Türkischer Bau-Wahn: Wohnen im orientalischen Disneyland

Von Kristina Karasu, Istanbul

Überwachte Wohnanlagen am Rande der Stadt? Für viele Istanbuler ist das der Traum vom modernen Leben. Unsere Autorin hat sich hinter die Stacheldrahtzäune begeben - und entdeckte eine Art Disneyland mitten in der Türkei.

Türkischer Wohntraum: Luxus hinterm Stacheldrahtzaun Fotos
Kristina Karasu

Als ich das erste Mal nach Istanbul kam, erschienen sie mir wie sozialer Wohnungsbau: die Hochhaussiedlungen nahe des Flughafens, gleich neben der Autobahn. Beim genaueren Hinsehen jedoch stutzte ich. Eine Siedlung war geschützt von videoüberwachten Mauern, dazwischen blitzten Palmen, Pools und ein Porsche. Heute weiß ich: In diesen Hochhäusern zu wohnen ist ein Privileg.

Über tausend solcher Anlagen gibt es in Istanbul, Tendenz rasant steigend. Ihr Konzept ähnelt den Gated Communities in den USA oder Südamerika: hochmoderne Wohnungen, je nach Preislage mit Gemeinschaftspool, Tiefgarage und Fitnesscenter. Bewacht von einem 24-stündigen Sicherheitsdienst. Selbst Besucher können nur mit Anmeldung hinein. Für viele Türken - besonders junge Familien - ein Traum. "Kauft euch endlich auch so eine Wohnung" drängen meine türkischen Schwiegereltern. Dass wir eine zentrale Altbauwohnung mit abgewetztem Parkett bevorzugen, widerspricht ihren Vorstellungen von Fortschritt ganz massiv.

Für meine Freundin Olga und ihren Mann Ertugrul ist der Traum wahr geworden, in Küçükçekmece, 20 Kilometer und viele Staus vom Istanbuler Stadtzentrum entfernt. "Avrupa Konutlari" heißt ihre Siedlung, "Europa Wohnungen". Mit dem Namen verbindet man in der Türkei zivilisiertes Wohnen nach westlichem Standard - obwohl es im übrigen Europa solche Anlagen kaum gibt.

"Hier wohnen Ärzte, Anwälte und erfolgreiche Selbstständige"

"Für Istanbuler Verhältnisse ist es die beste Art zu wohnen", findet Olga, "am Anfang fühlten wir uns wie im Hotel". 1108 Wohnungen verteilen sich auf 15 Hochhausblocks. Wir flanieren an einem riesigen Teich mit Wasserfall, umrahmt von gepflegten Pools. Uns begegnen ein Dutzend Angestellter, die unentwegt putzen, reparieren und kontrollieren. Für das Natur-Gefühl stolzieren Enten und ein Pfau über die Wiese.

Die Wohnungen sind praktisch geschnitten. Ganz klar, wo die Sofagarnitur zu stehen hat und wo das Bett. Individualität hat wenig Raum. Das sucht hier auch niemand. Stattdessen gibt etwas viel wichtigeres: Prestige.

Eine Wohnung kostet zwischen 120.000 und 350.000 Euro, das können sich nur Gutsituierte leisten. "Hier wohnen Ärzte, Anwälte und erfolgreiche Selbstständige - alles gebildete Leute" schwärmt eine Besucherin. Dass sich die Nachbarn gegenseitig kaum kennen - nebensächlich. Sie sei sehr froh, dass ihr neugeborenes Enkelkind hier aufwachsen werde.

Während drinnen die Kinder im Pool planschen, läuft draußen vor dem Stacheldrahtzaun eine schwarz verschleierte Frau. Dahinter ragt eine Moschee. Die "Europa Wohnungen" liegen in einem ärmlichen Viertel mit heruntergekommenen Werkstätten, Bauruinen und einem Markt für Opferlämmer. Eine andere Welt, die gar nicht europäisch wirkt.

"Einfach im Viertel herumspazieren, das kann ich natürlich nicht", sagt Olga, "manchmal fühle ich mich wie im Gefängnis." Das ist der Preis für die Exklusivität. Doch den nehmen die Bewohner gern in Kauf, um sich abzugrenzen vom 'einfachen Volk' der Stadt.

Arme Bewohner werden rücksichtslos an den Stadtrand gedrängt

Istanbul wächst rasant, und damit auch die soziale Kluft, die die Stadt durchzieht. Waren es im Jahr 2000 noch etwa 9 Millionen Bewohner, so schätzt man Istanbul heute auf 15 Millionen. Besonders arme, kaum gebildete Migranten aus dem Osten der Türkei strömen in die Stadt. Parallel dazu wächst die kaufkräftige Mittelschicht. Angst und Misstrauen haben Hochkonjunktur - und Gated Communities trumpfen mit dem Versprechen von Sicherheit. Dass es in Istanbul deutlich weniger Gewalt gibt als in vielen anderen Weltmetropolen, will da niemand hören.

Denn die Gated Communities bieten höchst rentable Investitionsmöglichkeiten für Immobilienunternehmen. So entstehen in rasantem Tempo gigantische Wohnparks, auch in den unwirtlichsten Gegenden. Gleichzeitig muss weichen, was nicht lukrativ genug erscheint. Meist bescheidene, illegal erbaute Siedlungen. Deren mittellose Bewohner werden rücksichtslos immer weiter an den Stadtrand gedrängt.

Jede türkische Tageszeitung ist angefüllt mit Werbung für die Gated Communities - die Superlative gehen dabei niemals aus. Die eine hat ein Mega-Shoppingcenter, die nächste lockt mit Freizeitpark und Privatschule. Rausgehen muss da niemand mehr.

"Gated Communities, das neues Symbol der globalen Konsumkultur, sind der ideale Lebensstil für die aufstrebenden Klassen, um mit ihrem Vermögen zu prahlen", so die Istanbuler Politologin Hatice Kurtulus. Wer hineinziehen darf und wer draußen bleibt, darüber entscheidet je nach Gated Community aber nicht bloß das Einkommen. Ebenso wichtig ist, ob man zur Gemeinschaft passt. So gibt es seit ein paar Jahren Villenparks für strenggläubige, neureiche Muslime, in denen man lieber keine geschiedenen Frauen sieht. Wo zwar jeder einen Privatpool hat, in dem aber niemand schwimmt.

In anderen, betont westlichen Anlagen dagegen werden Kopftuchträgerinnen mit abfälligen Blicken gestraft. Die Gesinnungen sind verschieden, doch der Wunsch ist derselbe: unter sich zu sein. In einer komfortablen, kontrollierten Welt zu wohnen, und sei sie auch noch so künstlich.

Die meisten Häuser sind noch gespenstisch leer

Der neueste Hit sind Wohn-Themenparks. So wird in Istanbul momentan eine gigantische Siedlung im Venedig-Stil erbaut. Stilecht wird man in Gondeln zwischen alt anmutenden Palazzi schippern können. "Sie waren noch nie in Venedig? Keine Sorge, wir bringen es zu Ihnen!" tönt es im Werbespot. Etwas zynisch angesichts der Tatsache, dass viele Türken wegen der strikten EU-Visa-Regelungen noch nie in Europa waren.

Ein anderes Projekt hat gar den Bosporus nachgebaut - 20 Kilometer vom Original entfernt. Der Anblick überwältigt mich: Da reihen sich Miniatur-Kopien osmanischer Holzpaläste an einen blau glitzernden Kanal. Bootsanlegestellen, Brücken und Moschee - an alles wurde gedacht. Die größte Villa kostet 1,5 Millionen Euro, für 640 Quadratmeter Wohnfläche. Ein Leben wie ein Sultan! Mit dem kleinen Makel, dass es sich hier anfühlt wie in Disneyland.

Ein Angestellter fährt mich mit dem Motorboot über den Kanal. Die meisten Häuser sind noch gespenstisch leer, im September erwarte man eine große Einzugswelle. Bar Ekinci, stellvertretender Sprecher der Immobilienfirma, schwärmt: "Bosphorus City bietet genau die Ruhe und das Urlaubsgefühl, nach dem sich die Stadtmenschen sehnen." Das wahre Istanbul, mit seinen Widersprüchen, seinem Chaos und seiner geschichtsträchtigen Atmosphäre, bleibt hier bloß eine ferne Erinnerung.

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insgesamt 44 Beiträge
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1. Die privatisierte Dyspotie
Koana 07.10.2012
Zitat von sysopKristina KarasuÜberwachte Wohnanlagen am Rande der Stadt? Für viele Istanbuler ist das der Traum vom modernen Leben. Unsere Autorin hat sich hinter die Stacheldrahtzäune begeben - und entdeckte eine Art Disneyland mitten in der Türkei. http://www.spiegel.de/wirtschaft/wohnen-in-der-tuerkei-immobilien-fuer-reiche-a-853278.html
Ich gönne allen Menschen zutiefst diese Wohsiedlungen, wer weiß, vielleicht besinnen sich die gebildeten, erfolgreichen und privilegierten Mittelklassetypen mit Aufstiegschance in ihren Privatzoos eines Bes seren, vielleicht kapieren sie, dass eine gespaltene Gesellschaft letztlich zum täglichen Horror mutiert - nicht nur für die Verlierer. Es könnte aber auch sein, dass sie eines Tages ihre Macht nutzen und den Unrat vor dem Zaun einfach beseitigen lassen. Maintenance-Roboter dürften in kürze schon mit die Planung socher Anlagen mitbestimmen - sozusagen schwellenfreies Design damit keine Diensthumanoiden mehr die Laune verderben. Wir können den Begriff Dyspotie hiermit als obsolet abtun, die Zukunft ist praktisch schon Vergangenheit!
2. .
Peet89 07.10.2012
Zitat von sysopKristina KarasuÜberwachte Wohnanlagen am Rande der Stadt? Für viele Istanbuler ist das der Traum vom modernen Leben. Unsere Autorin hat sich hinter die Stacheldrahtzäune begeben - und entdeckte eine Art Disneyland mitten in der Türkei. http://www.spiegel.de/wirtschaft/wohnen-in-der-tuerkei-immobilien-fuer-reiche-a-853278.html
Und genau solche Anlagen sind es, die das Verständnis der reichen Leute für die Ärmeren immer weiter auseinander treibt. Denn wer in einer kompletten Scheinwelt lebt, bekommt von der Realität nichts mehr mit. Ich frage mich, wie lange das die Armen dieser Welt noch mit machen - selbe in Deutschland. Wer in einer Privatschule, einer Privathochschule und später in einem Unternehmen ist, wo man sich um Geld keine Sorgen machen muss, kann in meinen Augen kaum kritisch und moralisch denken. Er weiß einfach nicht, wie es ist mit jemanden befreundet zu sein, der ggf. vom Arbeitslosengeld lebt etc. - und da ist das Problem. Diese Leute, die in ihrer Scheinwelt leben, werden dann gerne mal Elite genannt...Seltene Ausnahmen gibt es sicherlich, aber wie gesagt - es sind eher Ausnahmen.
3. Gated communities auch in Osteuropa auf dem Vormarsch
Manamiro 07.10.2012
Mir sind mehrere dieser Anlagen in Polen, Tscheichien und Ungarn bekannt.
4. Wann entsteht die ..
goethestrasse 07.10.2012
Palmeninsel im Marmarameer ?? Alles wiederholt sich. In den 70ern war so was in Deutschland auch begehrt.. Hochhaus mit Schwimmbad. Heute werden dei Wohnungen verschleudertund keiner kann die Nebenkosten mehr zahlen.
5.
caneletto 07.10.2012
Das ganze ist aus den unzähligen Beispielen (erst aus der Industriewelt, dann aus den Schwellenländer) schon längst bekannt. Die nächste Generation der gutsituierten wird den Drang verspühren, sich wider in der Innenstadt zu niederlassen und die gleichen Siedlungen sind dann verpönnt und verwahrlost. Die gleiche Autorin wird dann über die Gentrifizierung und über die Verdrängung der armen Einwohner (die angeblich dort generationenlang gelebt haben) berichten.
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