Schuldenkrise: Ahnungslos in die Euro-Dämmerung
Die meisten Bürger ahnen es noch nicht, doch das Endspiel um den Euro hat begonnen: Entweder Europas Regierungen schaffen noch schnell eine politische Union oder die Währungsgemeinschaft zerbricht. Egal, für welchen Weg sie sich entscheiden - für eine billige Lösung ist es wahrscheinlich längst zu spät.
Neulich fuhr ich mit dem Zug von Brüssel nach Deutschland, tief in die westfälische Provinz. Und als ich den Leuten dort im Zug zuhörte, wurde mir plötzlich klar, dass sie von alldem nichts ahnen, was demnächst auf sie zukommen wird. Sie reden natürlich alle über den Euro. Selbst im meinem Abteil entkam ich dem Thema nicht. Doch sie reden über den Euro als ein Problem da draußen, ganz weit weg.
Deutschland und der Rest Europas fühlen sich momentan an wie parallele Universen. Kaum zurück in Brüssel, verfolgte ich eine Diskussion unter Hedgefonds-Managern. Die stritten sich darüber, ob der amerikanische Investor George Soros nicht doch zu optimistisch gewesen sei mit seiner Aussage, der Euro drohe in drei Monaten zusammenzubrechen. Es könne durchaus auch schneller gehen.
Einer der Manager war sich sicher, dass der Euro den Monat Juni nicht überleben werde. Dass es früher oder später mit dem Euro zu Ende geht, gilt in der Branche mittlerweile als gesetzt. Und zum ersten Mal höre ich, dass Profis hohe Wetten auf einen Zusammenbruch der Euro-Zone abschließen. Es sind diesmal nicht nur die üblichen Spekulanten. Die Zockerei mit der Euro-Dämmerung hat begonnen.
Ein Grund für diesen Pessimismus sind die extrem zunehmenden Ungleichgewichte innerhalb der Euro-Zone. Es sind zum Teil technische Daten, die früher kaum jemand beachtet hat: etwa der rasante Anstieg der deutschen Forderungen im innereuropäischen Zahlungssystem "Target 2" oder die rapide steigenden Notkredite einiger nationaler Zentralbanken. All dies sind Anzeichen dafür, dass das System hochgradig instabil geworden ist und gerade dabei ist, aus den Fugen zu geraten.
Warum sollte Spanien die Kredite überhaupt noch bedienen?
Ich teile nicht die präzisen Zeitprognosen, die die Hedgefonds-Manager abgeben. Wir haben im Dezember vergangenen Jahres gesehen, dass die Europäische Zentralbank solche Voraussagen durchkreuzen kann, wenn sie das System mit Geldspritzen noch ein bisschen länger am Leben erhält.
Die Grundrichtung der Analyse ist aber richtig. Wir steuern auf eine Weggabelung zu, die uns vor die Wahl zwischen zwei extrem kostspieligen Pfaden stellen wird: eine hastig verhandelte politische Union oder der Weg zurück zu nationalen Währungen.
Bundeskanzlerin Angela Merkel und die anderen europäischen Regierungschefs haben ihr Wahlvolk bislang noch nicht darauf vorbereitet, was in den nächsten Monaten auf uns zukommen wird. Das Schlimmste sind gar nicht mal die ganzen Versprechen, die gebrochen werden müssen. Es sind die finanziellen, sozialen und politischen Kosten der Entscheidung, egal wie sie ausfällt.
Wenn wir die Währungsunion zusammenbrechen lassen, dann kommen auf Deutschland enorme Kosten zu. Die im "Target 2"-System ausgewiesen Forderungen von derzeit rund 650 Milliarden Euro wären zum Teil verloren. Die zusätzlichen mehr als 200 Milliarden Euro aus den Rettungsschirmen wären dagegen nur Kleingeld.
Hinzu kämen viele hundert Milliarden, die die Bundesregierung dafür aufbringen müsste, deutsche Banken mit neuem Kapital zu versorgen. Denn die Kredite deutscher Banken etwa in Spanien oder Portugal würden mit einem Austritt dieser Länder hohe Verluste bringen, die die Banken selbst nicht mehr decken könnten. Und warum sollte Spanien diese Kredite dann überhaupt noch bedienen? Das Land hätte in einem solchen Fall schließlich ganz andere Sorgen.
Für eine Rettung ist es möglicherweise schon zu spät
Der Weg in die andere Richtung könnte ähnlich ruinös werden, je nachdem, wie man es anstellt. Die erste Etappe in Richtung eines europäischen Föderalstaats wäre eine Bankenunion, einschließlich einer sofortigen Vollkaskoversicherung für alle Sparguthaben. Eine solche Garantie würde zwischen vier und neun Billionen Euro umfassen. Das sind rundgerechnet das Zwei- bis Fünffache der Gesamtkosten für die deutsche Einheit. Eine solche Versicherung ist notwendig, um zu verhindern, dass sich der Sturm auf die Banken in den Krisenländern beschleunigt.
Eine Bankenunion wäre in der Tat eine Revolution. Die Banker wären dann so europäisiert wie die Bauern. Es könnte dann sein, dass am frühen Morgen ein Brüsseler Beamter in eine Bankzentrale einmarschiert und das Institut dichtmacht. Die Banken wären dann keine deutschen oder spanischen mehr, sondern europäische. Vor einem Jahr sprach man noch von Minimallösungen. Jetzt wissen wir nicht einmal, ob die Maximallösungen noch ausreichen werden.
Bislang habe ich geglaubt, kein rational denkender Politiker würde einen unkontrollierten Zusammenbruchs der Währungsunion zulassen. Ich glaube das letztlich immer noch, doch möglicherweise ist es für eine Rettung schon zu spät. Es besteht die Gefahr, dass sich die Ereignisse überschlagen, bevor die Politik reagieren kann.
Herman Van Rompuy, der Präsident des Europäischen Rates, bastelt jetzt mit Hochgeschwindigkeit an einer Bankenunion, einer Fiskalunion und einer politischen Union. Das ist in der Tat eine bemerkenswerte Entwicklung. Aber kann er das in der kurzen Zeit von wenigen Wochen und Monaten schaffen? Die Investoren an den Finanzmärkten wollen konkrete Beschlüsse sehen, keine Verlautbarungen und vor allem keine Verwässerungen.
Auf meiner Zugfahrt über die westfälischen Dörfer wurde ich durch Zufall Zeuge eines Gesprächs, das mir die politische Problematik mit einem Schlag deutlich machte. Ein frisch gewählter Landtagsabgeordneter, Christdemokrat, setzte sich in unser Abteil, in dem ein weiterer Mann saß, der sich sofort als einer seiner Wähler vorstellte. Es war ein lauter, mittelständischer Unternehmer. Er sprach den Politiker alsbald auf den Euro an und erklärte, die Griechen seien wie Realschüler, die zur Universität geschickt wurden und dort nicht wettbewerbsfähig seien. Dem CDU-Mann war sichtlich unwohl, aber er ließ den Schwall an Vorurteilen über sich ergehen.
Die Narrative dieser Krise sind völlig außer Kontrolle geraten, und die Politik weiß nicht, wie sie sie wieder einfängt. Das geht Merkel nicht anders. Vielleicht kommt die politische Union. Vielleicht kommt der Zusammenbruch. Eines von beiden wird aber kommen, und Deutschland hat sich auf keines der beiden Szenarien vorbereitet.
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- Mittwoch, 06.06.2012 – 15:35 Uhr
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Wolfgang Münchau ist Associate Editor und Kolumnist der "Financial Times" und Mitbegründer von www.eurointelligence.com, einem Informationsdienst über den Euro-Raum. Er gründete die "Financial Times Deutschland" mit und war deren Co-Chefredakteur. Zuvor arbeitete Münchau als Korrespondent englischer Zeitungen in Washington, Brüssel und Frankfurt am Main. Er lebt und wohnt in Brüssel und hat mehrere Bücher zur internationalen Finanzkrise veröffentlicht.
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