Schuldenkrise: Ahnungslos in die Euro-Dämmerung

Eine Kolumne von Wolfgang Münchau

Die meisten Bürger ahnen es noch nicht, doch das Endspiel um den Euro hat begonnen: Entweder Europas Regierungen schaffen noch schnell eine politische Union oder die Währungsgemeinschaft zerbricht. Egal, für welchen Weg sie sich entscheiden - für eine billige Lösung ist es wahrscheinlich längst zu spät.

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Euro-Münzen: Zerbricht die Währungsgemeinschaft?

Neulich fuhr ich mit dem Zug von Brüssel nach Deutschland, tief in die westfälische Provinz. Und als ich den Leuten dort im Zug zuhörte, wurde mir plötzlich klar, dass sie von alldem nichts ahnen, was demnächst auf sie zukommen wird. Sie reden natürlich alle über den Euro. Selbst im meinem Abteil entkam ich dem Thema nicht. Doch sie reden über den Euro als ein Problem da draußen, ganz weit weg.

Deutschland und der Rest Europas fühlen sich momentan an wie parallele Universen. Kaum zurück in Brüssel, verfolgte ich eine Diskussion unter Hedgefonds-Managern. Die stritten sich darüber, ob der amerikanische Investor George Soros nicht doch zu optimistisch gewesen sei mit seiner Aussage, der Euro drohe in drei Monaten zusammenzubrechen. Es könne durchaus auch schneller gehen.

Einer der Manager war sich sicher, dass der Euro den Monat Juni nicht überleben werde. Dass es früher oder später mit dem Euro zu Ende geht, gilt in der Branche mittlerweile als gesetzt. Und zum ersten Mal höre ich, dass Profis hohe Wetten auf einen Zusammenbruch der Euro-Zone abschließen. Es sind diesmal nicht nur die üblichen Spekulanten. Die Zockerei mit der Euro-Dämmerung hat begonnen.

Ein Grund für diesen Pessimismus sind die extrem zunehmenden Ungleichgewichte innerhalb der Euro-Zone. Es sind zum Teil technische Daten, die früher kaum jemand beachtet hat: etwa der rasante Anstieg der deutschen Forderungen im innereuropäischen Zahlungssystem "Target 2" oder die rapide steigenden Notkredite einiger nationaler Zentralbanken. All dies sind Anzeichen dafür, dass das System hochgradig instabil geworden ist und gerade dabei ist, aus den Fugen zu geraten.

Warum sollte Spanien die Kredite überhaupt noch bedienen?

Ich teile nicht die präzisen Zeitprognosen, die die Hedgefonds-Manager abgeben. Wir haben im Dezember vergangenen Jahres gesehen, dass die Europäische Zentralbank solche Voraussagen durchkreuzen kann, wenn sie das System mit Geldspritzen noch ein bisschen länger am Leben erhält.

Die Grundrichtung der Analyse ist aber richtig. Wir steuern auf eine Weggabelung zu, die uns vor die Wahl zwischen zwei extrem kostspieligen Pfaden stellen wird: eine hastig verhandelte politische Union oder der Weg zurück zu nationalen Währungen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel und die anderen europäischen Regierungschefs haben ihr Wahlvolk bislang noch nicht darauf vorbereitet, was in den nächsten Monaten auf uns zukommen wird. Das Schlimmste sind gar nicht mal die ganzen Versprechen, die gebrochen werden müssen. Es sind die finanziellen, sozialen und politischen Kosten der Entscheidung, egal wie sie ausfällt.

Wenn wir die Währungsunion zusammenbrechen lassen, dann kommen auf Deutschland enorme Kosten zu. Die im "Target 2"-System ausgewiesen Forderungen von derzeit rund 650 Milliarden Euro wären zum Teil verloren. Die zusätzlichen mehr als 200 Milliarden Euro aus den Rettungsschirmen wären dagegen nur Kleingeld.

Hinzu kämen viele hundert Milliarden, die die Bundesregierung dafür aufbringen müsste, deutsche Banken mit neuem Kapital zu versorgen. Denn die Kredite deutscher Banken etwa in Spanien oder Portugal würden mit einem Austritt dieser Länder hohe Verluste bringen, die die Banken selbst nicht mehr decken könnten. Und warum sollte Spanien diese Kredite dann überhaupt noch bedienen? Das Land hätte in einem solchen Fall schließlich ganz andere Sorgen.

Für eine Rettung ist es möglicherweise schon zu spät

Der Weg in die andere Richtung könnte ähnlich ruinös werden, je nachdem, wie man es anstellt. Die erste Etappe in Richtung eines europäischen Föderalstaats wäre eine Bankenunion, einschließlich einer sofortigen Vollkaskoversicherung für alle Sparguthaben. Eine solche Garantie würde zwischen vier und neun Billionen Euro umfassen. Das sind rundgerechnet das Zwei- bis Fünffache der Gesamtkosten für die deutsche Einheit. Eine solche Versicherung ist notwendig, um zu verhindern, dass sich der Sturm auf die Banken in den Krisenländern beschleunigt.

Eine Bankenunion wäre in der Tat eine Revolution. Die Banker wären dann so europäisiert wie die Bauern. Es könnte dann sein, dass am frühen Morgen ein Brüsseler Beamter in eine Bankzentrale einmarschiert und das Institut dichtmacht. Die Banken wären dann keine deutschen oder spanischen mehr, sondern europäische. Vor einem Jahr sprach man noch von Minimallösungen. Jetzt wissen wir nicht einmal, ob die Maximallösungen noch ausreichen werden.

Bislang habe ich geglaubt, kein rational denkender Politiker würde einen unkontrollierten Zusammenbruchs der Währungsunion zulassen. Ich glaube das letztlich immer noch, doch möglicherweise ist es für eine Rettung schon zu spät. Es besteht die Gefahr, dass sich die Ereignisse überschlagen, bevor die Politik reagieren kann.

Herman Van Rompuy, der Präsident des Europäischen Rates, bastelt jetzt mit Hochgeschwindigkeit an einer Bankenunion, einer Fiskalunion und einer politischen Union. Das ist in der Tat eine bemerkenswerte Entwicklung. Aber kann er das in der kurzen Zeit von wenigen Wochen und Monaten schaffen? Die Investoren an den Finanzmärkten wollen konkrete Beschlüsse sehen, keine Verlautbarungen und vor allem keine Verwässerungen.

Auf meiner Zugfahrt über die westfälischen Dörfer wurde ich durch Zufall Zeuge eines Gesprächs, das mir die politische Problematik mit einem Schlag deutlich machte. Ein frisch gewählter Landtagsabgeordneter, Christdemokrat, setzte sich in unser Abteil, in dem ein weiterer Mann saß, der sich sofort als einer seiner Wähler vorstellte. Es war ein lauter, mittelständischer Unternehmer. Er sprach den Politiker alsbald auf den Euro an und erklärte, die Griechen seien wie Realschüler, die zur Universität geschickt wurden und dort nicht wettbewerbsfähig seien. Dem CDU-Mann war sichtlich unwohl, aber er ließ den Schwall an Vorurteilen über sich ergehen.

Die Narrative dieser Krise sind völlig außer Kontrolle geraten, und die Politik weiß nicht, wie sie sie wieder einfängt. Das geht Merkel nicht anders. Vielleicht kommt die politische Union. Vielleicht kommt der Zusammenbruch. Eines von beiden wird aber kommen, und Deutschland hat sich auf keines der beiden Szenarien vorbereitet.

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insgesamt 470 Beiträge
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1.
Schalke 06.06.2012
Zitat von sysopDie meisten Bürger ahnen es noch nicht, doch das Endspiel um den Euro hat begonnen: Entweder Europas Regierungen schaffen noch schnell eine politische Union oder die Währungsgemeinschaft zerbricht. Egal, für welchen Weg sie sich entscheiden - für eine billige Lösung ist es wahrscheinlich längst zu spät. Wolfgang Münchau: Die Euro-Zone steht vor dem Zusammenbruch - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,837214,00.html)
Wird Zeit! Dann hat der Spuk nach insgesamt 13 Jahren endlich ein Ende. Die Welt wird NICHT untergehen und die Währung danach, wie auch immer sie heißen mag, wird die deutsche Industrie nicht in den Abgrund reißen. Das Problem wird eher sein, daß am eigentlichen System des Geldes, der Geldschöpfung und der Banken nichts geändert werden wird.
2. wetten?
juergenwolfgang 06.06.2012
Zitat von sysopDie meisten Bürger ahnen es noch nicht, doch das Endspiel um den Euro hat begonnen: Entweder Europas Regierungen schaffen noch schnell eine politische Union oder die Währungsgemeinschaft zerbricht. Egal, für welchen Weg sie sich entscheiden - für eine billige Lösung ist es wahrscheinlich längst zu spät. Wolfgang Münchau: Die Euro-Zone steht vor dem Zusammenbruch - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,837214,00.html)
Tja was wird kommen? Ich sage wir bekommen eine richtig schöne gesalzene Inflation! Weichgekocht werden wir ja gerade schon Wetten?
3. goodbye €uro
zephyros 06.06.2012
lieber ein Ende mit Schrecken - als ein Schrecken ohne Ende
4. Kann der SPIEGEL keinen anderen Autor aufbieten?
Neapolitaner 06.06.2012
Zitat von sysopDie meisten Bürger ahnen es noch nicht, doch das Endspiel um den Euro hat begonnen: Entweder Europas Regierungen schaffen noch schnell eine politische Union oder die Währungsgemeinschaft zerbricht. Egal, für welchen Weg sie sich entscheiden - für eine billige Lösung ist es wahrscheinlich längst zu spät. Wolfgang Münchau: Die Euro-Zone steht vor dem Zusammenbruch - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,837214,00.html)
...Bankenrettung mit Einlagengarantie ... zwischen 4 und 9 Billionen ... davon träumt Goldman-Sachs wohl, dass der Deutsche Fiskus zur Rückversicherung des internationalen Finanzsystems mutiert.
5.
Sleeper_in_Metropolis 06.06.2012
Nicht das ich über die Maßen viel Ahnung von der Materie hätte, aber die Prophezeiung über den baldigen Untergang des Euros ist in etwa so alt wie der Euro selber. Selbst vor seiner Einführung gab es einige, die sich sicher waren, das der Euro nicht sehr alt werden wird. Alle Jahre wieder passierte in der Finanzwelt irgendwas, das das Untergangsszenario des Euros auf's neue in die Diskussion pushte. In der Finanzwelt ist ja irgendwie auch immer Krise. Bis jetzt lebt der Euro aber noch, und es würde mich nicht wundern, wenn er das in zehn und mehr Jahren auch noch täte (auch wenn vieleicht das ein oder andere Land den Euro nicht mehr hat).
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Wolfgang Münchau

Wolfgang Münchau ist Associate Editor und Kolumnist der "Financial Times" und Mitbegründer von www.eurointelligence.com, einem Informationsdienst über den Euro-Raum. Er gründete die "Financial Times Deutschland" mit und war deren Co-Chefredakteur. Zuvor arbeitete Münchau als Korrespondent englischer Zeitungen in Washington, Brüssel und Frankfurt am Main. Er lebt und wohnt in Großbritannien und hat mehrere Bücher zur internationalen Finanzkrise veröffentlicht.


So funktioniert der Rettungsfonds ESM
Volumen
Der Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM) kann bis zu 500 Milliarden Euro an Hilfsgeldern vergeben. Nur 80 Milliarden Euro davon werden wirklich eingezahlt, der Rest sind Garantien. Nicht angerechnet werden die bereits vergebenen Hilfen aus dem vorläufigen Rettungsfonds EFSF sowie bilaterale Kredite der Euro-Staaten an Griechenland.
Einzahlung
Die 80 Milliarden Euro Kapital werden in fünf Tranchen eingezahlt; zwei im Jahr 2012, zwei weitere 2013 und eine letzte bis Mitte 2014. Erst dann hat der Fonds sein komplettes Ausleihvolumen von 500 Milliarden Euro erreicht. Bis dahin kann es eng werden: Der ESM muss stets 15 Prozent von dem Geld besitzen, das er in Notfällen verleiht. Er müsste also 15 Milliarden Euro besitzen, um ein Rettungspaket von 100 Milliarden Euro schnüren zu können. Um für eine Übergangsphase gerüstet zu sein, soll der vorläufige Rettungsfonds EFSF noch bis Mitte 2013 einspringen können, falls der ESM noch nicht ausreichend gefüllt ist. Im EFSF befinden sich noch rund 240 Milliarden Euro, die nicht für bestehende Hilfsprogramme ausgegeben wurden.
Aufgabe
Der ESM soll Mitgliedsländern der Euro-Zone helfen, die Schwierigkeiten haben, sich am Finanzmarkt frisches Geld zu leihen - etwa wenn die Zinsen für Staatsanleihen zu hoch sind, um sie dauerhaft zahlen zu können. Es gibt keine feste Definition, ab welchem Zinsniveau Staaten Hilfe beantragen müssen oder können - als Faustregel gelten aber sieben Prozent für zehnjährige Staatsanleihen. Bei Erreichen dieses Werts hatten Länder wie Portugal oder Irland Hilfen aus dem Vorgängerfonds EFSF beantragt. Im Gegenzug für Hilfen aus den Rettungsfonds müssen die Krisenländer strenge Sparauflagen einhalten und Strukturreformen beschließen.