von Scholz&Friends; "Wellness ist eine Marketingwaffe", analysiert der Zukunftsforscher Matthias Horx. "Die Schere zwischen Wellnepp und Wellness wird immer größer", klagt der Hotelexperte Karl Kadner.

Homepage von Tierarzt Kersebohm: Wellness für die Katz

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Sicher ist nur: Der Markt mit dem Wohlgefühl wächst - nicht trotz, sondern auch wegen der Konjunkturkrise, in der sich manche Menschen ihre Leistungsfähigkeit durch organisiertes Wohlfühlen erkaufen wollen: Nach einer Studie der Wirtschaftsforscher von "Global Insight" hat die Wellness-Branche 2003 einen Umsatz von 65 Milliarden Euro gemacht; im Jahr 2000, zu den Spitzenzeiten der körperaffinen New Economy, waren es gerade einmal 57 Milliarden. 2005 soll der Umsatz auf 73 Milliarden empor schnellen - von diesem Wachstum träumen andere Branchen nur.

Wellness-Schnitzel mit Salatbeilage

Kaffee-Onkel Albert Darboven lässt seinen Idee-Kaffee mit dem Slogan "75 Jahre Wellness" bewerben. Ein österreichischer Gasthof offeriert ein 250-Gramm-"Wellness-Schnitzel" mit Salatbeilage für 11,50 Euro. Die Molkerei Bauer, sonst bekannt durch den eher rustikalen "Der große Bauer"-Joghurt, bietet "immer die richtige Portion Wellness" in der Produktlinie "fit & aktiv" an - etwa einen probiotischen fettarmen Drink.

Doch die Wohlfühl-Inflation durchsetzt nicht nur die Nahrungsmittelbranche: Der Autobauer Opel ließ sein neues Modell Signum betiteln: "Das erste Wellness-Konzept, das auf Motoröl beruht." Der Hemdenhersteller Brennet preist ein "Supersoft-finish-Hemd" mit Aloe Vera an. Und das Gleitgel "Toyfluid", auf Deutsch: "Spielzeugflüssigkeit", macht laut Werbeaussage "alles intensiver und gleichzeitig sanfter. Wellness pur eben". Unlängst plante gar ein Hersteller von Hausgeräten, seine Küchenmixer als "Wellness" zu vermarkten.

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In dieser Beliebigkeit gründet sich aber auch der Erfolg der Wellness: "Der Begriff löst alternativloses Wohlgefallen aus", sagt Werber Schwieger, der sich mit Wellness intensiv beschäftigt hat. Jeder zieht sich etwas Positives heraus, auch weil es kein Antonym, keinen direkten Gegenbegriff, gibt. Was Wunder, dass sich 71 Prozent der Leserinnen der Zeitschrift "Freundin" bei Wellness am besten entspannen können - aber nur 28 Prozent beim Sex und 23 Prozent beim Kochen, wie es in einer Umfrage heißt.

Karl Kadner, der mit drei Handvoll Mitarbeitern Hotels testet, schimpft: "Das Wellness-Gefühl wird oft ziemlich getrübt." Kadner checkt - verkleidet mit unterschiedlichen Brillen und Frisuren - unter einem von zwölf Namen in Hotels ein und arbeitet einen umfangreichen Bewertungsbogen ab. Kritik übt er häufig: Mal dudelt im Spa statt Entspannungsmusik der Verkehrsfunk, mal hat eine Masseuse vorm Durchkneten offenbar Zwiebeln geschält, mal ist das Schwimmbassin voller Grünalgen. Kadner: "Manchmal möchten sie da sofort wieder herausgehen."



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