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Wohlstandsgefälle: Ökonom warnt vor Verarmung durch Inflation

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Sie macht die Reichen nicht reicher, aber die Armen ärmer: Die Inflationsrate hat wegen der enormen Preissteigerungen bei Energie und Lebensmitteln eine Rekordhöhe erreicht. Die Teuerung vertieft die Spaltung der Gesellschaft, warnt Wirtschaftsstatistiker Hans Wolfgang Brachinger.

Hamburg - Alle stöhnen über die Inflation in Deutschland, die mit 3,3 Prozent im Juni den höchsten Stand seit 15 Jahren erreicht. Im gesamten Euro-Bereich macht sie inzwischen sogar 4,0 Prozent aus - das Leben wird immer teurer. Die rasant steigenden Preise für Energie, insbesondere für Öl, aber auch die zunehmenden Kosten für Lebensmittel lassen immer weniger Geld für andere Ausgaben übrig. Doch einkommensschwächere Menschen trifft die Inflation noch viel stärker, als die statistischen Zahlen glauben machen.

Einkauf im Supermarkt: Je niedriger das Einkommen, desto höher die Konsumquote
DPA

Einkauf im Supermarkt: Je niedriger das Einkommen, desto höher die Konsumquote

"Für eine Familie mit drei Kindern und einem verfügbaren Nettoeinkommen von 2600 bis 3600 Euro liegt die Inflationslast in Deutschland sogar bei 4,8 Prozent", sagt Hans Wolfgang Brachinger, Professor an der Universität Fribourg und Präsident der Schweizer Kommission für die Bundesstatistik. Je weniger Einkommen, desto schlechter könnten Menschen die Folgen der Teuerung finanziell abfedern, sagt der aus München stammende Mathematiker und Ökonom und warnt vor der spaltenden Wirkung der Inflation für die Gesellschaft. Zeitweise hat die Inflation für die Beispielsfamilie nach Brachingers Berechnungen sogar über sechs Prozent erreicht - weit entfernt von jener Zwei-Prozent-Grenze, bei der Ökonomen Preisstabilität sehen.

Die amtliche Statistik in Deutschland kennt nur eine Inflationsrate: Das Statistische Bundesamt berechnet den sogenannten Verbraucherpreisindex anhand eines Warenkorbs, der die durchschnittliche Preisentwicklung aller Waren und Dienstleistungen misst, die von privaten Haushalten gekauft werden. In diesem Warenkorb sind rund 700 Güter aller Art erfasst, die unterschiedlich gewichtet werden, je nach Anteil des zur Verfügung stehenden Einkommens, den die Haushalte im Durchschnitt für diese Güterart ausgeben.

Ein Fernseher oder ein Computer hat mehr Gewicht als beispielsweise das Bier in der Kneipe oder die Brötchen oder andere Lebensmittel. Der Index unterscheidet aber nicht nach den Konsumenten - Single-Haushalte fließen hier ebenso ein wie Großfamilien und Rentnerpaare, Gutverdiener ebenso wie Hartz-IV-Empfänger.

"Dieser Index ergibt nach einem durchaus vernünftigen Berechnungssystem einen Wert, der die Teuerung global vergleichbar macht", sagt Brachinger. "Aber er sagt nichts darüber aus, wie unterschiedlich die Teuerung die verschiedenen Einkommensgruppen in einer Gesellschaft trifft."

Brachinger entwickelte daher den sogenannten Inflationslastindex (ILI), der - anders als der ebenfalls von ihm erarbeitete Index der wahrgenommenen Inflation (IWI) - frei von subjektiven psychologischen Komponenten die unterschiedliche Belastung von armen und reichen Haushalten erfasst.

"Der Anteil der Ausgaben für Konsum sinkt mit wachsendem Einkommen: Wer weniger als 900 Euro netto im Monat zur Verfügung hat, gibt 111 Prozent für Konsum aus - er muss also entweder Ersparnisse angreifen oder Schulden aufnehmen", sagt Brachinger. "Wer dagegen ein Einkommen von mehr als 10.000 Euro im Monat netto hat, gibt höchstens 45 Prozent davon für Konsum aus."

Umgekehrt verhalte es sich mit der Sparquote: Wer mehr Geld verdiene, könne entsprechend mehr zur Seite legen. "Bei einem Nettoeinkommen unter 1500 Euro wird praktisch nichts gespart", sagt Brachinger. "Wenn aber gerade häufig gekaufte Waren teurer werden, muss ein immer größerer Teil des verfügbaren Einkommens für die normale Lebenshaltung ausgegeben werden. Der Anteil des Nettoeinkommens, der allein für Lebensmittel, Wohnen und Energie ausgegeben wird, steigt mit sinkendem Einkommen von 36 auf fast 60 Prozent. Für Geringverdiener ist das bisherige Lebenshaltungsniveau nicht mehr zu halten."

Brachinger erfasst die Teuerung für Güter des täglichen Gebrauchs und für langlebige Gebrauchsgüter getrennt und berücksichtigt die Konsum- sowie die Sparquote der Haushalte. Demnach ergibt sich ein differenzierteres Bild: Die Inflationsbelastung eines Haushalts hängt vom verfügbaren Einkommen ab. "Wenn man das berücksichtigt, kommt man zu einem beunruhigenden Ergebnis: Die Reallöhne bei den einkommensschwachen Haushalten sind viel stärker gesunken, als man bisher wahrhaben will. Die hohen Einkommen dagegen werden nicht so stark belastet, zumal diese sich meist besser entwickelt haben als niedrige Einkommen."

Durch die Inflation werden die Reichen also nicht immer reicher, aber die Armen immer ärmer - das Wohlstandsgefälle wächst.

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