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S.P.O.N. - Die Spur des Geldes: Die Gefahren des Jahres 2014

Eine Kolumne von

Was haben 1914 und 2014 gemeinsam? Leider recht viel. Die aktuelle Lage der Euro-Krise erinnert fatal an die Monate vor dem Ersten Weltkrieg. Angela Merkel hat das erkannt - und handelt trotzdem falsch.

Sie sind auf hoher See in einem gewaltigen Sturm. Sie überleben, der Sturm flaut ab. Sie holen den Sonnenschirm heraus. Oder greifen zur Flasche. Ein paar Stunden später merken Sie, dass die Ruhe trügt. Der Sturm war nicht vorbei. Sie waren in seinem Auge.

So sehe ich die Wirtschaft Ende des Jahres 2014. Was mich völlig überraschte, war, dass auch Angela Merkel das so sieht. Laut einem Bericht der französischen Zeitung "Le Monde" hat Merkel beim Abendessen während des EU-Gipfels letzte Woche so richtig Dampf abgelassen. Der Euro fliege in die Luft, so die Kanzlerin, wenn die anderen Länder nicht anfingen, ihre Wirtschaft zu reformieren.

Und dann zitierte sie ein Buch, das sie vor kurzem gelesen hat: "Die Schlafwandler - wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog", von Christopher Clark, eine der besten Analysen über die Vorgeschichte des Krieges. Die Parallelen, auf die Merkel laut diesem Zeitungsbericht anspielte, waren offensichtlich. Wir befinden uns wirtschaftspolitisch in einer gefährlichen Zeit. Wenn wir nichts unternehmen, steuern wir auf einen Unfall mit unkalkulierbaren Kosten zu. Die Kanzlerin schien tatsächlich nervös.

Es gibt, sehr grob gestrickt, zwei Krisenanalysen, eine strukturkonservative und eine Euro-föderale. Sie sind völlig unterschiedlich, kommen aber in einem Punkt zum gleichen Ergebnis. Nach der konservativen Analyse - der von Merkel -, sollte man Geld- und Fiskalpolitik festzurren, starren Regeln unterwerfen und die Märkte derart flexibilisieren, dass alle Schocks über die reale Wirtschaft abgewickelt werden können. Die Euro-föderale Analyse beobachtet zunächst, dass alle Währungsunionen der Vergangenheit zerbrachen, die sich nicht in eine politische Union entwickelten. Die Bewältigung der Euro-Krise verlangt zwingend die Schaffung einer übergeordneten staatlichen Einheit auf europäischer Ebene, die über ein Mindestmaß an wirtschaftspolitischer Souveränität verfügen muss - unter anderem das Recht der Steuererhebung und das Recht der Verschuldung.

Am Ende wird diese Politik explodieren

Beide Seiten haben Grund zu Pessimismus. Die strukturkonservative Bundeskanzlerin sieht mit Schrecken, dass Frankreich, Spanien und Italien keineswegs geneigt sind, deutsch zu werden. Euro-föderale Kritiker wie ich sind darüber enttäuscht, dass es weder eine Fiskalunion noch eine echte Bankenunion geben wird. Für uns ist das, was letzte Woche beschlossen wurde, keine Bankenunion, sondern nur ein schlechter Witz. Jedes Land bleibt für seinen eigenen Bankensektor verantwortlich. Das vorrangige ökonomische Ziel, die Risiken von Banken und Staaten zu trennen, ist dahin. Stattdessen ist die Bankenunion nur noch ein komplizierter administrativer Prozess.

Wir lösen die Euro-Krise also weder über eine politische Integration, noch über Markt-Anpassungsmechanismen. Beide Seiten verlieren. Die Krise bleibt unbewältigt. In der Zwischenzeit leidet die europäische Wirtschaft an einer gefährlichen Kettenreaktion. Die Banken bauen ihre Risiken ab, indem sie weniger an Unternehmen verleihen, was wiederum die Kreditklemme in der Peripherie verstärkt. Durch die Deflation steigt der reale Wert der Schulden. Ein Schuldenschnitt ist in Griechenland - und nicht nur dort - nur noch eine Frage der Zeit. Da es dafür aber keinen institutionellen Rahmen gibt, keine rechtlichen Voraussetzungen und schon gar nicht eine politische Bereitschaft, wird man diesen Moment der Wahrheit hinauszögern und später minimieren. Dass so eine Politik am Ende explodiert, sollte dann nicht überraschen.

Der Weg, den die Bundeskanzlerin einschlagen möchte, funktioniert sicher für einige Länder, aber nicht für alle. Ich glaube Merkel, dass sie die Währungsunion stärken möchte. Ländern mit ähnlicher Wirtschaftsstruktur wie Deutschland, etwa Österreich oder die Niederlande, haben kein Problem damit, sich in einer deutsch-dominierten Währungsunion unterzuordnen. Kommt es zu Schocks, richtet das die Realwirtschaft durch Verschiebungen von Güterpreisen und Löhnen.

Gegenseitige Blockade

Aber kann das auch mit Italien funktionieren? Italien ist es nicht einmal gelungen, seinen Süden und seinen Norden zusammenzubringen. Wie sollte die Konvergenz eines solchen großen Landes mit Deutschland funktionieren? Glaubt jemand ernsthaft daran, dass man Italiens Arbeitsmarktpolitik derart liberalisieren kann? Dass man die staatlichen Beteiligungen mal so eben veräußern kann? Dass man die Reichen des Landes mal eben so besteuert, dass sie einen fairen Beitrag zur Rückführung der Schulden leisten? Es wird zu politisch fein kalibrierten Reformen kommen, aber es wird nicht das sein, was man in Deutschland erwartet. Auch der spanische Ministerpräsident wird seine Wiederwahl in zwei Jahren nicht dadurch gefährden, dass er Merkels Weisungen befolgt. Merkels Konzept ist ein ungewollt hegemonisches. Deutschland drückt zwar allen sein System auf, ist aber nur widerwillig bereit, den Hegemon zu spielen.

Da sich jetzt alle Beteiligten perfekt gegenseitig blockieren, passiert gerade nichts. Das Schiff driftet. Irgendwann kommt es an das Ende vom Auge des Sturms. Was dann passiert, ist ergebnisoffen. Ohne den historischen Vergleich überzustrapazieren, es gibt in der Tat einige, spezifische Parallelen mit 1913/14.

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insgesamt 301 Beiträge
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1. Schein
Mannfreed 25.12.2013
Solange alles so scheint, als wäre alles in Ordnung, entsteht kein Druck zur Veränderung. Und wenn dieser Druck entsteht, wird es zu spät sein. Ich habe für 2014 ein ziemlich mieses Gefühl.
2.
panda 25.12.2013
Zitat von sysopWas haben 1914 und 2014 gemeinsam? Leider recht viel. Die aktuelle Lage der Euro-Krise erinnert fatal an die Monate vor dem Ersten Weltkrieg. Angela Merkel hat das erkannt - und handelt trotzdem falsch. http://www.spiegel.de/wirtschaft/wolfgang-muenchau-die-gefahren-des-jahres-2014-a-940763.html
Da mag was dran sein. Aber wie stellt sich Hr. Münchau die passende Lösung vor? Dies ist mir aus seinem Artikel nicht recht klar geworden. Lamentieren kann schließlich jeder, ich auch. Vielleicht ist er ja ebenso schlau wie der Rest der Menschheit zu diesem Thema. Bei aller Brisanz. Mir ist deutlich lieber, dass Fr. Merkel auf Reformen und damit mehr Verantwortung in den relevanten Ländern besteht anstatt deren politische Unvernunft dort endlos treiben zu lassen und ganz Europa zum Einsturz bringt. Sie darf sich keinesfalls einschüchtern lassen, auch wenn das Hitlerbärtchen auf Plakaten noch weiter wachsen wird. Die beste Lösung die ich zwischenzeitlich sehe, wäre der Austritt von Griechenland & Co aus dem Währungsverbund. Dies wäre ein Stück gelebte Verantwortung.
3. Murksel hat etwas erkannt?
Baikal 25.12.2013
Ach geh, die arbeitet nur ihr vom ERT, Davos und Mafia Draghi aufgegebenes Programm ab, fein im Zusammenspiel mit Schäuble der - wenn überhaupt - nur eins erkannt hat: seine Chance trotz aller verpassten Gelegenheiten doch noch in die Geschichtsbücher einzugehen: wenn schon nicht als deutscher Kanzler, dann eben als europäischer Steuermann. Kein Mensch weiß, wie sich diese "Euro-Krise" lösen läßt und kann das auch nicht wissen da bei bei der Konstruktion des Euro-Bereichs die Krise eingebaut und als Vehikel von Sozialabbau und Disziplinierung des Arbeitsmarktes dient und dienen soll.
4. für eine Politische Union fehlt jede demokratische Legitimation
Eddi Blanca 25.12.2013
Die Anhänger der euro-föderalen Krisenanalyse sollten nicht ganz vergessen, dass es für eine "...übergeordneten staatlichen Einheit auf europäischer Ebene" bisher keine demokratische Legitimation gibt! Demokratie und das Selbstbestimmungsrecht der Völker sind politische Grundwerte, die unbedingt respektiert werden müssen. Die politischen Eliten in Europa haben kein Recht, über die Köpfe ihrer Bürger hinweg Entscheidungen mit solcher Tragweite zu treffen. Das können nur die Bürger Europas selbst z.B. in einem Referendum!!!
5. Der europäische Staat braucht viel zu lange
kabian 25.12.2013
Schon längst hätte es einen europäischen Staat geben müssen. So halbherzig, nur auf die Stärkung der Wirtschaft ausgerichtet hat er keine Chance. Das Vertrauen ist dahin, die verwaltung viel zu schwerfällig. Die Bürger entäuscht. Zur Zeit sehe ich nichts, was für eine gemeinsame Zukunft in Europa spricht. Es deutet eher darauf hin, das Europa langfristig zerfällt und nur noch eine Art Hanse übrigbleibt. Europa wird wohl langfristig von Russland oder den USA geschluckt werden.
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Wolfgang Münchau

Wolfgang Münchau ist Associate Editor und Kolumnist der "Financial Times" und Mitbegründer von www.eurointelligence.com, einem Informationsdienst über den Euro-Raum. Er gründete die "Financial Times Deutschland" mit und war deren Co-Chefredakteur. Zuvor arbeitete Münchau als Korrespondent englischer Zeitungen in Washington, Brüssel und Frankfurt am Main. Er lebt und wohnt in Großbritannien und hat mehrere Bücher zur internationalen Finanzkrise veröffentlicht.

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